Menschen, die alleine zu Hause leben, nutzen zunehmend intelligente Hausnotrufsysteme, um sich Hilfe bei Gefahr für Leib und Leben zu holen. Die SOS-Systeme gibt es inzwischen auch für unterwegs. Sie werden immer ausgefeilter. Die nächste Stufe: virtuelle Assistenten und Pflegeroboter, die weit mehr können, als Hilfe holen.

Es gibt kaum jemand, der noch nicht darüber gelesen, davon gehört oder es selbst erfahren hat: Ältere und kranke Menschen leben allein in ihrer Wohnung, stolpern über die Teppichkante und können sich nach dem Sturz nicht mehr selbst vom Boden aufrichten. Das Telefon zum Hilferu-fen ist außer Reichweite – ein Albtraum für die Betroffenen.

Für solche und viele ähnliche Fälle gibt es Hausnotrufsysteme, die schnelle Hilfe garantieren sollen. In Deutschland schätzt die Initiative Hausnotruf die Zahl der SOS-Kunden auf 750.000. Das ist ein Verbund aus bundes-weit tätigen Anbietern und Herstellern, unter anderem für das DRK, die Malteser, die Johanniter-Unfall-Hilfe sowie weitere private Anbieter. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, dass Menschen möglichst lange in ihrem vertrauten Umfeld mit einem Höchstmaß an Lebensqualität und Sicherheit leben können. Mehr Informationen sind unter www.initiative-hausnotruf.de verfügbar.

Die Technik der meisten Hausnotrufsysteme funktioniert ähnlich: Kunden erhalten ein zweiteiliges Set, bestehend aus einer Funkbasisstation und einem kleinen, handlichen Sender. Die Basis wird zuhause aufgestellt und mit dem Telefonanschluss verbunden. Weil nicht jeder einen Tele-fonanschluss hat, haben Anbie-ter auch Funkstationen im Ange-bot, die das Mobilfunknetz nutzen.

Den Notrufsender trägt der Kunde wie eine Armbanduhr am Handgelenk oder als Halskette. Er ist einfach konstruiert und hat eine zentrale Taste für die Verbindung zur Basis und damit zur Notdienstzentrale, die rund um die Uhr mit speziell geschulten Mitarbeitern besetzt ist.

Hilfe per Knopfdruck

Das Funksignal zwischen Sender und Basis ist so stark, dass es auch in verwinkelten Wohnungen und durch dicke Wände hindurch funktioniert. Wichtig bei der Installation ist, dass der oft lebensrettende Ruf aus allen Räumen der Wohnung ausgelöst werden kann. Dafür sorgt ein Funktionstest vor Ort. Die Kommunikation mit der Notrufzentrale klappt über eine Freisprechanlage, die in der Basisstation eingebaut ist. Alle Geräte sind übrigens mit einem Akku gegen einen eventuellen Stromausfall von bis zu 20 Stunden geschützt. Geht der Hilferuf in der Zentrale ein, erscheinen auf dem Monitor des Mitarbeiters sofort alle Daten des Anrufers wie Adresse, gesundheitliche Einschränkungen und Personen, die benachrichtigt werden sollen. "Nach einem vorher mit dem Kunden festgelegten Plan benachrichtigt die Hausnotrufzentrale Verwandte, Nachbarn, den Hausarzt oder im medizinischen Notfall den Rettungsdienst", erklärt Matthias Langer, Geschäftsführer der Initiative Hausnotruf.

Damit das System auch wirklich klappt, müssen die Patienten und Kunden ihre Funksender stets bei sich tragen, wenn sie zuhause sind. Für Demenzkranke ist das allerdings nicht geeignet, da sie oft nicht mehr wissen, wie sie das Gerät bedienen sollen.

Alarm bei Stürzen

Anbieter wie die Deutsche Telekom arbeiten deswegen an innovativen Systemen, die auch ohne Sender funktionieren. Dafür werden in der Wohnung zahlreiche Sensoren installiert, die mit einer Software verbunden sind. Diese kann zuverlässig unterscheiden, ob sich jemand nur nach einem Gegenstand bückt oder gestürzt ist und Hilfe benötigt. Erkennt die Software einen Sturz, benachrichtigt sie automatisch eine rund um die Uhr besetzte Notrufleitstelle. Ist der Nutzer nicht ansprechbar, wird ohne Zeitverzögerung ein Notarzt informiert.

Mobiler Notruf

Der mobile Notruf ist vor allem für Nutzer interessant, die gerne zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs sind. In der Regel wird dann über ein spezielles Handy ein Hilferuf abgesetzt. Start-ups wie das Unternehmen Smartwatcher aus Zürich bieten seit 2017 formschöne Notrufuhren mit integrierter Mobilfunk-Anbindung. Dazu gibt es eine spezielle App, die sich auf allen gängigen Smartwatches, Smartphones und mobilen Geräten installieren lässt.

