Bis zum Jahr 2030 steigt die Anzahl der Pflegebedürftigen schätzungsweise um mehr als 30 Prozent auf 3,4 Millionen. Sind Roboter eine Lösung mit Zukunft?

Über die Kinoleinwand flimmerten Roboter erstmals vor gut 120 Jahren: Maschinen, die eigenständig dachten und handelten. Das ist bis heute so beeindruckend wie realitätsfern. "In der Forschung sind wir noch lange nicht so weit. Was der Mensch kann, ist viel zu umfangreich", sagt Dr. Birgit Graf, Gruppenleiterin Haushalts- und Assistenzrobotik am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung. Ohnehin zielten Wissenschaftler nicht darauf ab, Menschen zu ersetzen – entgegen dem Hauptargument von Kritikern. "Die meisten in der Praxis genutzten Roboter sind auf eine Aufgabe spezialisiert. Der Mensch setzt sie zu seinen Zwecken als Handlanger ein."

In Pflege und Rehabilitation sei dies angesichts steigender Pflegebedürftigkeitsraten immer älterer Menschen, sinkender Geburtenzahlen und geringer Attraktivität der belastungsintensiven Berufe zunehmend unverzichtbar. Im stationären Umfeld können Serviceroboter-Technologien Personal dabei unterstützen, Hilfsmittel einfacher zu bedienen, oder Routinearbeiten übernehmen, etwa den Transport oder das Umheben von Patienten. "Sie bieten das Potenzial, Pflegekräfte zeitlich und körperlich zu entlasten und ihnen so eine längere Zeit im Job zu ermöglichen als die durchschnittlichen acht bis zehn Jahre", sagt Graf. Zudem entstehe Raum für Nähe und Gespräche.

In häuslicher Umgebung unterstützen technische Assistenzsysteme dabei, möglichst lange eigenständig zu leben. Im Rahmen von Ambient Assisted Living (AAL) greifen Bewohner ortsunabhängig etwa auf Licht und Heizung zu, Sensoren überwachen und protokollieren Vitalparameter, erkennen Notfälle. "Assistenzroboter ergänzen AALund Smart-Home-Lösungen, indem sie sensorische und informatorische Funktionen bieten, sich fortbewegen oder einfache Aufgaben übernehmen können", so Graf.

Exoskeletts unterstützen Patienten

In der Reha seien Roboter seit den 2000er-Jahren zugelassen, sagt Prof. Catherine Disselhorst-Klug, Leiterin des Lehr- und Forschungsgebiets Rehabilitations- und Präventionstechnik am Institut für Angewandte Medizintechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. "Roboter wiederholen, was man ihnen beibringt. Das Gehen zu programmieren ist einfach, der monotone Ablauf ist im Wesentlichen von Patient zu Patient gleich." In klinischen Einrichtungen seien am Körper zu tragende Exoskeletts zur Unterstützung der Beine im Einsatz. Nach gleichem Prinzip arbeiten Systeme für die oberen Extremitäten, die den gesamten Arm führen, etwa bei Alltagsbewegungen wie Haare kämmen. "Gekoppelt wird das mit virtueller Realität", beschreibt Disselhorst- Klug. "Die Patienten sehen eine Aufgabe auf einem Leinwandmonitor, zum Beispiel, eine Tasse zu greifen – fast wie ein Videospiel."

Kleinere Systeme führen einen vom Rumpf entfernteren Punkt, etwa die Hand. "Diese End-Effektor-Basierung spricht das motorische Lernen direkt an, indem der Patient selbst steuern muss. Er beugt den Ellbogen, hebt den Arm." Die Variante sei effizienter als die Imitation virtueller Bewegungen. "Trainieren Patienten autonom mit Robotern, sind sie weniger an stationäre oder ambulante Einrichtungen gebunden", beschreibt Disselhorst-Klug das Ziel. Service-Roboter, eine weitere Kategorie, würden nicht direkt in die Therapie einbezogen, sondern brächten die Zeitung oder führten Patienten wie eine Art selbst angetriebener Rollator zur Toilette. Marktfähig sei das System unter anderem aufgrund von Sicherheitsfragen noch nicht.

Neben Personal-Entlastung und Ablauf-Optimierung haben Roboter einen diagnostischen Vorteil. Disselhorst-Klug: "Wir bekommen Daten von Patienten. Zum Beispiel, wie viel Kraft sie für bestimmte Bewegungen aufwenden. Solche Werte kann ein Physiotherapeut nicht messen, sie aber nutzen, um die Therapie zu individualisieren und den Patienten anhand von konkreten Verbesserungs-Nachweisen zu motivieren." Ein flächendeckender Einsatz von Robotern sei noch zu komplex und mit fünf- bis sechsstelligen Preisen zu teuer. "Durch die fortschreitende Digitalisierung entwickelt sich aber alles sehr schnell."