Sowohl bei der Nahrungsverarbeitung als auch bei der Immunabwehr spielt der menschliche Darm eine entscheidende Rolle – 70 Prozent der Abwehrzellen sitzen dort.

Tragende Säule eines gesunden Darms ist seine Darmflora: So bezeichnet man die Gesamtheit von bis zu 100 Billionen Mikroorganismen, unterteilt in bis zu 36 000 Arten, von denen der kleinere Teil die Dünn-, der größere die Dickdarmwand besiedelt. Die Darmflora, auch intestinales Mikrobiom genannt, bildet sich ab dem Zeitpunkt der Geburt aus, stabilisiert sich im Normalfall im Kindesalter und befindet sich zeitlebens mit dem gesunden Menschen in Symbiose. In intaktem Zustand ist sie maximal vielfältig besiedelt – nur so kann sie ihre vielfältigen Funktionen erfüllen. Unter anderem ist das komplexe System grundlegend an der Verdauung von Nahrungsbestandteilen beteiligt, damit an Aufnahme, Weitergabe und Verarbeitung von Nährstoffen. Des Weiteren trägt die Darmflora zur Energieversorgung der Darmschleimhautzellen bei und bildet unter anderem für die Blutgerinnung essenzielles Vitamin K. Überdies, wie Dr. Henning Henke, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin im St. Josef Krankenhaus Haan (Kplus Gruppe) erklärt, beeinflussen die Mikroorganismen das Immunsystem, können etwa die Ausbreitung bestimmter krankheitserregender Keime im Darm abwehren, eindämmen und teilweise sogar stoppen.

Balance ist wichtig

Gerät das Gleichgewicht der Mikroorganismen und Bakterien im Darm durcheinander, leidet das allgemeine Wohlbefinden. Den größten Einfluss auf die Zusammensetzung des intestinalen Mikrobioms können zum einen Medikamente haben, insbesondere Antibiotika. Dazu sagt Dr. Henke: "Vermehren sich nach einer Antibiotika-Therapie bestimmte Bakterien, die in der normalen Flora nur in Spuren vorkommen, kann daraus eine ernsthafte Durchfall-Erkrankung resultieren." Antibiotika dienen dazu, krankheitsauslösende Bakterien abzutöten. Da sie aber nicht zwischen nützlichen und schädlichen unterscheiden, vernichten sie mitunter auch einen Teil der schützenden Darmflora. Bis zu sechs Monate und länger kann es dauern, bis ihre gesunde Balance vollständig wiederhergestellt ist. Zum anderen vermindert einseitige, fett- und zuckerreiche Ernährung über einen längeren Zeitraum die wichtigen Funktionen des fünf bis acht Meter langen Organs.

Wie Krankheiten entstehen können

Eine verkümmerte Darmflora kann sich in vielen Symptomen äußern. "Eine Überwucherung der Darmflora mit anderen als den gängigen Mikroorganismen kann vermehrt Blähungen oder weitere Bauchbeschwerden auslösen", schildert Dr. Henke. Eine sogenannte bakterielle Fehlbesiedlung lasse sich mit Atemtests feststellen. Zusätzlich, das zeigen wissenschaftliche Studien, nimmt die Zusammensetzung der Darmflora unter anderem Einfluss auf das Körpergewicht und kann Übergewicht begünstigen, da sie Anteil an der Regulation des Appetits und der Insulinresistenz hat. Auch mit Stressverarbeitung, Hautbild und Fettstoffwechsel steht der Darm in Zusammenhang. Eine Dysbalance seiner Flora kann im schlimmsten Fall Krankheiten begünstigen. Berichtet wird unter anderem über ADHS, Alzheimer, Depressionen und Migräne – tatsächlich ist das aber unter Medizinern umstritten. Ein Grund für diese Kausalitäten: Die Bakterien in der Darmwand senden je nach Zustand bestimmte Signale aus, die Rezeptoren innerhalb des Körpers empfangen und an entsprechender Stelle in eine Reaktion umsetzen. Forscher vermuten daher, dass die Beschaffenheit der Darmflora Prozesse im Körper auslösen und steuern kann, etwa Entzündungen – und bis zu einem gewissen Grad auch Emotionen.

Wie der Bauch "denkt"

Schon länger gilt der Darm in diesem Zusammenhang als zweites Gehirn. Als "Bauchgehirn" wird gemeinhin das enterische Nervensystem, kurz ENS, des Magen-Darm-Traktes bezeichnet. Es umfasst rund 100 Millionen Nervenzellen. Zum Vergleich: Das Gehirn hat 100 Milliarden. "Das Bauchgehirn verarbeitet Nervenimpulse, die beispielsweise die Sinneszellen im Magen-Darm-Trakt erzeugen. Es kann selbstständig Impulse in Letzteren zurücksenden", sagt Dr. Henke. Beispiele für solche Impulse sind das bekannte Bauchgrummeln bei Sorgen und Stress oder das Bauchkribbeln, wenn man verliebt ist. Dr. Henke: "Das Bauchgehirn gilt als autonom reagierendes Nervensystem und wirkt im menschlichen Nervensystem neben dem Gehirn wie eine weitere Schaltzentrale." Die Redewendung "aus dem Bauch heraus entscheiden" bezeichnet Dr. Henke zufolge allerdings keinen Vorgang im Magen-Darm-Trakt, sondern im Gehirn: "Das sind intuitive kognitive Prozesse. Auch Behauptungen, das Bauchgehirn verfüge über ein Gedächtnis, führen in die Irre. Nach aktuellem Wissensstand verfügt das ENS des Magen-Darm-Traktes über ein neuronales Gedächtnis, nicht jedoch über ein semantisches, wie wir es landläufig im Sinn haben."