"Wir sind irgendwann vergessen": Udo Wachtveitl über seinen "Tatort"-Abschied
Wenn an Ostersonntag und Ostermontag zur Primetime der letzte Münchner „Tatort“ ausgestrahlt wird, endet mit dieser Folge eine Fernsehära, die beständiger war als viele Ehen. 35 Jahre lang ermittelten Udo Wachtveitl (67) als Franz Leitmayr und Miroslav Nemec (71) als Ivo Batic in der bayerischen Landeshauptstadt. Nach exakt 100 Fällen wird nun der Schlussstrich gezogen.
Der Abschied kommt nicht überraschend, aber mit Wucht - denn Wachtveitl spricht so offen über das Ende wie selten zuvor. Er äußert sich über das Altern der Figuren, über eine TV-„Verbotskultur“ und über eine Erkenntnis, die ernüchternd klingt und gerade deshalb so ehrlich wirkt: „Wir sind irgendwann vergessen.“
TV-Ausstrahlung an Ostern: Das „lange Goodbye“ für Batic und Leitmayr
Der finale Fall trägt den Titel „Unvergänglich“ und wird als Doppelfolge an Ostersonntag und Ostermontag jeweils um 20.15 Uhr ausgestrahlt. Ein symbolischer Abschied zur besten Sendezeit. Im Film bleiben den Kommissaren vier Tage, um den Tod einer verbrannten Frauenleiche in einem Münchner U-Bahn-Schacht aufzuklären. Anschließend gehen sie, genau wie im echten Leben, in den Ruhestand.
Für Nemec ist es ein „langes Goodbye“, für Wachtveitl ein bewusst gewählter Moment. Beide betonen, dass sie den Zeitpunkt ihres Ausstiegs gemeinsam abgestimmt haben. Sie wollten aufhören, bevor Routine oder Müdigkeit zu Abnutzungserscheinungen an den Figuren geführt hätten. „Da irgendwann sowieso Schluss ist, hören wir doch am besten auf zu einem Zeitpunkt, wo die Leute noch sagen: 'Ach schade …'“ sagt Wachtveitl.
Udo Wachtveitl über den Ausstieg: „Bevor man vergreist oder vergessen wird“
Nach über drei Jahrzehnten in ein und demselben Rollenprofil stellt sich für viele Schauspieler die Frage, welcher der richtige Moment zum Aussteigen ist. Für Wachtveitl war klar, dass er Leitmayr nicht bis ins Greisenalter spielen möchte. Er spricht davon, aufzuhören, bevor die Figuren „vergreisen“ oder in Vergessenheit geraten. Seine Haltung ist dabei bemerkenswert nüchtern.
Kein Pathos und keine Nostalgie. Stattdessen eine realistische Einschätzung dessen, was Fernsehen ist: flüchtig. Gleichzeitig äußert er Kritik an Entwicklungen in der TV-Landschaft. Er spricht von Klischees, einer „neuen Prüderie“ und einer „Verbotskultur“, die er für problematisch hält. Worte, die zeigen, dass sein Abschied nicht nur ein persönlicher, sondern auch ein inhaltlicher Schnitt ist.
Warum Wachtveitl seine eigenen „Tatort“-Folgen nicht anschaut
Was viele Fans überraschen mag: Udo Wachtveitl hat seine eigenen „Tatort“-Folgen grundsätzlich nie angesehen. Weder alte noch neue. „Es hat mich eigentlich immer gequält“, sagt er offen. Lange Zeit wäre es ihm unangenehm gewesen, seine eigene Stimme zu hören. Später hätte ihn vor allem sein eigenes Bild im Fernsehen gestört.
Dazu kommt sein hoher professioneller Anspruch. Er hadert mit Schnitten, mit Blicken, mit Takes, die seiner Meinung nach besser hätten sein können. „Das tue ich mir nicht an, das regt mich zu sehr auf“, erklärt er. Stattdessen frage er am nächsten Tag andere, wie ihnen die Folge gefallen hätte. Ganz anders veranlagt sei hingegen sein Kollege Nemec: „Der wird das Finale sogar im Urlaub in Istrien mit Freunden anschauen“.
