Superfood ist in aller Munde. Doch was können Chia, Acai-Beere und Co.?

Es war einmal eine Avocado, die kannte in Deutschland niemand. So könnte eine Geschichte beginnen, die vor gar nicht allzu langer Zeit spielt. Denn die Avocado, die eine Beere ist und deren Bäume zu den Lorbeergewächsen gehören, stand noch bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts nur bei wenigen von uns auf dem Speiseplan. Wie so viele Gerichte und Nahrungsmittel ist auch sie erst durch einen Trend bekannt geworden.

Italienisches Essen wie Spaghetti? Ein Kind der 70er-Jahre. Fastfood? Kommt in Deutschland in den 80er-Jahren in Mode. Und so hat jede Zeit nicht nur ihre Musik und ihre Kleidung, sondern auch ihr Essen. Aktuell ganz oben auf den Trendlisten: sogenanntes Superfood.

Wie so oft im Lebensmittelbereich ist Superfood ein Marketing-Begriff, der – kurz zusammengefasst – natürliche Nahrungsmittel verspricht, die ganz besonders gut für unseren Körper sein sollen. Und so stehen in den Supermärkten unter diesem Label heute Artikel, die das Cholesterin und den Blutdruck senken, die Gelenke schmieren und gegen Stress helfen, den Körper entgiften und den Darm in Schwung bringen sollen.

Fast allen gemein: Sie sind eher exotischer Natur, kommen meist von weiter weg und haben damit für Handel und Vertrieb einen entscheidenden Vorteil: Sie sind recht teuer.

Die Wiederentdeckung der Blaubeere

Ein paar Beispiele gefällig? Gerne. Chia-Samen, die von einer Salbei-Art aus Mexiko und Guatemala stammen, enthalten neben viel Eiweiß auch einen hohen Anteil an Ballaststoffen und sollen die Verdauung fördern. Goji-Beeren, die Früchte des Bocksdornstrauches aus China, sind reich an Betacarotin und Vitamin C und sollen für einen erholsamen Schlaf sorgen, die Leistungsfähigkeit verbessern und die Zufriedenheit steigern. Und die Acai-Beere, die in den Regenwäldern des Amazonas an Kohlpalmen wächst und unter anderem auch in Kosmetik eingesetzt wird, soll antioxidativ wirken und – in Cremes und Salben – faltenmindernd wirken. Und dann wäre da eben auch noch die Avocado. Sie – so schrieb die Zeit-Journalistin Elisabeth Raether – "enthält so viele ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe, als wollte sie den Menschen von all seinen Gebrechen heilen".

Interessanterweise wird der Begriff Superfood zwar schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts verwendet, richtig in Mode gekommen ist er aber erst vor einigen Jahren, als die Lebensmittelindustrie erkannte, dass sich damit vor allem Exoten wunderbar vermarkten lassen. Nachdem der erste Hype um diese für uns meist fremden Nahrungsmittel jedoch vorüber war, haben sich Ernährungswissenschaftler und Mediziner intensiver mit dem sogenannten Superfood auseinandergesetzt. Auch das ein Gesetz des Trends: erst der Hype, dann die Kritik. Und so wurden im Laufe der Zeit immer mehr Stimmen laut, die bemängelten, dass die meisten Inhaltsstoffe, denen wir beim Superfood revolutionäre Kräfte zusprechen, auch in einheimischem Obst und Gemüse enthalten sind.

Und so führte der Superfood-Trend dazu, dass ernährungsbewusste Menschen beispielsweise die Blaubeere wiederentdeckten, die neben viel Vitamin C auch überdurchschnittliche Mengen an Polyphenolen enthält, die das Herz-Kreislauf-System schützen und die unter anderem gut bei Bluthochdruck sein sollen. Auch Leinsamen erlebt eine Renaissance, enthält er doch Phytoöstrogene, die eine sexualhormonähnliche Wirkung besitzen und den Cholesterinspiegel senken sollen. Auch der Bärlauch, der in einigen Gegenden im Frühsommer fast schon in Massen zu finden ist, wird wieder verstärkt gegessen, hilft er doch durch eine chemische Reaktion beim Entgiften: Fettlösliche Umweltgifte wandelt er in wasserlösliche Komplexverbindungen um, die dann über den Harn abtransportiert werden können. Und selbst ein so profanes Gemüse wie der Grünkohl ist in einer Stadt wie New York, die bei Trends immer ganz weit vorne dabei ist, ein Verkaufsschlager, er wirkt antibiotisch und antioxidativ und enthält viele Vitamine.

Superfood oder Supermarketing?

Auch Mediziner und Buchautor Eckart von Hirschhausen hält Superfood für überflüssig, er sehe darin eher "Supermarketing". Goji-Beeren und Chia-Samen seien beinahe so gesund wie Paprika, Brokkoli oder Leinsamen, sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt, "aber weil sie teurer und exotischer sind, glauben wir gerne, die können etwas Besonderes". Und er fragt ironisch: "Wem ist denn in den letzten Jahrzehnten ein Angehöriger an Skorbut, sprich Vitamin-C-Mangel, gestorben?" Wer sich ausgewogen ernähre, brauche weder Superfood noch Nahrungsergänzungsmittel.

Doch nicht nur Ernährungswissenschaftler und Ärzte, auch Ökologen schlugen, nachdem die erste Überraschung über den Trend vorüber war, Alarm. Avocados beispielsweise sind zwar gesunde Früchte, doch ihr Anbau ist kompliziert und aufwändig. Während ein Kilogramm Tomaten im Durchschnitt mit etwa 180 Litern Wasser auskommt und ein Kilogramm Salat mit etwa 130 Litern, säuft ein Kilogramm Avocados rund 1000 Liter, bis es reif ist. Doch das Problem wird noch größer, denn die Avocado wird vorrangig in Gegenden angebaut, in denen es ohnehin schon wenig Wasser gibt. Und: Diese Gegenden liegen meist weit weg von den Märkten, in denen die Avocado so beliebt ist, wie beispielsweise Deutschland. Zum intensiven Anbau kommen also auch weite Transportwege. Ökologisch ist diese Frucht eine Katastrophe. Und damit ist sie nicht alleine.

Mückenschutzmittel im Rohkakao

Auch die Zeitschrift Ökotest kommt bei vielen Superfoods zu einem vernichtenden Urteil. In einem groß angelegten Test fand sie heraus: Viele der angepriesenen Nahrungsmittel sind mit Pestiziden, Mineralöl, Cadmium und weiteren Schadstoffen belastet: Von 22 untersuchten Superfoods fielen zwei Drittel mit "ungenügend" oder "mangelhaft" durch. Und: Ausgerechnet Superfood in Bio-Qualität schnitt schlecht ab.

Die Liste liest sich dabei durchaus ekelerregend: Mückenschutzmittel im Rohkakao, Schimmelpilze im Hanf, Darmbakterien in einer Goji-Probe.

Es müssen jedoch gar nicht solch offensichtliche Kritikpunkte sein, es genügt, allein schon die Gesundheitsversprechen von Chia-Samen, Goji-Beere und Co. zu hinterfragen. Vor allem die Antioxidantien nämlich, die beim Superfood am lautesten angepriesen werden, sind wissenschaftlich noch gar nicht hinreichend untersucht. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass diese Stoffe Stresshemmer sind, die den Körper entgiften und als Wundermittel gegen Hautalterung und sogar Krebs gelten, die Studienlage zu ihrer Wirkung ist jedoch noch dünn. Schlimmer noch: Frei verkäufliche Tabletten und Pülverchen aus der Apotheke, die Antioxidantien enthalten, scheinen das Krebswachstum sogar zu befeuern, wie eine Untersuchung im Fachmagazin Nature nahelegt.

Was bei all diesen Diskussionen jedoch oft vergessen wird, sind zwei wichtige Faktoren: der Geschmack und die Frage, wie sich unser Essen – ob mit Goji-Beere oder Leinsamen – gesünder gestalten lässt. Und hier hat der Superfood-Trend dann vielleicht doch sein Gutes, hat er doch gezeigt, wie einfach es ist, Gerichte mit ein oder zwei zusätzlichen Zutaten aufzupeppen. Ein paar Granatapfelkerne im Salat, eine Handvoll Nüsse im Müsli oder ein Teelöffel Matcha im Milchshake – und schon fügen wir unserem Essen ein paar Inhaltsstoffe mehr zu.

