05.10.2021 Arzt-Kolumne

Warum Schwerhörigkeit schlecht fürs Gehirn ist

Von Stefan Appenrodt
Dr. Stefan Appenrodt ist Facharzt für Nasen-Hals-Ohrenheilkunde und Allergologie in München.
Dr. Stefan Appenrodt ist Facharzt für Nasen-Hals-Ohrenheilkunde und Allergologie in München. Fotoquelle: Dr. Appenroth

Vor einigen Tagen kam ein 79-Jähriger mit seiner Tochter in meine Praxis. "Mein Vater hört oft das Telefon oder die Türklingel gar nicht mehr läuten. Ich glaube, er benötigt ein Hörgerät", erklärte mir die besorgte Tochter. "Alles halb so schlimm. Ich höre noch ausreichend viel", beschwichtigte der Patient.

Diese Situation erlebe ich in meiner Praxis häufiger. Während der Betroffene fest davon überzeugt ist, noch über genügend Hörvermögen zu verfügen, bemerken die nahen Angehörigen eine immer stärkere Altersschwerhörigkeit. Denn der Hörverlust stellt sich bei den meisten Menschen schleichend ein. Aus diesem Grund sind viele betagte Patienten daran gewöhnt, immer weniger zu hören.

Die Ursache für Altersschwerhörigkeit ist eine Verschleißerscheinung im Innenohr. Nach und nach leidet dadurch die Hörfähigkeit. Als Folge entwickelt sich die Schwerhörigkeit meistens so langsam, dass sie zunächst von den Betroffenen kaum bemerkt wird. Durch Gewöhnung vergessen viele mit der Zeit, wie sie eigentlich hören könnten, und verpassen den richtigen Zeitpunkt für eine Hörgeräteversorgung. Wer ab etwa 65 Jahren in geräuschvoller Umgebung immer schlechter hört und sich beim Verstehen anstrengen muss, sollte unbedingt einen Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde aufsuchen. Denn je länger man wartet, umso schwieriger wird es für das Gehirn, Sprache zu verstehen. Es verlernt mit zunehmender Hörschwäche das akustische Sprachverständnis. Hören bedeutet mehr als einen Ton wahrzunehmen: das Sprachverständnis läuft im Gehirn ab. Es kann als kognitiver Vorgang verloren gehen, wenn nicht mehr genug akustische Reize von außen kommen.

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Ab einem bestimmten Grad der Schwerhörigkeit ist es ratsam, Hörsysteme zu nutzen. Erste Anzeichen können sein, dass Betroffene nicht mehr alles deutlich und laut genug verstehen – vor allem dann, wenn es um sie herum laut ist. Weitere Indizien sind das Überhören von Telefon oder Türklingel wie bei meinem betagten Patienten.

Um eine sichere Diagnose zu stellen, sind zwei verschiedene Hörtests nötig: ein Ton-Audiogramm und ein Sprach-Audiogramm. Bei letzterem werden einzelne Wörter bei einer Lautstärke von 65 Dezibel abgefragt. Wer weniger als 80 Prozent der Wörter versteht, benötigt in der Regel ein Hörgerät. Nachdem ich beide Tests bei meinem 79-jährigen Patienten durchgeführt hatte, war klar, dass ich ihm ein Hörgerät verordnen muss.

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