Weil die Elektronik und die Anwendungen immer kleiner und ausgefeilter werden, gibt es auch Geräte wie den so genann-ten "Falldetektor". Er wiegt nur 35 Gramm und arbeitet mit einem Bewegungssensor, Mobilfunk sowie GPS. Wenn das kleine Gerät einen Sturz verzeichnet und der Kunde den Signalknopf selbst nicht drücken kann, wird der Alarm selbstständig ausgelöst.

Mit Sensoren arbeitet auch der automatische Notrufdienst eCall im Auto: Kommt es zu einem schweren Autounfall, bei dem die Airbags auslösen, setzt das europaweite System automatisch einen Notruf ab. Bei Parkremplern passiert nichts, und bei einem dringenden medizinischen Problem lässt sich ein eCall auch manuell auslösen.

Mit Sprache steuern

Inzwischen arbeiten Forscher vom Fraunhofer-Institut und vom iHome-Lab der Uni Luzern an virtuellen Assistenten, die wie Amazons Alexa sprachgesteuert sind. Der persönliche, virtuelle Assistent erscheint als freundlicher, menschlich ausse-hender Avatar auf dem Tablet, der seine Kunden mit Infos und Ratschlägen versorgt, mit ihm kommuniziert und dezent im Hintergrund bleibt. Auch die Video-Beratung liegt im Trend: "Für ältere Menschen ist eine Video-Sprechstunde mit dem Hausarzt eine komfortable Lösung", erklärt Carsten Große Starmann, Senior-Projektmanager Programm "LebensWerte Kommune" der Bertelsmann-Stiftung. "Mit tragbaren Sensoren – so genannten Wearables – kann der Arzt dann bei einem akuten Fall zum Beispiel Herzfrequenz oder Pulsschlag messen und speichern", sagt er.

Digitale Erfahrung

Der Hausnotruf hilft nicht nur im individuellen Notfall unkompliziert und schnell, er erfüllt auch eine wichtige soziale Funk-tion: In weniger als fünf Prozent aller Notrufe ist es erforderlich, sofort den Rettungsdienst zu rufen. In 20 bis 30 Prozent der Fälle können bereits Angehörige, Freunde, Nachbarn oder ein Bereitschaftsdienst den Betroffenen helfen. Dadurch wird der Rettungsdienst erheblich entlastet, die ambulante Versorgung gefördert und der Kostenaufwand für das Gemeinwesen gesenkt.

Die zunehmende Nachfrage nach modernen Notrufsystemen ist in den allgemeinen Trend der Digitalisierung eingebettet, der auch fortgeschrittene Altersgruppen erreicht. Was vielleicht heute noch ein wenig wie Zukunftsmusik klingt: 83 Prozent der Bundesbürger können sich vorstellen, zu Hause einen Service-Roboter zu nutzen, wenn sie dadurch im Alter länger un-abhängig sein und in den eigenen vier Wänden wohnen könnten. Ob Notrufsystem, Sturzdetektor, Sprachassistent oder Pflegeroboter – die Anwender müssen sich mit den neuen Diensten und Geräten auseinandersetzen. "Wer bis ins hohe Alter selbstständig bleiben will", betont Bertelsmann-Manager Große Starmann, "muss auch den Umgang mit der neuen digitalen Technik lernen."

Notrufsysteme: Was Sie beachten müssen

  • Vergleichen Sie die Anbieter. Informieren Sie sich vorab ausführlich über die Anbieter, rufen Sie dort an und lassen sich alles erklären, schauen Sie im Internet und recherchieren Sie verlässliche Vergleiche wie die von Stiftung Warentest.
  • Lassen Sie sich persönlich beraten. Die meisten Anbie-ter bieten eine persönliche Beratung an. Dabei kann ein Fachmann auch die Geräte anschließen und alle Funktionen testen. Achtung, wenn ein Verkaufsdruck entsteht!
  • Vorsicht bei Selbstinstallation. Manche Privatanbieter beraten lieber telefonisch und verschicken die Geräte zum Selbstinstallieren. Lassen Sie sich die Verträge schicken, um in Ruhe Vor- und Nachteile abzuwägen. Buchen Sie nur das, was Sie tatsächlich benötigen.
  • Wer soll benachrichtigt werden? Es ist wichtig, im Vorfeld festzulegen, welche Personen der Hausnotruf in einer Krisen- oder Notsituation informieren soll.
  • Was ist Basis, was Zusatz? Hausnotrufdienste können als Grundleistung ausschließlich Hilfsmaßnahmen einleiten. Doch es gibt weitere Zusatz-leistungen zu unterschiedlichen Konditionen. Die Wartung sowie Reparaturen sollten ent-halten sein.
  • Machen Sie einen Funktionstest. Lösen Sie nach An-schluss des Geräts zum Test den Notruf aus verschiedenen Räumen der Wohnung aus und überprüfen Sie vor allem die Sprechverbindung zur Notrufzentrale.
  • Beachten Sie die Vertragslaufzeiten. Schließen Sie möglichst einen Vertrag ohne Mindestlaufzeit und am bes-ten mit kurzer Kündigungs-frist ab. Wichtig: Alle Kosten für diverse Leistungen sollten transparent aufgeschlüsselt sein.