Selbstoptimierung

Milan Peschel verrät: Warum Perfektion ihn langweilt

08.05.2026, 12.36 Uhr
Milan Peschel, bekannt für seine Rolle als schrulliger Kommissar Danowski, spricht über seinen Hang zu unperfekten Figuren, seine Arbeit als Theaterregisseur und Maler, und warum er Perfektion langweilig findet. Ein Gespräch über Kontrollverlust, Lachen und den Blick auf die Welt.

Kaum ein Schauspieler gibt den Kleinbürger mit der ein oder anderen Delle im Herzen so umwerfend sympathisch wieMilan Peschel. Im ZDF-Krimi "Danowski – Neunauge" (Montag, 11. Mai, 20.15 Uhr, ZDF) ist der 58-Jährige zum zweiten Mal in der Titelrolle des schrullig-sensiblen Kommissars Danowski zu sehen. Und der Mime mit der "Berliner Schnauze" hat noch viel mehr Talente als die Schauspielerei. Eigenwerbung ist jedoch so gar nicht sein Ding, wie er im Interview verrät. Und so wissen eher wenige, dass Peschel auch ein erfolgreicher Maler und viel beschäftigter Theater-Regisseur ist. Über seine Projekte spricht Peschel dann auch eher nebenbei. Umso mehr betont er, was ihm im Leben wichtig ist: "Ich mag Fehler", so Peschel. In Zeiten, in denen Selbstoptimierung für viele als Muss gilt, eher eine ungewöhnliche Aussage. Ein Gespräch über das Gute am Kontrollverlust und warum wir öfter mal mit anderen Augen auf unsere Welt blicken sollten.

prisma: Herr Peschel, Ihre Figur Danowski wird manchmal mit Columbo verglichen. Finden Sie diesen Vergleich treffend?

Milan Peschel: Columbo wird von anderen oft unterschätzt. Das ist bei Danowski ganz ähnlich. Genau das macht es auch spannend.

"Ich kehre lieber zuerst vor meiner eigenen Haustüre"

prisma: Abgesehen davon gibt sich Danowski immer freundlich, kollegial, Konkurrenzdenken ist ihm fremd. Genau diesen Ruf genießen Sie auch. Nicht nur als Schauspieler, auch als Regisseur am Theater: Es gilt als Glücksfall, mit Ihnen zu arbeiten, weil Sie immer freundlich sind und auf die Wünsche der Schauspieler und Schauspielerinnen eingehen. Nicht gerade das Typische bei einer Produktion, wo oft ein rauer Ton herrscht. Oder ist das nur ein Klischee?

Peschel: Klischees interessieren mich sowieso nur, um sie zu hinterfragen. Aber mich interessiert Freundlichkeit, Respekt. Beides will ich selbst von anderen. Deshalb versuche ich auch, beides anderen zu geben. Es heißt nicht umsonst: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Ein gutes Miteinander ist mir sehr wichtig – beruflich, aber auch zu Hause oder wenn ich den Menschen auf der Straße begegne.

prisma: Wenn man sich auf der Welt umsieht, hat man den Eindruck, wir entwickeln uns in diesem Punkt eher zurück, oder?

Peschel: Da ist was dran. Ich kehre lieber zuerst vor meiner eigenen Haustüre, bevor ich von unserer Gesellschaft rede: Was läuft bei mir selbst nicht rund im Umgang mit anderen Menschen? Was kann ich selbst tun? Wenn jemand als "politischer Künstler" bezeichnet wird, kann ich damit nichts anfangen. Das ist für mich schon eine Form, politisch zu sein, indem ich anderen Menschen mit Aufmerksamkeit und Respekt und Empathie begegne. Wer weiß, vielleicht rettet man ein Leben, nur weil man in einem bestimmten Moment jemand auf der Straße oder am Set anlächelt?

"Kontrollverlust ist eine gute Sache"

prisma: Schauplatz von "Danowski – Neunauge" ist die Schule. Wie erinnern Sie sich an Ihre eigene Schulzeit?

Peschel: Ich war auf jeden Fall schon in der Schulzeit sehr daran interessiert, dass die anderen eine gute Zeit haben. Damals schon hat es mir Spaß gemacht, Leute zum Lachen bringen. Lachen ist Kontrollverlust. Und Kontrollverlust ist eine gute Sache.

prisma: Inwiefern?

Peschel: Wir leben in einer Zeit, in der jeder sich selbst maximal kontrolliert. Es geht oft nur noch um Äußerlichkeiten. Und darum, wie man auf andere wirkt. Ständig heißt es: "Sei die beste Version von dir selbst!" Ich bin aber kein Freund von Selbstoptimierung. Denn Selbstoptimierung ist eine Art von Kontrolle, zu der wir aufgefordert werden. Lachen ist eine Form von Widerstand. Lachen befreit. Lachen lässt die Gesichtszüge entgleisen. Und dadurch ist man auch nicht mehr so leicht kontrollierbar.

"Ich bin nah am Wasser gebaut"

prisma: Das trifft auch auf das Weinen zu. Sie sagten einmal, Sie seien nah am Wasser gebaut und hätten deshalb immer Taschentücher dabei. Womit kann man Sie zu Tränen rühren?

