Endlich: Mit der Serie "Dark" läuft die erste deutsche Netflix-Eigenproduktion – und überzeugt als düsterer Mix aus Mystery, Zeitreise und Retro-Stil.

"Die Frage ist nicht, wo, die Frage ist nicht, wer, die Frage ist nicht, wie, sondern wann", raunt es in der Mystery-Serie "Dark". Tatsächlich fragte man sich in den vergangenen Jahren oft, wann sie endlich kommen würde, die erste deutsche Netflix-Eigenproduktion. Nun ist es soweit: Das zehnteilige "Original", das bereits auf dem Toronto Filmfest gezeigt wurde, feierte in Berlin seine Europapremiere. Ab 1. Dezember ist das Werk auf dem Streamingdienst abrufbar – aber hält es auch das, was die mediale Aufmerksamkeit verspricht? Es scheint so: Mit Newcomern wie Louis Hofmann und Stars wie Oliver Masucci gelingt "Dark" eine wundervoll düstere Mixtur aus Zeitreise-Thriller, experimentellem "Tatort" und Retro-Drama à la "Stranger Things". Deutsch ist daran wenig und vieles zugleich.

Lange Zeit war man bei Netflix ratlos: Warum war es so schwer, eine deutsche Eigenproduktion an den Start zu bekommen? Kann man bei den Deutschen mit einer Streamingserie überhaupt Erfolg haben? Bei genau jenen Deutschen, deren Markt groß genug ist, um nicht in andere Länder schielen zu müssen; die deshalb im TV nicht viel anderes als Krimis und History-Serien produzieren?

Netflix hat Wort gehalten

Die Antwort lieferte Netflix' Pressechef vor zwei Jahren, als der kalifornische Konzern hierzulande gerade erst mit dem Streamingangebot gestartet war: "Man kann Leute dazu bekommen, zu schauen, woran sie eigentlich nicht gewöhnt sind. Wir produzieren keine Standard-Polizei-Serien. Und wir werden auch in Deutschland keine machen, nur weil es das ist, was die Leute gern schauen."

Netflix hat Wort gehalten. Mit "Dark", der ersten Eigenproduktion in deutscher Sprache, mit deutschen Schauspielern und unter deutscher Regie, wird man beim krimigewohnten Publikum zunächst viele fragende Gesichter ernten. Mystery? – Ein Genre, das hierzulande so randständig existiert, dass nicht einmal ein eigener Ausdruck dafür existiert. Zeitreise? – SciFi-Elemente und Raum-Zeit-Spielereien werden in der deutschen Unterhaltung höchstens belächelt. Und dann die in "Dark" aus jeder Pore triefende "German Angst" eines Murnau oder Fassbinder. Welch' Ironie, dass genau jene in der Serie penibel herausgearbeitete Angst in Realität dazu beiträgt, dass man hierzulande schon zahmen "Tatort"-Experimenten einen Riegel vorschiebt.

Unter Leitung von Netflix, so betont es auch das Schöpfer-Duo Jantje Friese und Baran bo Odar, gab es derlei Einschränkungen nicht. Zunächst habe man den beiden Regisseuren des internationalen Erfolgs "Who Am I - Kein System ist sicher" angeboten, den Hacker-Film zur Serie zu machen. Weil die beiden Filmemacher, die auch privat ein Paar sind, darauf keine Lust hatten, ließ man ihnen freie Hand.

Man merkt der Serie jene Freiheit von den Konventionen an: "Dark" entführt den Zuschauer in die geheimnisvolle Kleinstadt Winden, deren Alltag durch das Verschwinden zweier Kinder durcheinander kommt. In düsteren Bildern, unterlegt von einem unruhigen Soundteppich, überschreitet der spannende Mystery-Thriller dabei die Grenzen von Raum und Zeit. In Winden, einer Stadt, in der jeder jeden samt dessen Vergangenheit kennt, werden die Spannungen und Beziehungen der Hauptfamilien über Jahrzehnte miteinander verwoben.

"Dark" begleitet vier Familien in ungekannte Tiefen

Die Handlung und ihre Figuren springen von einer nahen Zukunft im Jahr 2019 ins Jahr 1986, ins Jahr 1956 und wieder zurück. Dass es sich dabei mitnichten nur um Rückblicke, sondern auch um tatsächliche Zeitreisen handelt, ist ein erzählerisches Wagnis, das zunächst verwirrt, aber doch funktioniert. Vier Familien und deren Geschichten begleitet "Dark" auf diese Weise in ungekannte Tiefen; das Gewordensein der Figuren erhält durch Zeitebenen und Eingriffe in die Zeit eine ganz neue Dimension. Obendrauf gibt es den Kampf gegen das naheliegende Atomkraftwerk inmitten der Anti-AKW-Bewegung der 80er-Jahre, Raider-Nostalgie statt Twix, Nenas Hits sowie Retro-Klamotten, wie sie ein "Stranger Things" nicht besser hätte inszenieren können. Im Gegensatz zum US-Erfolg ist das in und um Berlin gedrehte "Dark" jedoch weniger spielerisch – im Zentrum stehen Familienabgründe und das Böse, das hinter der heilen Kleinstadtfassade lauert.

In jenem Sinne besitzt "Dark", dessen Anspruch bei 190 Sendeländern ein internationaler ist und sein muss, auch abseits der Sprache sehr deutsche Insignien: die Kühle und Dunkelheit des Waldes, die Kleinstadt und ihre Familien als Ursprung des Geborgenen und des Schreckens zugleich, das unbarmherzige Schweigen. Dass die bedrückende Atmosphäre zum Dauerzustand wird, wie es die Berliner Schule und bisweilen manch sehenswerterer "Tatort" schon wagten – dafür sorgen die Darsteller, die Odar und Friese in jeder Hinsicht passend ausgewählt haben: So geben gestandene deutsche Stars wie Oliver Masucci und Jördis Triebel das verzweifelte Ehepaar Nielsen, das seinen verschwundenes Kind sucht – und dabei selbst so viel zu verbergen hat. So verkörpert der fantastische Newcomer Louis Hofmann den Teenager-Sohn Jonas Kahnwald, den zwischen den Schicksalen der Familien das Übernatürliche ereilt. Dass viele der Charaktere doppelt besetzt werden, ist einer der erfrischenden Kniffe der Geschichte.

Egal, wie "Dark" als erste deutsche Eigenproduktion vom internationalen und hiesigen Publikum angenommen wird, egal, wie schwer sich die Kritik mit der seltsamen Mystery-Zeitreise-Thriller-Melange tun wird: Man darf Netflix und dem in kreativer Hinsicht rastlosen Duo Jantje Friese und Baran bo Odar durchaus jetzt schon dankbar dafür sein, die deutsche TV-Kruste weiter aufzubrechen.

Sehen Sie hier den Trailer zur Netflix-Serie "Dark":


Quelle: teleschau – der Mediendienst