"Wolfswinkel"-Star im Interview

Claudia Eisinger über ihre komplexen Rollen und ihr Erlebnis zum Mauerfall

24.03.2023, 10.30 Uhr
von Aylin Rauh

Dass sich Claudia Eisinger auf komplexe Rollen versteht, hat sie schon öfters bewiesen – im Fernsehfilm "Wolfswinkel" treibt sie ihr Faible auf die Spitze. Wie sie ihre Figur wahrnimmt, und was sie über ihren Geburtsort Berlin denkt, verrät die 38-Jährige im Interview.

Ob es eine vom Leben gebeutelte Kriminaltechnikerin in der ARD-Reihe "Der Masuren-Krimi" (Donnerstag, 23. März, 20.15 Uhr, Das Erste) ist oder eine depressive Frau in "Mängelexemplar" – Claudia Eisinger hat einen Hang zu vielschichtigen und komplizierten Rollen, sie versteht sich auf Charaktere, die auf den ersten Blick nicht leicht zu durchschauen sind. Das beweist sie auch im WDR-Fernsehfilm "Wolfswinkel" (Mittwoch, 29. März, 20.15 Uhr, Das Erste), in dem sie eine gescheiterte Schauspielerin spielt, die mit ihren rechtsradikalen Aussagen ein eigentlich friedliches Dorf spaltet. Diese Rolle, Lydia heißt sie, habe ihr "einige Rätsel aufgeworfen, weil mir ihre Motive nicht ganz klar waren", erklärt die 38-Jährige. Doch genau das habe sie an der Sache gereizt: "Mich hat am Ende genau das überzeugt. Und ich fand es interessant zu überlegen, wo so eine rechte Haltung vielleicht ihre Ursachen hat." Ebenso spannend fand es die "Ernst Busch"-Absolventin, dass der Film die politischen Verwerfungen auf dem Land thematisiert. "Schauspiel und Film haben an sich schon die Kraft, Menschen zum Umdenken anzustoßen oder sie dazu zu bewegen, den Blickwinkel zu verändern", erklärt die gebürtige Ost-Berlinerin, die sich im Interview auch an den Mauerfall zurückerinnert.

prisma: Was haben Sie gedacht, als Sie zum ersten Mal das Drehbuch zu "Wolfswinkel" gelesen haben?

Claudia Eisinger: Meine Rolle Lydia hat mir einige Rätsel aufgeworfen, weil mir ihre Motive nicht ganz klar waren. Ich habe mir ähnliche Fragen gestellt, wie sie wahrscheinlich im Laufe des Films auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer aufkommen werden, nämlich vor allem: Welche Motive hatte sie? Wie kommt sie darauf, solche Behauptungen zu äußern und so eine Welle loszutreten? Das waren auch meine Fragen im ersten Gespräch mit Regisseurin Ruth Olshan.

prisma: Und?

Eisinger: Erst mal ist es ja so, dass Lydia eine Vorgeschichte hat. Sie ist eine gescheiterte Daily-Soap-Darstellerin aus Berlin und an den Status einer B-Prominenz gewöhnt. Danach ist sie aus ihrem langjährigen Engagement rausgeflogen und hatte einen Zusammenbruch, ihr gewohntes Leben ist in sich zusammengefallen. Sie kehrt nach Wolfswinkel zurück, weil sie unter anderem kein Geld mehr hat. Ich würde auch behaupten, dass sie eine Person mit narzisstischen Zügen ist. Lydia braucht die Aufmerksamkeit und Bestätigung von außen wie die Luft zum Atmen.

"Sie macht das aus innerer Not heraus"

prisma: Sie macht aber zunächst nicht wirklich den Eindruck, als hätte sie eine rechtsradikale Haltung ...

Eisinger: Das sehe ich auch so. Lydia ist eine schlaue Frau und merkt schnell, wo in dem Dörfchen der wunde Punkt ist: Es ist die Jugend. Hier sieht sie ihr Publikum – und sie nimmt sozusagen in Kauf, dass sie sich auf eine Gesinnung einlässt, die gar nicht ihre eigene ist. Aber weil sie innerlich gebrochen ist und diese Aufmerksamkeit genießt, nutzt sie diese Thematik, um sich selbst wiederaufzubauen. Es hätte wohl auch ein völlig anderes Thema sein können.

prisma: Also verkauft sich Lydia selbst?

Eisinger: Das könnte man so sagen. Sie macht das aus innerer Not heraus. Es gibt ein paar Momente, durch die das Fernsehpublikum sehen kann, wie fertig und zerstört sie eigentlich ist. Sie hat gelernt, sich als Person nur durch Bewunderung zu definieren.

prisma: Klingt nach einer schwierigen Rolle – haben Sie aus diesem Grund bei "Wolfswinkel" mitgespielt?

