ZDF-Doku

"Wir Deutschen und die USA": Geht es nach dem Tiefpunkt wieder aufwärts?

von Rupert Sommer

Werden sich unter Joe Biden die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland wieder stabilisieren? Die "ZDFzeit"-Doku untersucht, wie realistisch derartige Hoffnungen sind.

Joe Biden wurde am 20. Januar in Washington als 46. US-Präsident vereidigt. Und noch immer ist die Erleichterung in deutschen Politikerkreisen und weiten Teilen der Öffentlichkeit zu spüren – mit ihr geht die Hoffnung auf eine Normalisierung der transatlantischen Beziehungen einher. Doch die Weltlage ist kompliziert und noch nicht wirklich entspannter geworden. Dazu kommen all die Probleme rund um die Pandemie. Viele komplexe diplomatische Fragen stehen an. Die neue ZDF-Dienstagabend-Dokumentation "ZDFzeit: Wir Deutschen und die USA" zeigt am 13. April zur besten Sendezeit detailliert, was auf dem Spiel steht. Der Beitrag holt zu einem Kurzdurchlauf durch die Geschichte aus und beleuchtet, unter welchen Umständen nun enge Bande wieder neu geknüpft und verfestigt werden müssen.

Gerade weil die Chance für eine grundlegende Neubewertung der Freundschaftsbeziehungen der beiden Länder jetzt besteht, muss sich auch Europas größte Volkswirtschaft bewegen. "Deutschland ist für Amerika im Laufe der Zeit zu einem erwachsenen Partner geworden", sagt die Politologin Cathryn Clüver Ashbrook in der ZDF-Dokumentation. "Also weg von der komplizierten Kind-Eltern-Beziehung zu einer wirklich gewachsenen, gestandenen, artikulierten Partnerschaft, die meiner Meinung immer mehr auf Augenhöhe stattfindet."

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Den Autoren Stefan Brauburger und Stefan Gierer ist es wichtig, in ihrem Beitrag aus der Beschäftigung mit der Historie heraus Wege in die Zukunft aufzuzeigen. Im Hintergrund hört man immer noch das Porzellan klirren, das Bidens Vorgänger Donald Trump auf der internationalen Bühne zerschlagen hatte. Doch die Hoffnungen sollte man nicht allzu hochschrauben. So bleiben brisante Streitpunkte auch unter der neuen Administration im Weißen Haus bestehen. Aus US-Sicht leistet Deutschland als militärischer Bündnispartner weiterhin einen zu geringen Beitrag zur NATO. Außerdem gibt es Streitigkeiten über das Missverhältnis zwischen deutschen Export-Erfolgen und dem US-amerikanischen Außenhandel.

Erwartungen und Enttäuschungen

Dabei zeichnet der Beitrag ein Bild, das dabei helfen könnte, tagesaktuelle Spannungen mit Blick auf die großen geschichtlichen Linien wieder etwas geradezurücken. So war das deutsch-amerikanische Verhältnis stets von gegenseitigen Erwartungen, aber auch Enttäuschungen geprägt. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg setzte zumindest im Westen eine enge Bindung an die USA ein, im Osten Deutschlands mussten sich die Loyalitäten zwangsläufig anders sortieren. "Es gibt in der Geschichte kein ähnliches Beispiel, wo ein Sieger so großzügig mit dem besiegten Land umgegangen ist", sagt der Historiker Rolf Steiniger im Interview der Doku. Die fortschritlich-freiheitliche Aura der Supermacht aus dem Westen strahlt dabei früh auch über die Blockgrenzen hinweg.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges wähnte sich Westdeutschland sicher unter dem Schutz der mächtigen Nuklearstreitkräfte. Der Marshallplan und die Berliner Luftbrücke beflügelten die Freundschaft mit dem einstigen Kriegsgegner. Vor allem der Besuch von Präsident John F. Kennedy in West-Berlin hinterließ tiefe Spuren. "Nicht nur, dass sich Kennedy persönlich mit diesem eingekesselten Teil der West-Berliner Stadtbevölkerung identifizierte. Er hat auch vor Augen geführt, dass diese Stadt und ganz Westdeutschland des Schutzes durch die USA sicher sein konnten", sagt die Geschichtsforscherin Britta Waldschmidt-Nelson zum berühmten "Ick bin ein Berliner"-Auftritt von Kennedy. "Und er hat es auf so sympathische persönliche Weise artikuliert, dass er damit die Herzen im Sturm erobert hat."

Doch schon während des US-amerikanischen Kriegs in Vietnam, vor allem dann aber in der Nachrüstungsdebatte formierte sich viel öffentlicher Widerstand, der auch jenseits des Atlantiks hohe Wellen schlug. Allerdings zeigen die Filmautoren, dass zumindest in den USA trotz aller Unstimmigkeiten oft ein eher positives Deutschland-Bild vorzufinden ist. Waldschmidt-Nelson sagt dazu in der Doku: "Grundsätzlich werden die Deutschen laut Umfragen eigentlich immer sehr positiv gesehen, selbst in Zeiten, in denen es Proteste gegen die Politik der USA gab." Ähnlich sieht das auch der Journalist und Amerika-Kenner Christoph von Marschall. "Deutschland wird schon bewundert, gerade wegen des wirtschaftlichen Erfolgs. Generell haben die Deutschen einen guten Ruf in den USA, aber sie leben auch ein Stückweit auf der Insel der Seligen", lässt er sich zitieren.

Während nach Einschätzung vieler Deutscher die USA eine wichtige Rolle bei der Verwirklichung des Traums von der Deutschen Einheit spielten und etwa nach den Anschlägen vom 11. September die transatlantische Solidarität stark war, schlug das Pendel rasch in eine andere Richtung. Deutschland lehnte eine Beteiligung am Irak-Krieg strikt ab, was für Irritationen sorgte. Mit der Trump-Wahl war ein Tiefpunkt erreicht. Nun geht es um die Frage, wie sich die jeweiligen Befindlichkeiten und Interessenlagen neu einpendeln werden.

Dabei beziehen in der sehenswerten, breit angelegten Doku auch hochkarätige Experten und ehemalige Politiker, darunter die ehemaligen Außenminister Joschka Fischer und Sigmar Gabriel, dezidiert Stellung. Was sie über die Parteigrenzen hinweg gemeinsam haben, ist ihre Einschätzung, dass Deutschland weltpolitisch mehr Verantwortung übernehmen müsste. "Bisher war das einfach: Wir haben uns immer raushalten können, weil da jemand war, nämlich die Vereinigten Staaten, die jedes Risiko eigegangen sind. Doch diese Zeiten sind vorbei", sagt der einstige SPD-Spitzenpolitiker Sigmar Gabriel.

Und Fischer, der frühere Außenminister von den Grünen, meint: "Das wohlfeile Argument. Es gibt ein Problem, Washington übernehmen Sie! Das wird nicht mehr funktionieren." – Was alle Gesprächspartner der akribisch rundumblickenden Doku-Filmer Stefan Gierer und Stefan Brauburger eint: Sie blicken zurück – und nach vorne.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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