Videosprechstunden sind in anderen Ländern längst üblich. Deutschland hinkt noch hinterher – trotz Nachfrage.

Wer krank ist, geht zum Arzt. Diese Maxime gilt heutzutage nicht mehr uneingeschränkt. In Zeiten von "Dr. Google" nimmt das Internet im Umgang mit Krankheiten eine immer größere Rolle ein. Während die Onlinesuche nach Krankheitssymptomen, -verlauf und Behandlungsmöglichkeiten einer Bertelsmann-Studie zufolge von vielen Ärzten kritisch bewertet wird, hält die digitale Welt aber auch sinnvolle Ergänzungen zu einem persönlichen Arztbesuch bereit.

Videosprechstunden beim Arzt sind in dünn besiedelten Gegenden wie Teilen Australiens, Skandinaviens oder der USA gängige Praxis. In Deutschland ist das Angebot noch überschaubar, trotz vorhandener Nachfrage.

Jeder Zweite sieht Vorteile

45 Prozent der Bundesbürger gaben in einer repräsentativen Bertelsmann-Umfrage an, die Möglichkeit einer Video-Konsultation ihres Haus- oder Facharztes zumindest gelegentlich nutzen zu wollen. Die größten Vorteile aus Sicht der Patienten: lange Wartezeiten für einen Termin zu umgehen, den Arzt auch zu unüblichen Zeiten zu erreichen, eine mögliche Ansteckung durch andere Patienten im Wartezimmer zu vermeiden sowie insgesamt Zeit einzusparen.

Das Portal www.patientus.de bietet sowohl Erstberatungen als auch Sprechstunden für Bestandspatienten mit ihren Haus- oder Fachärzten an, sofern diese sich dort kostenpflichtig registriert haben. Auch Zweitmeinungs- Sprechstunden bietet das Start-up an. Bestandspatienten können teilnehmende Ärzte auch auf www.arztkonsultation.de kontaktieren. Die Höhe der Gesprächsgebühren legen die Mediziner selbst fest.

Kassen haben Testphasen gestartet

Im Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen ist die Video-Konsultation noch nicht enthalten, allerdings haben unter anderem die DAK Gesundheit, die Techniker Krankenkasse und die Barmer GEK Testphasen gestartet. Schon bis Ende März 2017 sollen Lösungen gefunden werden, Videosprechstunden an das Bewertungssystem der Krankenkassen für ärztliche Leistungen anzupassen.

Experten sehen in dem virtuellen Kontakt eine gezielte Ergänzung zum persönlichen Arztbesuch. "Video-Konsultationen sollen nicht als Ersatz des persönlichen Kontaktes dienen, sondern der Optimierung der Versorgung", sagt Dr. med. Bernhard Gibis, Gynäkologe und Dezernent Sicherstellung und Versorgungsstruktur der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, im Rahmen der Bertelsmann-Studie.

Auch im Bereich der Psychotherapie kommen immer häufiger Online-Angebote zum Einsatz. Zwar fehlt der persönliche Kontakt zum Therapeuten, dennoch ergeben sich zahlreiche Vorteile für Patienten: keine Wartezeiten für einen Therapieplatz, flächendeckender Zugang auch in ländlichen Regionen, zeitliche Unabhängigkeit sowie Kostenersparnisse. Durchgeführt werden die Therapien auf verschiedene Weise: per Audio- und Videokonferenz, E-Mail oder mittels von Fachspezialisten entwickelter Online-Seminare – etwa bei Nichtraucherkursen.

Dass die Onlinetherapie bei Depressionen, Angststörungen oder Burnout funktionieren kann, beweisen Studien der Universitäten Leipzig und Zürich. Diese ergaben vielfach nachhaltigere Erfolge gegenüber herkömmlichen Therapien, da die gespeicherte Kommunikation jederzeit abrufbar ist. Zu den größten Portalen in Deutschland gehören www.deprexis24.de, ein Therapieprogramm gegen Depressionen, www.novego.de zur Behandlung von psychischen Erkrankungen sowie www.geton-training.de – ein Portal mit Gesundheits-Trainings.