Mit "Rest" ist nach sechs Jahren Pause ein neues Album von Charlotte Gainsbourg erschienen. Während es in den gehauchten französisch-englischen Texten um Verlust, Tod sowie den Abschied von ihrer Halbschwester Kate Barry und dem berühmten Vater Serge Gainsbourg geht, bitten die aufmunternden Elektrobeats des Produzenten SebastiAn schon mal auf den Dancefloor.

Trotz solcher Brüche scheint es, als sei das 46-jährige Multitalent mit diesem Album endlich bei sich selbst angekommen. Beim Interview im Berliner Soho-House erzählt Charlotte Gainsbourg entspannt und aufgeschlossen von den schweren letzten Jahren, ihrem Umzug in den Big Apple und einem aufregenden Treffen mit Paul McCartney.

prisma: Mrs. Gainsbourg, wenn Sie englisch singen, haben Sie so einen charmanten französischen Akzent. Wie reagieren die Amerikaner in Ihrer neuen Wahl-Heimat New York darauf?

Charlotte Gainsbourg: Sie verstehen nicht immer alles und fragen oft nach. Wenn ich ein Wasser bestellen will, kommt immer als Antwort: "Was bitteschön?" Dabei sagt man doch eigentlich den Franzosen nach, dass sie sehr strikt im Umgang mit ihrer Sprache sind.

prisma: Aber viele Menschen dort müssen es doch auch sexy finden, wenn sie Sie mit Ihrem Akzent hören ...

Gainsbourg: Danke. Die Amerikaner sagen auch nie, dass es nicht charmant sei. Es gibt nur ab und an Verständigungsschwierigkeiten zwischen uns.

prisma: Sie sind 2014 nach New York gezogen, um über den Verlust Ihrer Stiefschwester durch einen Fenstersturz hinwegzukommen, worüber Sie auf Ihrem Album den Song "Kate" singen. Hat der Umzug gewirkt?

Gainsbourg: Nicht ganz. Der Schmerz wird immer da sein. Es gibt so viele Erinnerungen an unsere gemeinsame Kindheit, und sie war mir immer ein wichtiger Ratgeber. Aber der Umzug war trotzdem ein wichtiger Schritt, denn ich war nach diesem Vorfall drauf und dran, depressiv zu werden. Mein Leben hat sich seither total verändert – ich komme in New York auf andere Gedanken.

prisma: Können Sie Ihrer Schwester "vergeben"?

Gainsbourg: Wir können nicht sicher sagen, ob es Selbstmord war. Es ist immer noch sehr mysteriös. Sie war sehr zerbrechlich, sie könnte sich umgebracht haben. Aber es gibt Widersprüche, was uns denken lässt, dass es kein Freitod war. Ich würde gerne genau wissen, was passiert ist. Aber ich muss damit leben, dass ich es nie erfahren werde.

prisma: Was genau ist heute anders in Ihrem Leben?

Gainsbourg: Das erste Mal in meinem Leben kann ich anonym sein. Niemand erkennt mich in New York. Also muss ich nicht ständig im Auge behalten, was um mich herum passiert. Ich genieße komplette Freiheit, wenn ich aus der Haustür gehe. Ich muss nicht in bester Verfassung sein. Und ich gebe auch zu, dass es mir mittlerweile egal ist, welche Klamotten ich trage – was sich für eine Französin eigentlich nicht schickt.

prisma: Sie genießen das Lotterleben!

Gainsbourg: (lacht) Genau! Ich habe echt Spaß in New York. Und wenn Leute mich doch mal erkennen, was mich immer überrascht, erkennen sie mich für meine eigene Arbeit. Meine Eltern sind den meisten Menschen dort kein Begriff. Sie reden mit mir also über die Filme, die ich mit Lars von Trier gemacht habe oder das Album davor, das ich mit Beck aufnahm. Das ist die grobe Zusammenfassung davon, wer ich für die Amerikaner bin.

prisma: Also werden Sie dort ganz anders wahrgenommen als in Ihrer französischen Heimat?

Gainsbourg: In Frankreich sind die Leute zwar liebenswürdig, aber sie sagen immer, wie sehr sie meine Eltern bewundern. Es geht nie um mich! Jetzt in Amerika bin ich das erste Mal in der Lage, ich selbst zu sein. Ich bin 46. Es wurde auch höchste Zeit!

prisma: Warum fiel Ihre Wahl überhaupt auf New York?

