16.02.2026 "Ein fast perfekter Antrag"

Iris Berben über Liebe, Freiheit – und warum das Ende anders sein muss

In „Ein fast perfekter Antrag“ zeigt Iris Berben als Kunstprofessorin Alice, wie wichtig Selbstbestimmung und moderne Frauenbilder sind.
Alice Weidel schaut ernst.
Iris Berben in ihrer Rolle als Kunstprofessorin Alice Fotoquelle: Olczyk Jurgen JAT-PHOTO

Sie spielen in „Ein fast perfekter Antrag“ die Kunstprofessorin Alice. Können Sie dieser Disziplin auch persönlich etwas abgewinnen?
Iris Berben: Meine ersten Berührungen mit einer Kunsthochschule hatte ich schon in den 60er-Jahren – damals in Hamburg. Aber da ging es weniger um Malerei oder Renaissance, sondern um Politik. Der SDS, der Sozialistische Studentenbund, saß dort, unsere Demonstrationen wurden von da aus organisiert. Das waren harte, sehr prägende Jahre. Insofern kenne ich die Kunsthochschule eher als Ort des Aufbruchs und des Widerstands. Aber natürlich ist mir Kunst an sich sehr nah – ich gehe gern in Museen, in Ausstellungen. Ich arbeite ja selbst in einem Beruf, den man zur Kunst zählen kann. Deshalb war es kein fremdes Terrain für mich.

Im Film unterrichten Sie ja einen Kurs über den Blick auf den weiblichen Körper in der Kunst der Renaissance. Wie sind Sie da hineingekommen?
Ich hatte großes Glück, dass mich eine echte Kunstprofessorin beraten hat. Sie saß am Anfang sogar bei den Proben dabei. Mir war es wichtig, die richtige Tonalität zu finden – wie spricht so eine Professorin, wie führt sie einen Kurs, wie reagiert sie auf Studierende? Man ist ja nicht nur Fachfrau, sondern auch Pädagogin. Manchmal ist man locker, manchmal streng, manchmal muss man eingreifen. Das alles sollte glaubwürdig sein.

Das merkt man dem Film an. Alice wirkt sehr echt. Mir fiel auch auf, dass es einige Parallelen zwischen Ihnen und ihr gibt – etwa diese Unabhängigkeit, dieser Freigeist.
Genau darin habe ich mich auch wiedergefunden. Weniger in konkreten biografischen Details, sondern in ihrer Haltung. Dieser Freigeist, dieses Beharren auf Selbstbestimmung – das begleitet mich seit den 60er-Jahren. Ich finde es wichtig, dass wir heute Frauenbilder erzählen, die in unsere Zeit gehören: Frauen, die unabhängig sind, die Konventionen hinterfragen, die ihr Leben selbst gestalten. Alice ist genau so eine Frau. Und in der Begegnung mit Walter – gespielt von Heiner Lauterbach – merkt sie, dass diese Freiheit immer noch verteidigt werden muss.

Gerade deshalb ist auch das Ende so stark. Es ist kein klassisches Rom-Com-Finale mit Hochzeit und „alles wird gut“.
Es freut mich, dass Sie das so sehen – denn auch ich hatte Sorge, dass am Ende genau die Konventionen eingehalten werden, die hier eigentlich hinterfragt werden sollen. Aber zum Schluss bleibt der Freigeist erhalten. Für manche Menschen ist ein klassisches Modell richtig – für mich und für Alice eben nicht zwingend. Ich gehöre zu einer Generation, die Gleichberechtigung nicht nur gefordert, sondern gelebt hat. Und ich fand es sehr wichtig, dass der Film das respektiert.

„Ein fast perfekter Antrag“ gehört auch zu einer neuen Welle von Liebesgeschichten über Menschen jenseits der 40 oder 50. Warum, glauben Sie, kommt das erst jetzt langsam?
Weil wir lange in sehr engen Bildern festgesteckt haben. Frauen wurden irgendwann unsichtbar. Ab 40 waren Frauen vielleicht noch „die Frau von“ – aber nur als Beiwerk, es ging nie um ihre Geschichten. Interessanterweise waren es vor allem die Streaming-Plattformen in England, die das verändert haben. Dort durften plötzlich Frauen wie Jane Fonda oder Helen Mirren ihre Geschichten erzählen – auch mit 70 oder 80. Mit Liebe, Verlust, Sehnsucht. Das hat etwas in Gang gesetzt. Auch bei uns traut man sich jetzt mehr, solche Geschichten zu erzählen. Und „Ein fast perfekter Antrag“ gehört definitiv dazu.

Was gewinnt man denn erzählerisch durch Liebesgeschichten im höheren Alter?
Man gewinnt Tiefe. Gefühle, Sehnsüchte, Zweifel – die hören ja nicht auf, nur weil man älter wird. Im Gegenteil: Sie werden komplexer. Man fragt sich: Welche Kompromisse bin ich noch bereit einzugehen? Was brauche ich wirklich? Wer bin ich geworden? Das sind dieselben Fragen wie mit 20 – nur mit mehr Biografie im Gepäck. Und genau das macht solche Geschichten so spannend.

Der Film spielt ja auch mit diesem Gedanken: Walter und Alice begegnen sich nach 40 Jahren wieder. Zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebenswegen.
Ja, und genau das fand ich so schön. Diese 40 Jahre, die sonst in Filmen einfach übersprungen werden – hier sind sie plötzlich da. Als Geschichte, als Erfahrung, als Bruch. Und dann stellt sich die Frage: Wo stehen wir heute? Haben wir uns weiterentwickelt? Können wir uns noch einmal neu begegnen? Das ist keine Nostalgie – das ist ein ehrlicher Blick auf das Leben.

„Ein fast perfekter Antrag“ – ab Donnerstag, 26. Februar, im Kino