Jeder schwitzt anders. Im Interview verrät Dr. Yael Adler, Dermatologin und Bestseller-Autorin, wie gesund schwitzen ist, warum unsere Haut mitdenkt und was Körperhygiene mit Essig zu tun hat.

Frau Dr. Adler, Schwitzen ist doch meist lästig. Warum tun wir das überhaupt?

In erster Linie regelt Schwitzen als körpereigene Klimaanlage unsere Temperatur. Verdunstet Schweiß auf der Haut, kühlt das wie ein feuchter Umschlag. Schwitzen ist gesund, zu viel Elektrolyteverlust bei extremer Überlastung allerdings kann den Körper mit Herz-Kreislauf-Problemen lahmlegen.

Was passiert beim Schwitzen in uns?

Flüssigkeit wird über Schweißdrüsen abgegeben. Achseln und Fußsohlen haben besonders viele. In der Steinzeit erhöhte Feuchtigkeit unter den Füßen die Bodenhaftung, um schneller vor Gefahren flüchten zu können. Beim Duftdrüsenschweiß verhält es sich anders. Davon produziert der Körper nur kleine Mengen, unter anderem aus ätherischen Ölen und Hormonabbauprodukten. Das gibt jedem seinen individuellen Geruch.

Wie ändert sich Schwitzen im Laufe des Lebens?

Schon Kleinkinder können schwitzen, Käsefüßchen oder Klebehändchen sind das Stichwort. Übermäßiges Schwitzen kann erstmals im Jugendalter auftreten und sich in den nächsten Jahrzehnten wieder legen. In der Pubertät werden durch den Anstieg der Sexualhormone erstmals die Duftdrüsen aktiv, was man deutlich erschnuppern kann. Im Alter ändert sich der Körpergeruch, da die Hormonspiegel sinken und daher die Duftdrüsen weniger aktiv sind. Auch wird die Haut insgesamt trockener, was die Bakterienflora verändert und somit das individuelle Hautaroma.

Wann ist Schweiß ein Fall für den (Haut-)Arzt?

Starkes Schwitzen kann auf eine Infektion, Stoffwechselerkrankung oder Krebs hinweisen. Vor jeder Gegenmaßnahme sollte man sich vom Arzt gründlich checken lassen. Eine starke Schweißbildung ohne krankhaften Anlass im Inneren des Körpers könnte Hyperhidrose sein. Die Symptome: glänzende Hände, die unter Umständen keinen Stift mehr halten können, aufgeschwemmte und gereizte Haut, durchnässte Kleidung sowie eventuell unangenehmer Geruch. Die Diagnose ist nicht so einfach, manchmal verstärkt Stress das Problem noch.

Wie lässt sich das behandeln?

Das hängt vom "Schwitzer" ab. Tabletten mit dem Wirkstoff Methantheliniumbromid können bis zu sechs Stunden trocken halten. Botoxspritzen in Hände, Füße oder Achseln blocken für einige Monate den Nervenbotenstoff für die Schweißbildung. Außerdem können Schweißdrüsen mit Hitzenadeln verödet werden.

Was sind Ihre Tipps für eine gesunde Körperhygiene?

Der Hautflora zuliebe eine möglichst sanfte Körperreinigung, maximal einmal am Tag duschen. Wenig Duschgel – und keine alkalische Seife – benutzen, am besten nur dort, wo man wirklich schwitzt. Schweiß, Staub und Schuppen lassen sich auch ein-fach mit Wasser abspülen. Schweiß ist zunächst geruchlos und beginnt erst zu riechen, wenn er mit der Zersetzung durch Hautbakterien einhergeht.

Welche Waschsubstanzen sind mild genug?

Solche aus Zucker- und Kokostensiden ohne Duft- und Farbstoffe, mit saurem pH-Wert (um die 5). Ein bis zwei Löffel Apfelessig auf einen Liter Wasser regenerieren an geruchsintensiven Stellen den Säureschutzmantel und sorgen für einen guten Kör-pergeruch. Was beim Schwitzen stinkt, ist oft synthetische Kleidung, weil sich dort gern Bakterien versammeln, die auch 40 Grad in der Waschmaschine überstehen.

In Ihrem Buch "Hautnah" schreiben Sie, dass unsere Haut ein Hirn hat. Inwiefern?

Unser Gehirn ist angewiesen auf die Infos, die ihm die Haut als erster Außenposten liefert. Sie ist unser größtes Sinnesorgan. Allein an den Fingern haben wir 2500 Empfangsrezeptoren pro Quadratzentimeter. Berührung, Druck, Vibration, Schmerz – all das leiten sie ans zentrale Nervensystem weiter. Reflexe wie das Wegziehen der Hand von etwas Heißem laufen über das Rückenmark