Peschel: Och, das ist nicht schwer (lacht). Als zweifacher Vater geht das ganz schnell, wenn es in einer Geschichte um Kinder geht. Ich bin nah am Wasser gebaut, wenn ich ein schönes Buch lese, vor allem aber, wenn ich einen emotionalen Film sehe. Es kommt immer darauf an, wie man das, was man auf der Leinwand sieht, mit den eigenen Erfahrungen abgleicht.

prisma: Hat Sie die Faszination daran auch zur Schauspielerei gezogen?

Peschel: Ja, auch. Mich fasziniert das Unvorhergesehene. Deshalb spiele ich nicht gerne mit Kollegen, die alles kontrollieren wollen. Fehler gehören dazu. Ich mag Fehler. Wenn das Unvorhergesehene passiert, fängt man an zu improvisieren. Dann wird es im Leben doch erst interessant. Und wir sollten öfter mal die Perspektive wechseln.

"Wir können unser Glück beeinflussen"

prisma: Welchen Perspektivwechsel meinen Sie?

Peschel: Wir können unser Glück beeinflussen, indem wir ab und zu aus einer anderen Perspektive auf das Leben schauen. Wenn ich vom All aus auf die Erde blicken würde, wäre ich entsetzt: "Unglaublich! Die Menschen da unten haben diesen wunderschönen Planeten und zerstören ihn!" Wenn ich dagegen aus der Perspektive eines Straßenkindes in Kolumbien auf unser mitteleuropäisches behütetes Leben blicke, erhalte ich vermutlich ein ganz anderes Bild. Beide Bilder treffen zu.

prisma: Sind Sie optimistisch, was unsere Welt angeht?

Peschel: Um etwas zu verändern, muss man kurzfristig ein Pessimist sein. Sonst fängt man gar nicht damit an. Langfristig ist Optimismus aber die einzige Lösung. Denn ohne Optimismus kann man nicht daran glauben, dass eine Veränderung möglich ist. Schon weil ich Vater bin, glaube ich immer daran, dass die Welt eine bessere wird.

prisma: Wo würden Sie sich diese Veränderung wünschen?

Peschel: Eine Gesellschaft, die auf Wachstum beruht in einer Welt aus begrenzten Ressourcen – das ist klar zum Scheitern verurteilt. Das weiß man ja nicht erst seit heute. Das weiß man seit 50 Jahren. Ich fürchte, der Kapitalismus wird uns noch schwer auf die Füße fallen. Trotzdem habe ich die Hoffnung, dass wir es besser machen. Wenn es in 400 Jahren noch Menschen gibt, werden sie sicher eine andere Form des Zusammenlebens gefunden haben. Dabei werden sie sich bestimmt darüber amüsieren, wie abhängig wir damals von Handys waren.

"Die sozialen Medien haben nichts Soziales"

prisma: Genau wie von den sozialen Medien? Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die dort reichlich Eigenwerbung betreiben, präsentieren Sie Ihre zahlreichen Projekte nicht in den sozialen Medien.

Peschel: Die sozialen Medien haben nichts Soziales. Sie haben oft sogar etwas extrem Vergiftendes. Immer wieder nehme ich mir vor, mich auszuklinken. Eine Zeitlang habe ich das auch geschafft. Aber dann war ich doch neugierig. Seien wir mal ehrlich: Die sozialen Medien sind eine riesige Selbstvermarktungsmaschinerie. Ich bin aber nun mal kein Verkäufer. Zumindest verkaufe ich mich nicht selbst.

prisma: Was verstehen Sie unter "sich selbst verkaufen"?

Peschel: Wenn ich mir manche Profile von Kolleginnen und Kollegen ansehe, ist da oft auf jedem Foto ein und dieselbe Person. Immer wieder. Das ist doch langweilig. Mein Foto – mich selbst – zu verkaufen, das würde mich selber anöden. Wenn, dann will ich etwas zeigen, was über mein Gesicht hinaus geht. Tolle Ideen beispielsweise. Oder Kunst. Genau dafür nutze ich die sozialen Medien: Ich zeige dort Bilder, die ich gemalt habe.

"Ich bin ein glücklicher Mensch"

prisma: Das ist eine Seite von Ihnen, die eher wenige kennen: Sie sind auch ein erfolgreicher Maler. Ihre bunten Porträts hängen in zahlreichen Ausstellungen. Verraten Sie noch Ihre kommenden Projekte?

Peschel: Ende der 80er-Jahre habe ich mit dem Malen angefangen, einfach so aus Langeweile. Und es ging immer weiter, wurde immer größer. Zurzeit läuft eine Ausstellung in Hattingen bei Bochum und in Berlin habe ich außerdem eine Ausstellung zusammen mit meiner Frau. Vor allem aber arbeite jetzt wieder im Rambazamba Theater in Berlin. Das ist ein inklusives Theater, an dem Leute mit Beeinträchtigung spielen. In Schwerin kann man Stücke von mir sehen, die ich in den letzten zwei Jahren dort erarbeitet habe. Und Anfang August startet die fünfte Staffel von "Doppelhaushälfte".

prisma: Empfinden Sie die Malerei dabei als Ausgleich oder als Berufung?

Peschel: Die Frage stelle ich mir nicht. Denn dann würde ich vergleichen. Vergleich ist der Anfang der Unzufriedenheit, sagte Kierkegaard. Deshalb fange ich gar nicht erst damit an. Aber man muss nicht einmal wissen, wer das gesagt hat. Man muss nur danach leben. Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich versuche zumindest, es zu sein.

 


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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