„Da bekommen Sie eine Augenuntersuchung to go“, erzählte mir ein Patient kürzlich über das Angebot einer Drogeriekette. Das Angebot: ein Augenscreening durchführen zu lassen, das dann durch Künstliche Intelligenz befundet wird. Mittlerweile können wir angeblich über Selbsttestungen oder Fotos, die hochgeladen werden, viele Erkrankungen selbst diagnostizieren. Allergien, Geschlechtskrankheiten, Hautveränderungen, Medizin im Vorbeigehen. „Klingt praktisch, oder? Ist es aber nur bedingt“, antwortete ich und erklärte meinen Standpunkt als Mediziner: „Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein Technikfeind. Viele dieser Tests funktionieren technisch erstaunlich gut. Das Problem ist nicht die Technik – sondern das, was danach kommt. Oder besser gesagt: Was eben nicht kommt.“ Denn Medizin besteht nicht aus einem einzelnen Messwert. Medizin ist Einordnung, Kontext, Erfahrung. Ein Testergebnis ist kein Urteil, sondern bestenfalls ein Puzzleteil. Und wer sich selbst diagnostiziert, dem fehlt oft das Gesamtbild.
Ein gutes Beispiel sind Selbsttests auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten. IgG-Tests zur Diagnose von Nahrungsmittelallergien oder -unverträglichkeiten etwa wirken beeindruckend, sind aber medizinisch weitgehend unsinnig. Sie zeigen keine Unverträglichkeit, sondern eine normale Reaktion des Körpers auf Nahrung. Ergebnis: Menschen streichen ohne Not ganze Lebensmittelgruppen aus ihrem Speiseplan. Auch Haut-Apps zeigen das Dilemma. Eine App kann ein Muttermal analysieren – aber sie kann nicht tasten, vergleichen oder den Verlauf beurteilen. Ein Foto ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Fachgesellschaften warnen zu Recht: Viele Fälle sind für reine Fern-
diagnostik ungeeignet. Noch fragwürdiger wird es beim Augenscreening im Drogeriemarkt. Ein kurzer Blick ins Gerät, ein Ergebnis per KI – effizient, aber medizinisch nicht ausreichend abgesichert. Am Ende landet der Patient doch wieder beim Facharzt. Nur mit mehr Unsicherheit im Gepäck. Und genau das ist der Punkt: Diese Angebote versprechen Sicherheit, erzeugen aber oft das Gegenteil. Denn was macht man mit einem auffälligen Befund? Man googelt. Man sorgt sich. Oder man ignoriert ihn – beides ist problematisch. Und selbst unauffällige Ergebnisse sind keine Garantie: Falsch-negative Befunde sind keine Seltenheit. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Daten. Jeder Test produziert sensible Gesundheitsinformationen. Und nicht selten stehen dahinter Unternehmen, die auch ein wirtschaftliches Interesse an genau diesen Daten haben. Heißt das, all diese Tests sind schlecht? Nein. Aber sie sind Werkzeuge. Und Werkzeuge gehören in die richtigen Hände. Richtig eingesetzt, können sie sinnvoll sein – etwa als Ergänzung oder niederschwelliger Zugang zur Medizin. Aber sie ersetzen keine ärztliche Diagnostik. Noch nicht. Die Zukunft liegt im Zusammenspiel: Mensch und Maschine. Erfahrung und Algorithmus. Und wenn Sie schon messen – lassen Sie das Ergebnis bitte einordnen. Am besten von jemandem, der nicht nur Zahlen sieht, sondern den ganzen Menschen.