Alina Levshin ist der Star der neuen Crime-Serie "Dunkelstadt". Dort verkörpert sie die eigenwillige und nicht ganz unkomplizierte Detektivin Doro Decker. Wir sprachen mit der Berliner Schauspielerin über Herausforderungen, Hierarchien und Horrorfilme.

Frau Levshin, was war der besondere Reiz an der Rolle der Doro Decker?

Ich fand das Konzept sehr ansprechend. Es ist eine absolute Hauptrolle. Detektivin Doro Decker hat einen interessanten Beruf und trägt einen inneren Konflikt aus, dem sehr viel Raum gelassen wird. Sie hat mit der Vergangenheit noch nicht ganz abgeschlossen, stellt viele Fragen und hat ein kleines Problem mit Alkohol. Da fließt viel ein – das ist eine ziemlich spannende Herausforderung. Letztlich spiele ich eine solche Rolle nicht, um Applaus dafür zu bekommen, sondern um etwas zu erschaffen, mich ein Stück weit zu verwandeln und dazuzulernen.

"Dunkelstadt" wird in großen Teilen aus der Sicht der Protagonistin erzählt. Welche Vor- oder Nachteile bringt dieser Ansatz mit sich?

Einerseits ist das Geschmackssache. An die Voiceovers muss man sich als Zuschauer erst gewöhnen. Man sollte diesem Stilmittel aber offen begegnen. Ich halte es jedenfalls für eine schöne Idee, um in den Erzählfluss ein bisschen Farbe hineinzugeben. Ich würde sagen, dass es nicht zu viel ist. Man gibt der Figur dadurch mehr Tiefe.

Dadurch erfährt der Zuschauer auch immer sofort, was die Hauptfigur zu bestimmten Themen denkt. Einige Geheimnisse sind daher recht schnell weniger geheim.

Na ja. Dem Zuschauer wird aber nicht zu viel verraten, denn die Figur ist ja selbst eine Suchende. Auf der Reise durch die verschiedenen Episoden findet sie für sich wichtige Dinge heraus und macht viele Entwicklungen durch.

Haben Sie ähnliche Probleme mit Hierarchien und Konventionen wie Doro Decker?

Mit Hierarchien sicherlich. Ich bin nicht so erzogen, dass ich strammstehen muss, sobald ein Vorgesetzter im Raum ist. Ich habe mich immer sehr gut mit Leuten verstanden, die in der in der Hierarchie eigentlich über mir stehen, aber einem dennoch auf Augenhöhe begegnen. Doch ich habe ein großes Problem mit Leuten, die ihre Macht missbrauchen. Da werde ich sofort hellhörig und spreche das auch offen an. Ich finde Ungerechtigkeiten grundsätzlich sehr schlimm. Da treffe ich mich charakterlich schon mit der Figur Doro Decker.

Muss man eine Filmfigur mögen, um sie besser zu verstehen?

Irgendwie schon. Man hat eine Idee von diesem Menschen, den man darstellen soll. Das, was in der Vorbereitung passiert und das, was man in seinem Kopf hat, entwickelt sich während der Dreharbeiten zur endgültigen Figur. Kostüm, Maske, Setting machen sehr viel mit einem. Manches überrascht mich auch. Dann versuche ich, Dinge zu verändern. Aber immer auf konstruktive Art, damit das gemeinsame Ziel des Teams erreicht wird: die Illusion eines Menschen zu erschaffen. Natürlich gibt es auch Bösewichte, in die man sich hineindenken muss. Aber selbst die haben ja Gewohnheiten, Ziele, Wünsche. Und auch in solche Charaktere muss man sich hineinversetzen können. Man macht das auf pragmatische Art, ohne es zu hinterfragen. Die Wirkung der Figur entsteht ja erst hinterher beim Zuschauer.

Doro Decker ist offensichtlich beziehungsscheu. Ist der Typ "einsamer Wolf" nötig, um als Detektiv erfolgreicher zu wirken?

Es gab durchaus mal eine Beziehungsszene in "Dunkelstadt", die aber zu viel Raum eingenommen hat und wieder herausgenommen wurde. Es ist nicht so, dass Doro ein einsamer Wolf sein will. Ganz im Gegenteil. Aber durch ihre eigene Geschichte wird sie eben zu diesem eher beziehungsscheuen Wesen. Wichtig ist aber, was Beziehungen mit ihr machen. Zum Beispiel, die zu ihrem Assistenten, der sich ja nicht wegstoßen lässt. Das verändert sie schon.

Ihre Darbietung im Neonazi-Drama "Kriegerin“ wurde von Kritikern allenthalben gewürdigt – die Tatort-Erfurt Reihe hingegen verrissen. Wie kamen Sie als damals noch junge Darstellerin mit solchen Höhen und Tiefen zurecht?

Das sind ja ganz unterschiedliche Erfahrungen. Kriegerin ist eine Arthouse-Verfilmung, die mit sehr viel Liebe zum Detail und aus Überzeugung gemacht wurde. Das gesamte Team hat da so viel Herzblut reingesteckt. Es gab ein Thema, eine Message, die in die Gesellschaft getragen wurde und damals einen Nerv traf. Der Tatort ging auf die Anfrage einer Produktionsfirma zu einem Konzept zurück, das sich sehr interessant las. Eine Auftragsarbeit. Nach zwei Folgen hatte ich aber das Gefühl, dass da nicht alles eingelöst wurde, was zuvor geplant war. Ich fand das natürlich schade, aber so ist das – man geht nicht aus jeder Produktion glücklich heraus.

Sie haben mal in einem Interview zu "Kriegerin" gesagt, sie haben das Extreme ausprobieren wollen. Gibt es in "Dunkelstadt" ähnlich extreme gesellschaftspolitisch relevante Momente?

Jedes Thema dort ist gleich stark und gleich wichtig. In 45 Minuten kann man natürlich nicht alles abdecken und in der nötigen Tiefe erzählen, aber mir sind viele gesellschaftskritische Aspekte in der Serie sehr wichtig. Apropos extrem: Schon das Drehen war eine ziemliche Herausforderung. Bis auf zweimal, als ich gedoubelt wurde, habe ich alles selbst gemacht (lacht).

Sie sind oft im Crime Genre zu sehen. Wie schnell landet man in einer gewissen Schublade?

Mir geht es gar nicht um Genres. Es sind die Figuren und Geschichten, die mich ansprechen müssen. Vielleicht gibt die aktuelle Fernsehlandschaft diese Figuren und Geschichten eben in erster Linie in Krimis her.

Andersherum gefragt: Welche Herausforderung wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Ich spiele sehr gerne Drama, aber Comedy ist für mich genauso reizvoll. Ich überrasche einfach gerne. Ob mit Humor oder Horror – ist ganz egal. Da ist durchaus noch Potenzial. Oder mal historische Themen umsetzen, die mich interessieren. Oder Märchen. Das Timing muss einfach stimmen, dann klappt es damit bestimmt auch mal irgendwann.