„Die Tage vor meiner Periode sind wirklich belastend für mich. Ich habe Schmerzen, schlechte Laune, fühle mich fast schon depressiv. Auch wenn das nicht Ihr Fachgebiet ist, haben Sie vielleicht trotzdem einen Tipp für mich?“, fragte mich eine 35-jährige Patientin kürzlich, die eigentlich zum Check-up gekommen war. Es gibt Krankheiten, über die reden wir viel zu leise. Und es gibt Patientinnen, die man viel zu lange überhört hat. Das prämenstruelle Syndrom – genauer: das prämenstruelle dysphorische Syndrom, kurz PMNS – gehört zu beidem. Es ist kein Befindlichkeitsproblem, kein „Da muss man halt durch“, sondern eine ernstzunehmende medizinische Störung. Und ja: Dass wir darüber immer noch so wenig wissen, hat auch mit einem alten, aber hartnäckigen Problem zu tun – Frauen sind in der Medizin lange Zeit schlicht untererforscht worden. Bis 1993 waren Frauen in vielen klinischen Studien gar nicht oder nur sehr eingeschränkt zugelassen. Aus Angst vor hormonellen Schwankungen, aus Sorge um mögliche Schwangerschaften, aus Bequemlichkeit. Das Ergebnis sehen wir bis heute: Medikamente, Grenzwerte, Therapien – vieles ist am männlichen Körper getestet worden. Und der weibliche Zyklus? Störfaktor statt Forschungsfeld.
PMNS ist ein gutes Beispiel dafür. Betroffene Frauen berichten nicht einfach von ein bisschen Reizbarkeit vor der Periode. Sie erleben massive Stimmungseinbrüche, Angst, innere Unruhe, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, bis hin zu schweren depressiven Episoden. Und das zyklisch, Monat für Monat. Wer das einmal ernsthaft erlebt hat – oder eine Patientin begleitet –, weiß: Das ist nichts, was man „aushalten“ sollte. Die Ursache liegt nicht in mangelnder Belastbarkeit, sondern in der Biochemie. Genauer gesagt: in einer Dysbalance zwischen Östrogen und Progesteron in der zweiten Zyklushälfte. Diese hormonellen Schwankungen beeinflussen wiederum den Serotoninstoffwechsel im Gehirn. Serotonin – landläufig als „Glückshormon“ bekannt – reagiert bei manchen Frauen extrem sensibel auf diese Veränderungen. Das erklärt, warum PMNS psychisch so tiefgreifend sein kann.
Was hilft? Zunächst einmal: ernst genommen werden. Schon das ist therapeutisch relevant. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe sinnvoller Maßnahmen. Regelmäßige Bewegung, insbesondere moderater Ausdauersport, kann stabilisierend wirken. Viele Frauen profitieren von Yoga, Atemübungen oder anderen Entspannungstechniken. Das ist keine Esoterik, sondern Neurobiologie. Auch Mönchspfeffer kann hilfreich sein – allerdings nur in der richtigen Dosierung und über mehrere Zyklen hinweg. „Viel hilft viel“ gilt hier ausdrücklich nicht. Und: Er wirkt nicht bei jeder Frau gleich gut. Bei schweren Verläufen muss man ehrlich sein. Dann reichen Tees, Atemübungen und gute Ratschläge nicht aus. In solchen Fällen kann der zeitlich begrenzte Einsatz von Antidepressiva, meist aus der Gruppe der SSRI, sinnvoll und notwendig sein – oft nur für einige Tage im Zyklus. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von moderner, individueller Medizin. PMNS ist real. Es ist behandelbar. Und es verdient Aufmerksamkeit. Vor allem aber verdient es, dass wir Frauenmedizin endlich so ernst nehmen wie jede andere Disziplin auch.