Schwindelmigräne

Auch Schwindel kann Migräne sein

27.04.2026, 02.00 Uhr
von Dagny Holle-Lee
Vestibuläre Migräne überrascht oft, da sie sich durch Schwindel statt der typischen Kopfschmerzen äußert. Viele Betroffene fühlen sich benommen oder wie auf einem Schiff. Die richtige Diagnose dauert oft Jahre, doch die Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältig und erfolgversprechend.
Prof. Dagny Holle-Lee ist Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und
Schwindelzentrums Essen sowie Oberärztin der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen.
Prof. Dagny Holle-Lee ist Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und Schwindelzentrums Essen sowie Oberärztin der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen. Fotoquelle: Universitätsmedizin Essen

„Aber ich habe doch gar keine Kopfschmerzen – das kann doch keine Migräne sein!“ Diesen Satz hörte ich vor Kurzem von einer erstaunten 25-jährigen Patientin in meiner Sprechstunde. Zuvor hatten ihr mehrere Ärzte gesagt, ihr Schwindel sei psychisch bedingt. Schließlich kam sie in unser Schwindelzentrum – und erhielt die Diagnose vestibuläre Migräne, auch Schwindelmigräne genannt.

„Das ist das Überraschende: Diese Form hat mit den typischen Migränekopfschmerzen oft wenig zu tun. Stattdessen äußert sie sich durch Schwindel“, antwortete ich ihr. Manche Betroffene fühlen sich benommen oder wie betrunken, anderen kommt es vor, als bewege sich die Umgebung eigenartig oder als sei man auf einem Schiff. Muster anzuschauen, fällt oft schwer. So berichten einige Betroffene, dass sie ihren Kindern keine gestreiften Kleidungsstücke mehr anziehen. Manchmal treten auch Kopfschmerzen auf, häufiger jedoch Licht- oder Lärmempfindlichkeit, Übelkeit oder eine Migräne-Aura mit Flimmern vor den Augen.

Warum das geschieht, ist noch nicht genau erforscht. Man vermutet eine besondere Empfindlichkeit des Gehirns gegenüber Reizen. Diese Empfindlichkeit, das sogenannte „Migränegehirn“, ist angeboren. Auslöser für die vestibuläre Migräne können Stress, Schlafmangel oder hormonelle Schwankungen sein. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, und die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten. Typischerweise beginnt sie bei Frauen in den Wechseljahren.

Das größte Problem ist die Diagnose. Schwindel ist einer der häufigsten Gründe für den Besuch beim Haus- oder HNO-Arzt. Doch dort denkt man selten an Migräne, und auch spezielle Tests oder Blutwerte gibt es nicht. Alles hängt vom Gespräch zwischen Arzt und Patient ab. Kein Wunder also, dass es oft Jahre dauert, bis die richtige Diagnose gestellt wird.

Die gute Nachricht: Vestibuläre Migräne lässt sich gut behandeln. Im Akutfall helfen Schmerzmittel oder Triptane. Vorbeugend wirken Ausdauersport, Gleichgewichtstraining, ein geregelter Tagesablauf und Entspannungsverfahren. Auch moderne Therapien wie Botox oder Antikörper gegen CGRP können wirksam sein. Das Wissen um die Diagnose verbessert häufig schon das gesamte Beschwerdebild.

Meine Patientin profitiert inzwischen von einer solchen Kombination. Ihre Schwindelattacken sind seltener und schwächer geworden. Vor allem aber fühlt sie sich wieder sicherer im Alltag – und ernst genommen. Genau das hatten ihr die Ärzte zuvor jahrelang verwehrt.