Premiere in der ARD

"Lang lebe die Königin": Ihren letzten Film konnte Hannelore Elsner nicht beenden

von Eric Leimann

Für "Lang lebe die Königin" stand Hannelore Elsner zum letzten Mal vor der Kamera. Wegen ihrer Krankheit konnte sie die Dreharbeiten nicht zu Ende bringen. Fünf berühmte Schauspielerinnen sprangen ein.

ARD
Lang lebe die Königin
Tragikomödie • 29.04.2020 • 20:35 Uhr

Man muss schon schlucken, wenn man diesen letzten Film mit Hannelore Elsner sieht – ganz unabhängig von seiner im Drehbuch stehenden Geschichte. Elsner, die am 21. April 2019, ziemlich genau vor einem Jahr, ihrer schweren Krebserkrankung erlag, spielt in "Lang lebe die Königin" eine divenhafte Mutter mit einer Krebserkrankung. In ihren letzten Lebensmonaten versuchen ihre Tochter (Marlene Morreis) und sie verzweifelt, ihre etwa 40-jährige Geschichte eines zermürbenden Generationskampfes doch noch zu einem guten Ende zu führen. Weil Hannelore Elsner die Dreharbeiten nicht mehr abschließen konnte – ganze fünf Szenen fehlten – sprangen fünf unterschiedliche Stars für sie ein, die – unkommentiert und ohne den Versuch, sich irgendwie als Elsner zu "verkleiden" – ihre Rolle als Rose Just einnehmen. Es ist ihr Abschiedsgruß an Hannelore Elsner, deren würdevolle Altersschwere in dieser Tragikomödie ein letztes Mal schillert.

Dabei erzählt der Film auch ohne seine tragische Hinter-den-Kulissen-Story eine durchaus kluge, anrührende Geschichte (Buch: Gerlinde Wolf): Nina Just (Morreis) führt kein schlechtes Leben, aber auch keines, das sie sich erträumte. Nach ihrer Schauspielausbildung brachte sie es mit Ende 30 gerade mal bis zum Star eines Verkaufssenders, wo sie leicht bekleidet mit einem schmierigen Partner absurde Produkte vorführen muss. Sie lebt, ohne dass es jemand wissen darf, mit ihrem unterkühlten Chef (Philipp Moog) zusammen, ist kinderlos und in einem lebenslangen Clinch mit ihrer Mutter Rose (Elsner) gefangen. Im Gegensatz zu Bruder Leon (Ole Puppe), der als Barmusiker in Südfrankreich ein freies, ungebundenes Leben führt, musste Nina stets um die Anerkennung ihrer Mutter kämpfen – und erhielt sie doch nie.

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An allem hat die exzentrische Rose, die seit langem mit ihrem Lebensgefährten Werner Wittich (Günther Maria Halmer) liiert ist, etwas zu mäkeln. Mal ist Ninas Job lächerlich, dann wieder ihr – vermuteter – Freund zu alt. "Spätestens im Kindergarten werden sie ihn für den Opa halten", giftet Rose, als Nina in einer Art Trotz-Angriff wider die Mutter, behauptet, sie wäre schwanger. Rose vermutet, dass Ninas Chef der Vater ist, ist aber ehrlich überrascht, als ihre Tochter den etwas jüngeren Mike (Matthias Kelle) als neuen Freund und Kindsvater präsentiert. Der arbeitet beim Pannendienst, hat Nina mit einem Autoschaden weitergeholfen und zeigt seine Gefühle für die "Kundin" frei heraus.

Als es Rose in den Monaten nach der ausgesprochenen Schwangerschaftslüge zunehmend schlechter geht, muss Nina – im wahrsten Sinne des Wortes – tragikomische Bocksprünge unternehmen, um ihre Story, aber auch die geheime Hoffnung auf ein Enkelkind und die späte Versöhnung mit der Mutter aufrechterhalten zu können. Mit wachsenden Kissen und BH-Einlagen unter der Oberbekleidung, mit behaupteten Freunden, die ihr zwischenzeitlich wieder weggelaufen sind, und anderen bitterkomischen Winkelzügen, steuert Nina auf eine Katastrophe zu, die ihr notdürftig zusammengeschustertes Leben immer mehr implodieren lässt. Gibt es einen Ausweg für die kühl spöttelnde Todkranke und ihre verzweifelte Tochter?

Abschiedsfilme einer großen Schauspielern

Einen großen Teil Ruhm erarbeitete sich Hannelore Elsner in ihren späten Jahren, als sie sich oft selbst zu spielen schien: Mit einer Mischung aus divenhafter Distanz und emotionaler Klarheit erschuf sie eine faszinierende Art Schauspiel, der man sich als Zuschauer nur schwer entziehen konnte. Dass es renommierte Kolleginnen ebenso sahen, beweist die Tatsache, dass mit Iris Berben, Eva Mattes, Hannelore Hoger, Judy Winter und Gisela Schneeberger bekannte Generations-Genossinnen nicht zögerten, als Regisseur Richard Huber ("Club der roten Bänder") mit seiner Idee auf die Schauspielerinnen zukam: Jede von ihnen sollte genau einen Drehtag für jeweils eine fehlende Szene absolvieren, was in allen fünf Fällen wunderbar geglückt ist.

Natürlich ist der Film dadurch etwas erklärungsbedürftig geworden. Mancher Zuschauer wird sich fragen, was die anderen Damen in den Szenen da plötzlich sollen. Andererseits kann man dem Publikum derlei Irritation auch mal zumuten. Schließlich geht es in "Lang lebe die Königin" um die Brüchigkeit des Lebens, um Solidarität und Zusammenhalt in der Familie und darüber hinaus. Alles Werte, die derzeit hoch im Kurs stehen und uns als Gesellschaft über Ungereimtheiten und alles Nicht-so-Perfekte des Alltags hinwegblicken lassen sollten. Mit Improvisation leben und zufrieden sein zu können, ist eine Lehre aus diesem gelungenen Abschiedsfilm mit einer Diva, die auch der hinterbliebenen Krisen-Nation ein Stück weit Trost spendet.

Die letzte, tatsächlich abgeschlossene Elsner-Rolle zeigte das Erste übrigens anderthalb Wochen zuvor. Im wunderbar melancholischen Frankfurter "Tatort: Die Guten und die Bösen" (Sonntag, 19.4., und in der ARD-Mediathek) verkörperte sie eine pensionierte Kommissarin, die sich im feuchten Keller des Präsidiums ein Büro eingerichtet hat, um dort unbemerkt von der Außenwelt noch einmal ungelöste Fälle zu durchforsten. Die Arbeit hört eben erst dann auf, wenn man den letzten Atemzug getan hat. Ein Jahr nach ihrem Tod schickt Hannelore Elsner ein letztes Zeugnis dieser Lebenseinstellung in das TV-Programm dieser Tage.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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