Premiere in München: Masken, Polizeipferde und eine Entlassungsurkunde
Bevor Millionen Zuschauer das Finale sehen können, wurde der erste Teil bereits bei einer Premiere in der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film gezeigt. Und dieser Abend hatte fast etwas Surreales. Vor dem Eingang warteten Polizisten hoch zu Pferd. Im Kinosaal hielten sich Zuschauer Batic- und Leitmayr-Masken vor ihr Gesicht. Bayerns Innenminister überreichte den beiden Ehrenkommissaren eine offizielle Entlassungsurkunde aus dem Polizeidienst.
Dazu gab es einen übergroßen Ruhestandsausweis und Honig von Bienenstöcken der bayerischen Polizei. BR-Kulturverantwortliche würdigten die beiden und nannten Zahlen, die fast unwirklich klingen: 814 Millionen Zuschauer alleine bei Erstausstrahlungen seit 1991, die Milliarde sei „sicher geknackt“. Und Nemec und Wachtveitl? Die sangen zum Abschied a cappella ein selbstgetextetes Lied mit dem Titel „Am Sonntag um Viertel nach acht“ zur Melodie von Hans Albers Evergreen „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“.
Miroslav Nemec über 35 Jahre „Tatort“: Melancholie und Dankbarkeit
Während Wachtveitl eher sachlich auf das Ende blickt, wird Nemec emotionaler. Er spricht von Melancholie, davon, dass aus seinem Engagement im November 1989 – wenige Tage nach dem Mauerfall – ein Lebenswerk wurde, mit dem niemand gerechnet hätte. „Wir sind sehr glücklich und dankbar, dass wir so eine gute Zeit zusammen hatten“, sagt er.
Gleichzeitig erinnert er daran, dass das Duo von Beginn an als gleichberechtigt angelegt war. Keine Hierarchie. Mehr Reibung. Mehr Konflikte. Diese Spannungen flossen bewusst in die Szenen ein. Hinter den Kulissen wie vor der Kamera. Auf die Frage, ob sie sich von Anfang an gut verstanden hätten, erwidert Wachtveitl trocken: „Wir verstehen uns heute noch nicht gut.“ Nemec ergänzt lachend: „Besser wird es nicht mehr.“
Vom Casting im Biergarten zum Kult-Duo
Der erste Fall „Animals“ lief am Neujahrstag 1991. Entdeckt wurden die beiden Schauspieler während einer Brotzeit in einem Münchner Biergarten. Die BR-Redaktion suchte „unverbrauchte Gesichter“. Am ersten Drehtag mussten beide erstmal zum Friseur, weil ihre Frisuren sich zu sehr ähnelten.
Was folgte, war eine der konstantesten Ermittlerpartnerschaften der deutschen Fernsehgeschichte. Kaum private Nebenhandlungen, kaum überladene Biografien der Figuren. Stattdessen gab es Fall, Ermittlung, Lösung. Später beschrieben Fans Batic und Leitmayr „wie ein altes Ehepaar“. Wenige Worte, eingespielte Blicke, viel Verständnis ohne große Gesten.
Weggefährten im Finale und geregelte Nachfolge
Im letzten Fall tauchen alte Bekannte wieder auf, darunter frühere Kollegen wie Michael Fitz (67) und Lisa Wagner (46) - ein stiller Gruß an 35 gemeinsame Jahre. Die Nachfolge ist längst geregelt. Ferdinand Hofer (32), bisher als Kalli Hammermann bekannt, ermittelt künftig als Kommissar an der Seite von Carlo Ljubek (49) als Nikola Buvak. Zwei Filme sind bereits abgedreht. Die Tradition eines kroatisch-bayerischen Duos bleibt somit bestehen.
Blick nach vorn: Leben nach dem „Tatort“
Für Nemec und Wachtveitl ist der „Tatort“ nie das gesamte Leben gewesen. Acht Monate im Jahr drehten sie ohnehin nicht für die Reihe. „Aus acht werden jetzt eben zwölf“, sagten sie bei der Premiere.
Beide betonen, dass sie weiter schauspielern werden. Der „Tatort“ war eine wichtige Säule – aber eben nur eine. Mag sein, dass dies der ruhigste und ehrlichste Abschiedssatz nach 35 Jahren Fernsehgeschichte ist: „[…], und wenn dann Schluss ist, ist Schluss.“
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