Gainsbourg: Weil es so einfach war. Hollywood hin oder her: Los Angeles wäre mir zu weit weg gewesen. New York war die erste Wahl außerhalb Europas. Und jetzt weiß ich erst, was für eine unglaubliche Stadt das ist. Ich habe viel gezeichnet, fotografiert, Songs geschrieben – ich war die letzten drei Jahre sehr künstlerisch unterwegs. In Paris konnte ich das nur im Geheimen machen, denn ich würde niemals meine Zeichnungen zeigen. In meinem neuen Zuhause ist das gar nicht wichtig. Jeder macht alles in New York. Alle sind Künstler. Und anders als in Frankreich wird dir nicht das Gefühl gegeben, dass du ein Genie ein musst, damit deine Kunst etwas wert ist.

prisma: Inwiefern hat das alles Ihr neues Album beeinflusst?

Gainsbourg: Mein Produzent SebastiAn hatte schon in Frankreich an der Musik gearbeitet, und ich hatte bereits einige Texte dort geschrieben. Doch erst in New York fühlte ich mich bereit, und die Sache nahm Fahrt auf. Wir buchten uns in ein Studio in Brooklyn ein. Ihm gefielen meine Texte, was mir wichtig war, denn es ist ja das erste Mal, dass ich selbst geschrieben habe.

prisma: Wie ging es Ihnen bei der Arbeit an diesen intimen Songs?

Gainsbourg: Das Studio wurde zu meinem Trauerplatz, an dem ich mir Nostalgie und Schmerz von der Seele schrieb. Es war der Ort, an dem ich durch die Texte zu meiner Schwester Kate und zu meinem Vater sprechen konnte. Aber es sollte auch keine total dunkle, depressive und zu intime Platte werden. Deshalb war es gut, dass SebastiAn mit warmen, energetischen Elektronik-Klängen für den Kontrast sorgte. Seine Musik war mein Schutzschild.

prisma: Und dann gibt es auf dem Album ja auch noch einen Gastbeitrag von Paul McCartney ...

Gainsbourg: Ich hatte ihn schon um eine Lunch-Verabredung gebeten, da wusste ich noch gar nicht, wann ich überhaupt mein nächstes Album mache. Er willigte ein, mich in London zu treffen. Meine Plattenfirma hatte das für mich eingefädelt.

prisma: Wie ist es denn, wenn man im Restaurant auf Paul McCartney wartet?

Gainsbourg: Ich kam tatsächlich zuerst dort an! Ich ging zur Rezeption und sagte: "Ich bin hier zum Mittagessen verabredet mit Mr. McCartney." Und die Dame antwortete: "Sie meinen Sir Paul." Sie führte mich in ein Separee. Die Begegnung lief total natürlich ab. Wenn du so eine Legende triffst, willst du natürlich nicht zeigen, wie sehr es dich einschüchtert. Ich bin mir sicher, er hat es mir angesehen. Aber ich habe alles gegeben, um so cool und relaxt wie möglich rüberzukommen (lacht).

prisma: Vermutlich setzt er voraus, dass die Tochter einer Legende solche Treffen gewöhnt ist.

Gainsbourg: Keine Ahnung. Am Ende des Treffens bat ich ihn jedenfalls darum, an mich zu denken, wenn er mal einen Song übrig hätte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er sich nochmal meldet. Tat er auch nicht. Er schickte einfach nur das Lied "Songbird In A Cage". In meiner Mailbox hatte ich also ein Demo von Paul McCartney, wie er eine sehr süße Melodie singt. Monate vergingen, und es war mir schon etwas peinlich. Als wir uns dann endlich daran machten und seinen Stück an den Rest des Albums anpassten, schickte ich ihm den fertigen Song. Er liebte ihn und kam tatsächlich noch im Studio vorbei, um Instrumente dafür einzuspielen. Ich war natürlich wieder ganz cool.

prisma: Cool scheinen Sie auch zu sein, wenn es um die Auswahl Ihrer Filme geht: In Lars von Triers Skandalfilmen "Antichrist" und "Nymphomaniac" entblößen Sie sich. Meinen Sie, das hätte Ihrem Vater, der selbst gerne provoziert hat, gefallen?

Gainsbourg: Nein, überhaupt nicht! Ich glaube, er wäre schockiert gewesen. Natürlich hat er oft auf sexuelle Provokationen gesetzt, aber immer auf schöne, irgendwie liebliche Art: "Je t'aime ... moi non plus", sein Duett mit meiner Mutter, war ja wie ein vertonter Beischlaf und ziemlich schockierend zu der Zeit – aber eigentlich war es einfach nur ein Liebeslied. In meinen Filmen gehe ich hingegen Dingen auf den Grund, die die kalte, weniger liebevolle Seite von Sex aufzeigen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst