Lange vor dem Wort kommt das Geräusch. Es handelt sich um einen Dauerton, leise noch, aber immer da. Wird schon weggehen, denkt man sich, und da sich die Gedanken mit anderen Dingen als diesem Geräusch im Ohr zu befassen haben, scheint es tatsächlich bald verschwunden.

Aber es kommt wieder. Nachts im Bett, man liegt wach, und wie ein Geist, der sich nicht vertreiben lässt, hallt dieser mysteriöse Gast durchs Ohr. Rechts? Links? Lässt sich gar nicht genau bestimmen. Man greift zu Ohrstäbchen, aber an mangelnder Sauberkeit liegt es nicht. Der Ton bleibt.

Man möchte ihn als "Rauschen" bezeichnen, doch dafür ist er zu wenig fließend, er gleicht einem penetranten Stillstand. Auch "Summen" trifft es nicht, das würde der Erscheinung im Gehörgang eine Spur von Musikalität verleihen, die sie nicht hat.

Manchmal knickert und hämmert es in den Ohren, wie wenn sie sich neu einstellen wollten. Aber die Hoffnung trügt. Es kommt der Augenblick, da man sich der Tatsache stellen muss: Tinnitus! Und das mir!

Gegenmaßnahmen gleichen dem Prinzip Schrotflinte

Eine repräsentative Umfrage der amerikanischen Universitäten Harvard und Irvine unter 75.000 Erwachsenen zeigt: Zehn Prozent leiden unter Tinnitus, kontinuierlich, versteht sich, denn Ohrgeräusche sind keine Erscheinung, die sich mal eben austreiben lässt. Auf Deutschland bezogen haben acht Millionen Menschen mit Tinnitus zu tun, die meisten so, dass sie sich vom Störton im Ohr eher geringfügig beeinträchtigt fühlen, einige wenige aber in einem Maße, dass sie sich aus dem Fenster stürzen.

Vermutete Ursachen wie auch eingesetzte Gegenmaßnahmen gleichen dem Prinzip Schrotflinte: Irgendwas wird stimmen, irgendwas wird helfen.

Ursachen: Rockkonzerte, Clubmusik, Dauerbelastung in Verkehr und Beruf und Hörstörungen, die sich schleichend entwickelt haben.

Das Ohr wirkt als Egalisator. Schallt ihm die Welt gewaltig laut, dann macht es aus Selbstschutz zu; Volle-Pulle-Sound bringt keinerlei Zuwachs an Klangkraft, nur die Chance auf einen Löffelschaden. Ist die Welt leise, öffnet es sich und lauscht dem Schall entgegen. Wird dieser Mechanismus gestört, leidet das Ohr und wird auf die Dauer krank.

Gegenmaßnahmen: Bisweilen hilft, wenn Tinnitus nicht körperlich, sondern verhaltenstherapeutisch behandelt wird. Soll heißen, Faktoren, die in Verdacht stehen, Ohrgeräusche auszulösen, werden aus dem Alltag verbannt, allgemeine Stressbelastung werden reduziert.

Kompaktkur soll dem Burn-out vorbeugen

Das "Institut für Tinnitusdiagnostik und Therapie" (IN-TI) in Bad Salzuflen setzt Klang-, Entspannungs- und Bewegungstherapie in ganzheitlicher Kombination ein. Eine immerhin dreiwöchige Kompaktkur soll überdies dem Burn-out vorbeugen. Denn Erschöpfungszustände, Tinnitus, Hörsturz – die Vermutungen gehen dahin, alles stehe mit allem in Zusammenhang.

Wie gesagt, das Prinzip Schrotflinte.

Wenn es gelingt, und das ist das Ziel jeglicher Behandlung, die Ohrgeräusche vom Zentrum der Aufmerksamkeit an den Rand zu drücken, ist fast schon ein Optimum erreicht. Zur Gänze verschwindet ein Tinnitus nur in den seltensten Fällen.

Eine Hörminderung bewirkt er in jedem Fall.