„Wenn ich jetzt noch fünf Kilo abnehmen würde, dann wäre alles im grünen Bereich, oder was meinen Sie, Doktor Esser?“, fragt mich ein 50-jähriger Patient beim Check-up in meiner Praxis. Die Waage spielt in den Köpfen vieler Menschen noch immer die Hauptrolle, wenn es um Gesundheit geht. Dabei lohnt sich ein genauerer Blick. Denn bei diesem Patienten war eigentlich alles erfreulich unauffällig. Die Laborwerte stimmten, Herz und Kreislauf waren stabil, er treibt regelmäßig Sport und fühlt sich leistungsfähig. Lediglich ein leichtes Übergewicht zeigte sich auf dem Papier. Meine Antwort fiel deshalb klar aus: „Lieber etwas kräftiger und fit als scheinbar schlank aber unsportlich.“
Was viele nämlich nicht wissen: Das eigentliche Risiko versteckt sich häufig dort, wo man es äußerlich gar nicht vermuten würde. In der Medizin sprechen wir von sogenannten TOFIs – „thin outside, fat inside“. Gemeint sind Menschen, die nach außen hin schlank wirken oder laut Body-Mass-Index völlig im Normbereich liegen, deren Körperzusammensetzung jedoch ungünstig ist. Sie besitzen vergleichsweise wenig Muskelmasse, dafür aber einen erhöhten Körperfettanteil. Problematisch ist das sogenannte viszerale Fett, also Fettgewebe im Bauchraum. Dieses ist metabolisch hochaktiv und beeinflusst zahlreiche Stoffwechselprozesse negativ. Es fördert Entzündungsreaktionen im Körper, verändert den Zuckerstoffwechsel und steht in engem Zusammenhang mit Insulinresistenz. Die Folge können Erkrankungen sein, die wir typischerweise mit Übergewicht verbinden. Man spricht dann von einer normalgewichtigen Adipositas. Studien zeigen, dass diese Menschen ein erhöhtes Risiko für klassische Wohlstandserkrankungen tragen: Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Einige Untersuchungen weisen sogar darauf hin, dass Personen mit normalem BMI und ausgeprägtem Bauchfett ein höheres Sterblichkeitsrisiko haben können als Menschen mit moderatem Übergewicht, die körperlich aktiv sind. Der Grund ist einfach: Muskeln sind ein wichtiger Schutzfaktor. Sie verbessern den Zuckerstoffwechsel, stabilisieren den Energieverbrauch und wirken sich positiv auf Herz und Gefäße aus. Wer dagegen wenig Muskulatur besitzt und gleichzeitig Fett im Bauchbereich einlagert, trägt ein Risiko, das auf den ersten Blick unsichtbar bleibt. Deshalb sollte Gesundheit niemals ausschließlich über das Körpergewicht definiert werden. Entscheidend ist nicht nur, was die Waage zeigt, sondern woraus sich das Gewicht zusammensetzt. Regelmäßige Bewegung, insbesondere Krafttraining, eine ausgewogene Ernährung und ein aktiver Alltag sind wesentlich wichtiger als das starre Festhalten an einer bestimmten Zahl. Es geht nicht darum, möglichst dünn zu sein – sondern möglichst gesund gebaut. Und genau das habe ich meinem Patienten am Ende auch mitgegeben.