Immer mehr Museen bieten spezielle Angebote für Menschen mit Demenz an.

Die Zahlen sind alarmierend. Bis 2050, so eine Schätzung, soll die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen in Deutschland auf rund drei Millionen steigen. Und diese Prognose, sie ist noch vorsichtig. Jeder zweite Deutsche fürchtet die Demenz, nimmt sie doch Erinnerungen, Selbstständigkeit und Lebensqualität.

Seit einigen Jahren schon stehen zwar Medikamente zur Behandlung von Demenzerkrankungen zur Verfügung, sogenannte Antidementiva, die Wirksamkeit schwankt jedoch stark – sowohl von Präparat zu Präparat als auch von Patient zu Patient. Darüber hinaus gibt es jedoch auch etliche nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden zur Unterstützung einer Therapie, darunter Gedächtnistraining, sogenannte Biografiearbeit, die "Daseinsthematische Begleitung", eine Validationstherapie, die auf einer wertschätzenden Begegnung mit Demenzkranken beruht oder die MAKS-Therapie aus vier Komponenten: motorische, alltagspraktische, kognitive Aktivierung mit spiritueller Einstimmung.

All diese Therapien können die Symptome einer Demenz, zu der neben Gedächtnisstörungen auch motorische Probleme oder Verhaltensstörungen zählen können, eindämmen, heilbar aber ist Demenz nach heutigem Stand der Forschung nicht.

Spezielle Angebote für Menschen mit Demenz

Neben der medizinischen Betreuung gibt es jedoch auch soziale Ansätze, der Demenz zu begegnen. Eine davon: Museumsbesuche. Tatsächlich bieten immer mehr Häuser spezielle Angebote für Menschen mit Demenz an, die ihnen nicht nur die Teilhabe am kulturellen Alltag weiterhin ermöglichen, sondern auch positiv auf den Krankheitsverlauf Einfluss nehmen sollen.

Im Duisburger Lehmbruck-Museum beispielsweise spielen Angebote für Demenzkranke schon seit Jahren eine wichtige Rolle. Sowohl für Betroffene selbst, als auch für ihre Angehörigen bietet das Museum spezielle Führungen und Workshops an, durch die sowohl die intellektuellen Fähigkeiten aktiviert als auch das emotionale Erleben stimuliert werden soll. Das Haus nimmt eine Vorreiterstellung in diesem Bereich ein – und von 2012 bis 2015 wurde hier vom "International Institute for Subjective Experience and Research" an der Medical School in Hamburg eine Studie zur kulturellen Teilhabe von Menschen mit Demenz im Museumsraum durchgeführt.

Eines der Ergebnisse: Das Museum ist als sozialer und kultureller Erfahrungsraum für Menschen mit demenziellen Veränderungen besonders gut geeignet, da die ästhetischen Qualitäten von Kunst sich nicht in erster Linie kognitiv und sprachlich vermitteln, sondern vor allem über das sinnliche und emotionale Erleben. Und mag die Demenz auch Erinnerungen erschweren und die Gedächtnisleistung herabsetzen, Emotionen und Sinneseindrücken wird sie weit weniger gefährlich.

Begonnen hat alles im New Yorker Museum of Modern Art. Nach und nach kamen auch in Deutschland Häuser dazu, die solche speziellen Angebote in ihr Programm aufnahmen, und heute gibt es eine ganze Reihe Museen, für die dieses Thema zum Museumsalltag gehört. Ihnen allen gemein: Speziell geschultes Personal nimmt sich Zeit für die Besucher und geht ganz geziel auf ihre Bedürfnisse ein. "Wir gestalten die Kunstrezeption nicht im klassischen Sinn eines Vortrags, sondern bemühen uns, sie den Bedürfnissen der Menschen anzupassen", sagt Sybille Kastner, Museumspädagogin im Lehmbruck-Museum. "Deshalb setzen wir auf dialogische Führungen, wobei es unser Ziel ist, nicht etwas Besonderes für Menschen mit Demenz anzubieten, sondern ihnen im Gegenteil zu ermöglichen, ein Stück Alltag zu erleben."

Worum es jedoch nicht geht: um das Wiedererkennen, das sei sogar hinderlich, sagt Kastner. "Das Besondere ist ja, dass die Kunst einen so offenen Raum ermöglicht, in dem man nicht so leicht scheitern kann. Es geht uns gerade nicht darum, dass das, was die Menschen über ein Werk sagen, richtig oder falsch ist. Wir knüpfen an die Wahrnehmung an, und die ist an sich erst mal richtig." Was immer wieder auffällt: Menschen, die an Demenz erkrankt sind, kennen weniger Hemmungen, auch wenn es darum geht, was ihnen gefällt, was sie von einem Kunstwerk halten.

Doch nicht nur die theoretische Beschäftigung mit Kunstwerken, mit Assoziationen und Emotionen, die diese auslösen, gehört zu den Demenz- Projekten, auch praktische Workshops können Betroffenen weiterhelfen. Hier geht es unter anderem auch darum, sich etwas zuzutrauen, aber auch darum, in einer Gruppe mit ebenfalls Betroffenen zu merken: Man ist nicht alleine mit dieser Krankheit. Auch in Duisburg gibt es solche Workshops in Form eines offenen Ateliers, das Patienten und ein Begleiter oder Angehöriger besuchen können. Das Besondere hierbei: "Hier erleben sich Paare wieder als gleichwertig, was im Alltag aufgrund der verloren gegangenen Kompetenzen bei Menschen mit Demenz manchmal gar nicht mehr so einfach ist", so Kastner.

Wunder jedoch können auch all diese Ideen nicht bewirken. Zwar gibt es erste Erkenntnisse, dass beispielsweise die Kommunikation oder die Beziehung zwischen dem Patienten und seinen Bezugspersonen verbessert werden kann, das sich das Sprachvolumen, das oft eingeschränkt ist, in der Beschäftigung mit Kunst erhöht oder dass phlegmatische Personen mobiler und eher unruhige oder sogar aggressive Personen entspannter werden, auf den Schweregrad der Demenz selbst aber hat die Kunst keinen Einfluss. "Ich sehe die Rolle des Museums auch gar nicht so, dass es hier etwas geben muss, das heilt", sagt Sybille Kastner. "Uns geht es darum, dass Menschen von der Kunst profitieren, dass sie stimuliert, und das tut sie bei allen Menschen. Es wäre wahrscheinlich gar nicht gut, wenn es darum ginge, ein therapeutisches Angebot daraus zu machen."

Mit den vielfältigen Angeboten in diesem Bereich ist Deutschland Vorreiter, in anderen EU-Ländern sieht das ganz anders aus. "Das war ja auch unser Königsziel", blickt Kastner zurück, "das zu etwas ganz Normalem zu machen. Und es ist toll, dass uns das gelungen ist." Was es jedoch noch nicht gibt: eine zentrale Anlaufstelle für Interessierte. Zwar gibt es in NRW die Demenz-Service-Zentren, doch auch darüber hinaus hat Sybille Kastner einen noch besseren Tipp: "Fragen Sie in Ihrem Museum vor Ort nach." Das habe noch einen anderen, entscheidenden Vorteil: "Je höher die Nachfrage, desto mehr Angebote gibt es."