Und auch der Geschmack spielt in den meisten Diskussionen um Superfood eine untergeordnete Rolle, was umso mehr verwundert, als Neugier und Kreativität – nicht nur im Umgang mit der Ernährung – doch wichtige Faktoren für unsere Entwicklung sind. So fanden Forscher heraus, dass Menschen, deren Neugier leicht zu wecken ist, schneller und enger Kontakt zu fremden Personen aufnehmen als andere. Und eine andere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bei Studenten der Intelligenzquotient für die Studienleistung deutlich weniger Bedeutung hatte als die Neugier. Wer neugierig ist, erhöht seine Lebenszufriedenheit und kann, so Psychologieprofessor Todd Kashdan von der George Mason University, sogar die Lebenserwartung positiv beeinflussen.

Im Fall des Geschmacks gehen Forscher aber noch weiter, er hat sogar Auswirkungen auf unser Urteilsvermögen, wie ein Team der City University of New York in einer Studie beobachtet hat. So führt ein bitterer Geschmack im Mund zu strengeren moralischen Urteilen als ein süßer oder neutraler.

Dem Geschmack auf der Spur

Wie also schmeckt Superfood? Nehmen wir ein paar Beispiele. Goji-Beeren beispielsweise bekommt man hierzulande eigentlich nur getrocknet. Sie sind etwas schlanker als Rosinen und deutlich fester. Ihr Geschmack reicht von süßlich bis sauer, kann aber auch bittere, herbe Elemente beinhalten. Wer Goji-Beeren zum ersten Mal probiert, kann auch an Tomaten oder Paprika erinnert werden, meist aber wird die Goji-Beere irgendwo zwischen Cranberry und Kirsche eingeordnet.

Chia-Samen hingegen sind an sich fast geschmacksneutral, höchstens ein leicht getreidiger Geschmack ist festzustellen. Dafür haben sie eine andere, sehr praktische Eigenschaft: Kommen sie in Kontakt mit Wasser oder anderen Flüssigkeiten, bilden die Samen eine äußerst schleimige Polysaccharidschicht, die – je nach Verdünnung – gelartig werden kann. Mit Chia-Samen lassen sich deshalb dickflüssige Getränke und sogar Puddings zubereiten, ganz ohne Gelatine oder andere Verdickungsmittel.

Auch Moringablätter gehören zu den Superfoods, die wohl noch nicht jeder probiert hat – sie weisen einen hohen Anteil an Nährstoffen wie Vitaminen oder Kalzium, Eisen und Eiweiß auf. Meist bekommt man sie getrocknet und zu Pulver zermahlen, das zu Speisen, Shakes oder zum Müsli dazugegeben werden oder als Tee getrunken werden kann. Dieses hat einen intensiven und leicht scharfen, meerrettichähnlichen Eigengeschmack, der durchaus auch ein wenig salzig sein kann. Deshalb gilt hier wie so oft: zunächst vorsichtig dosieren.

Ebenfalls als Vitamin-Bombe angepriesen: Gräser wie das Gerstengras, der Keimling der Gerstenpflanze. Auch sie bekommt man in Deutschland fast nur als Pulver, das vor allem in grünen Smoothies zum Einsatz kommt. Sein Geschmack: kommt Gras, eher noch Heu, tatsächlich sehr nahe.

Acai-Beeren schließlich, die als Energiespender gelten und sogar den Alterungsprozess aufhalten können sollen, sind kirschgroße, dunkelblaue bis -violette Beeren. Auch sie bekommt man aufgrund ihrer schlechten Haltbarkeit meist getrocknet oder als Pulver, weshalb auch sie sich für das Müsli eignen. Ihr Geschmack: nussig bis schokoladig, leicht nach Waldfrucht, manchmal auch etwas erdig und metallisch.

Anbau, Transport, Wirkung

Schon diese wenigen Beispiele zeigen: Superfoods halten zwar nicht immer, was sie versprechen, und man sollte sich mit Anbau, Transport und vor allem der versprochenen Wirkung kritisch auseinandersetzen, geschmacklich aber können sie unsere Küche durchaus bereichern.

Vor allem aber ist die Wiederentdeckung vieler einheimischer Superfoods eine Chance, die eigenen Ernährungsgewohnheiten kritisch unter die Lupe zu nehmen und Nahrungsmitteln wie Nüssen, Grünkohl oder Spinat vielleicht wieder einmal eine Chance zu geben. Neben den ökologischen Vorteilen spricht für sie auch noch, dass sie meist reif geerntet werden und deshalb oft mehr gute Inhaltsstoffe enthalten als Produkte mit langem Lieferweg.