Ideale Landschaften vergehen nie

Neuer Barnaby, altes Midsomer

25.09.2014, 11.11 Uhr
von Detlef Hartlap
Neil Dudgeon als neuer Detective Chief in der ZDF-Krimiserie "Inspector Barnaby".
Neil Dudgeon als neuer Detective Chief in der ZDF-Krimiserie "Inspector Barnaby".  Fotoquelle: ZDF/Mark Bourdillon

Der erste Auftritt des neuen Barnaby in einem dieser wunderbaren englischen Pubs, wo das Bier in Strömen fließt, war ganz schlecht: Er bestellte sich ein Glas Orangensaft.

Unter den hämischen Blicken der alteingesessenen Midsomerianer wusste er das allerdings schnell wettzumachen. Auf die Frage, was ihn, den Mann aus Brighton, ausgerechnet in diese gottverlassene Gegend verschlagen habe, antwortet er furztrocken: "Ich habe mit dem Polizeichef geschlafen." Brüllendes Gelächter.

Auf Barnaby folgte Barnaby

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Eine Fernsehinstitution ist soeben elegant ausgewechselt worden. Auf Barnaby folgte Barnaby. Der alte Thomas Barnaby wurde von John Nettles verkörpert. Nach 81 Folgen, die von ZDF und ZDFneo gefühlte 810 Mal wiederholt wurden, trat John Nettles 2013 im Alter von 70 Jahren in den Ruhestand.

Seinen Nachfolger führte er gleichsam selbst ein. Einer seiner letzten Fälle führte ihn in das apokalyptisch-hässliche Seebad Brighton am Ärmelkanal, wo er mithilfe seines Cousins John Barnaby (Neil Dudgeon) eine wie immer mordreiche Betrugsaffäre an Rentnern aufklärte. Und nun ist ihm Cousin John in seinem angestammten Revier Midsomer nachgefolgt.

Mehr als gewöhnliche Morde

Orte wie Midsomer, Causton, dazu georgianische Herrenhäuser mit riesigen Parks und gedrungene, rosenumrankte Landkaten mit niedrigen Decken, Pubs von familiärer Enge, aber immer gespickt mit sexuell aufgeladenen Zwistigkeiten zwischen Wirt und Wirtin – man muss es gesehen haben, um zu ahnen, dass es bei Barnaby um mehr geht als gewöhnliche Morde, deren Aufklärung übrigens stets derart retardiert erfolgt, dass in der Zwischenzeit noch ein paar weitere Opfer in sattgrüne Country-Gras beißen mussten.

Selbst Queen Elizabeth II. bemerkte bei einem Empfang einmal mit dem ihr eigenen feinem Humor zu John Nettles: "Es passieren sehr viele Morde bei Ihnen in Midsomer."

Natürlich gibt es kein Midsomer. Es handelt sich um eine Fantasie-Landschaft, so wie beim berühmten Wessex in den Romanen von Thomas Hardy.

Herzland der Nostalgie

Es gibt auch kein Causton, dem Sitz von Barnabys Polizeirevier. Und doch könnten beide Orte nicht britischer sein, sie repräsentieren gewissermaßen die Essenz einer Englishness, die es so in Ansätzen einmal gegeben haben mag, die aber vergangenen ist; kein Wunder, dass die Queen das Geschehen im Herzland der Nostalgie jede Woche am Bildschirm verfolgt.

Alle Folgen beruhen in fernsehgemäßer Distanz auf Romanen der inzwischen 83 Jahre alten Autorin Caroline Graham. Dabei hat sie nur insgesamt sieben Barnaby-Romane verfasst, von denen auch nur einer, nämlich der erste ("The Killings of Badger’s Drift"), in der Fachwelt für Aufsehen sorgte. Er erschien 1987. Wie sehr sich das Rad der Zeit in der Zwischenzeit auch in England gedreht hat, wurde deutlich, als sich die britische Presse darüber mokierte, im Barnaby-Country dominiere eine reinweiße Gesellschaft. Tatsächlich treten so wie keine Inder oder Afrikaner auf.

Kann man es trotzdem lokalisieren, das Midsomer mit seinen sympathisch spießigen Sommerfesten, die unversehens mit einem Aufschrei enden, wenn ein Bogenschütze hinterrücks gemordet hat oder ein Glas Wein mit Gift getränkt wurde?

Die Drehorte umfassen im weitesten Sinn die Grafschaften Berkshire, Buckinghamshire, Hertfordshire und vor allem das südliche Oxfordshire, wo auch die Geschichten und Verfilmungen der Colin-Dexter-Romane angesiedelt sind (Inspector Morse, Lewis).

Prototyp eines Barnaby-Ortes

Der Prototyp eines Barnaby-Ortes ist das in der Tat sehr beschauliche Städtchen Wallingford, wo Wilhelm der Eroberer 1066 die Themse überquert haben soll. Die zentrale Brücke mutet noch immer an, als sei es die von 1066.

Ein zweiter Hauptschauplatz ist die Kleinstadt Thame, deren High Street in beinahe jeder Folge von Barnaby und seinen wechselnden Assistenten frequentiert wird. Vor allem das Rathaus von Thame ist ein wiederkehrendes Element und diente Barnabys Tochter Cully für frühe Versuche ihrer Schauspielkarriere, die allerdings nicht selten durch Mord auf offener Bühne unterbrochen wurden.

Mit Neil Dudgeon hält ein neuer, deutlich distanzierterer Ton in die Barnaby-Welt Einzug. Kaum anzunehmen aber, dass sich an Midsomer und seiner rustikalen weißen Belegschaft groß etwas ändern wird. Wirklich ideale Landschaften bleiben sich immer gleich. Schließlich wird auch Tolkiens Mittelerde keinerlei Veränderungen ausgesetzt.

"Barnaby" läuft sonntags um 22 Uhr im ZDF (unregelmäßig) und montags in Doppelfolgen ab 20.15 Uhr auf ZDFneo.