Eisinger: Ja. Mich hat am Ende genau das überzeugt. Und ich fand es interessant zu überlegen, wo so eine rechte Haltung vielleicht ihre Ursachen hat. Von wo kommt diese Radikalisierung? Kann es – wie bei Lydia im Film – sein, dass sie von einem psychisch labilen Charakter nur als Vehikel für das eigene Befinden benutzt wird – im Grunde völlig willkürlich?

"Ich würde der Person zuhören"

prisma: Was würden Sie tun, wenn sich jemand aus Ihrem Umfeld in eine extremistische Richtung bewegt?

Eisinger: Wenn es sich um jemanden handelt, mit dem ich befreundet bin und der mir sehr wichtig ist, dann würde ich dieser Person zuhören und Fragen stellen. Damit ich herausfinden kann, was für eine Not oder Grundannahme da drunter liegt, die dazu führt, dass jemand der Meinung ist, er müsse sich radikalisieren oder einen radikalen Standpunkt vertreten. So wie ich das beobachtet habe, kommt so was, wenn man es runterbricht, ganz oft aus einer gewissen inneren Not heraus. Deswegen denke ich, ich würde der Person zuhören, um dann mögliche Alternativen anbieten zu können. Ich will eigentlich immer versuchen, die Menschen und ihre Motive zu verstehen.

prisma: In welcher Funktion sehen Sie sich als Schauspielerin, wenn Sie eine solche Figur verkörpern?

Eisinger: Ich hoffe natürlich, dass ich Menschen zum Nachdenken anrege. Schauspiel und Film hat an sich schon die Kraft, Menschen zum Umdenken anzustoßen oder sie dazu zu bewegen, den Blickwinkel zu verändern. Als Schauspielerin habe ich eben auch eine gewisse Verantwortung.

prisma: Der Film wurde im brandenburgischen Wittbrietzen und Zülichendorf gedreht. Kannten Sie den Ort davor schon?

Eisinger: Nein. Es war das erste Mal, dass ich dort war.

prisma: Ist die Gegend mitentscheidend für die Authentizität des Films?

Eisinger: Ja, auf jeden Fall! Diese Themen sind dort in der Provinz viel präsenter. Da geht es nun mal mehr um Heimat und Herkunft. In einer Großstadt ist alles multikulturell und durchmischt ist – im Gegensatz zum Dorf.

"Ich war fünf Jahre alt, als die Mauer fiel"

prisma: Der Drehort ist auch in der Nähe Ihrer Heimatstadt Berlin...

Eisinger: Richtig. Meine Familie kommt aus Berlin. Ich bin im Osten Berlins geboren und mit der Geschichte der Stadt in gewisser Weise verbunden. Vor allem mit den Menschen, die direkt von der Mauer betroffen waren. Daraus ergeben sich auch die Dinge, die mich an Berlin möglicherweise stören.

prisma: Was stört Sie denn?

Eisinger: Mich stört, dass immer noch eine Mentalität der Trennung da ist. Natürlich ist es in meiner Generation und in der danach weniger geworden, aber die Altlasten sind immer noch spürbar in der Stadt.

prisma: Haben Sie noch Erinnerungen an die Wende?

Eisinger: Ich war fünf Jahre alt, als die Mauer fiel, also sind meine Erinnerungen eher bruchstückhaft und von emotionaler Natur. Zum Beispiel erinnere ich mich daran, dass ich auf den Schultern meines Vaters saß und ihn das erste Mal habe weinen sehen. Da habe ich mich erschrocken, weil es ich damals nicht wirklich verstanden habe.

prisma: Wie könnte man, gerade auf dem Land der Kollision immer radikaler werdender Haltungen begegnen?

Eisinger: Jetzt haben Sie mich erwischt (lacht). Das ist eine gute Frage. Ich denke, es sind so alte Wunden und Fronten, mit denen wir es dort zu tun haben. Besser kann es nur werden, wenn man wieder anfängt, sich zuzuhören. Alles Gute beginnt mit gegenseitigem Verständnis. Meiner Meinung nach gibt es kein Pauschalrezept oder die "eine" Lösung. Zuerst müssen wir begreifen, woher diese Lager und festgefahrenen Wahrnehmungen in ihrem Kern stammen. Erst dann kann man etwas auflösen.

prisma: Können Sie die Leute verstehen, die sich erst gar nicht in solche Konflikte einmischen?

Eisinger: An sich kann ich sie verstehen. Ob ich das richtig finde, ist eine andere Frage. Ich persönlich finde es nicht richtig, sich rauszuhalten. Aber ich kann es dennoch rein menschlich verstehen, wie jemand an den Punkt kommt und sagt: "Ich halte mich da raus, weil ich so viel Konflikt nicht aushalte!" Aber in meinen Augen ist es wichtiger, sich zu positionieren und ein Wort für das zu erheben, was man richtig findet, anstatt sich zurückziehen und gar nichts zu tun.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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