Der Dichter Jean Paul hat einmal gesagt, Krankheit nutze nicht nur dem Arzt, sondern auch der Seele. Dieser Nutzen kann darin liegen, dass wir lernen, bewusster zu leben.

Bei mir hat eine Krankheit dazu geführt, wieder Ruhe zu finden und Kraft zu tanken, indem ich mich weniger antrieb und aufhörte, meinen Körper zu überfordern.

Natürlich gibt es auch Schicksalsschläge, die uns unverhofft treffen können. Man denke nur an die Epidemien in früheren Jahrhunderten, an die Pest und die Cholera, oder an Unfälle, die uns wie der Blitz aus heiterem Himmel treffen. Nicht zu reden von den Krebsleiden.

Wenn jedoch noch heute wie vorzeiten Theorien aufgestellt werden, die in der Krankheit eine Strafe des Himmels erkennen wollen, dann ist das als Scharlatanerie abzulehnen. Denn die Krankheit an sich ist nicht böse, sie wird nicht aus moralischen Gründen über uns verhängt. Dass etwa Brustkrebs von mangelnder Liebe herrühre oder sich gar dem unerfüllten Bedürfnis nach Liebe verdanke, ist gefährlicher Unsinn.

Wohl aber sollten wir die Krankheit als eine Warnung verstehen. Sagt sie uns doch in vielen Fällen: Achte darauf, was du gemacht hast, ob du deine Grenzen nicht überschreitest.

Denn wenn man erschöpft ist, weil man geglaubt hat, der Körper müsse dem Willen wie auf Befehl gehorchen, dann wird man schnell anfälliger, man bekommt eher eine Grippe, vielleicht sogar einen Bandscheibenvorfall, als in einer Phase seelischer Ausgeglichenheit.

Leider sehen wir das oft erst ein, nachdem uns die Krankheit dazu gezwungen hat. Wir werden dann stabiler, weil wir die Gesundheit wieder zu schätzen wissen. "Mit dem Brustkrebs", sagte mir einmal eine Patientin, "wurde mir klar, wie kostbar jeder Atemzug, jeder Gedanke ist." Aus der Krankheit schöpfte sie einen Lebensmut, der sie dann vor vielem bewahrt haben mag. Der Körper kann uns nur warnen, die Erkenntnisse aus dem Leiden müssen wir selbst ziehen. Nur Mut!