War das eine Vergewaltigung? In der großartigen ARD-Serie "37 Sekunden" geht es um die Liebesaffäre eines älteren Musikstars zu einer Nachwuchs-Songwriterin und die Umstände ihres letzten Geschlechtsaktes. Die wohl beste und vielschichtigste TV-Inszenierung eines komplexen Themas.
Die sechsteilige ARD-Serie "37 Sekunden" erzählt vom 55-jährigen Popstar Carsten Andersen (Jens Albinus, "Borgen"), der, obwohl glücklich verheiratet, eine leidenschaftliche Affäre mit Nachwuchs-Musikerin Leonie (toll: Paula Kober) hat, nebenbei die beste und älteste Freundin seiner Tochter Clara (Emily Cox). Als es am Rande einer wilden Gartenparty auf Carstens Seegrundstück zum Geschlechtsakt zwischen Carsten und seiner Liebschaft kommt, fühlt sich Leonie mit ein wenig Abstand betrachtet von Carsten vergewaltigt. Ihre Freundin Clara unterstützt sie bei dem Plan, die Sache öffentlich zu machen – ohne zu wissen, dass ihr Vater der eventuelle Täter ist.
Leonie postet ein Video in den sozialen Netzwerken, nennt dabei aber nicht den Namen des Mannes, dem sie den sexuellen Übergriff vorwirft. Doch nach und nach eskaliert die Situation, es kommt zum offenen Konflikt und schließlich zum Prozess. Der großartig geschriebene und gespielte Sechsteiler "37 Sekunden" ist bereits ab Freitag, 4. August, in der ARD Mediathek verfügbar. Die lineare Ausstrahlung erfolgt an zwei späten Dienstagabenden (15. und 22. August, 22.50 Uhr, Das Erste) jeweils im Folgen-Dreierpack.
Natürlich passt das von Julia Penner (sie spielt in der Serie auch eine kleine Rolle) und David Sandreuter geschriebene Drehbuch zur MeToo-Debatte. Wobei die Serie (Regie: Bettina Oberli, "Tannöd") alles andere als eindimensional von sexueller Ausbeutung im Showgeschäft erzählt, die es natürlich auch gibt, sondern von einer komplexen "asymmetrischen" Amour fou zwischen einem mächtigeren älteren Mann und einer jungen Frau, die sowohl Fan als auch Liebende ist. Großartig ist an dem wohl besten und vielschichtigsten deutschen TV-Werk zum Thema auch das Ensemble der Nebenfiguren: zum Beispiel Marie-Lou Sellem als verletzte, liebende Ehefrau oder Valentin Mirow als 18-jähriger Sohn Jonas, der beim Vater hinter Halbschwester Clara gefühlt Kind "Nummer zwei" ist.
Doch auch Clara hat eigene Probleme. Als die Anwältin, frisch verheiratet mit dem netten Bejan (Camill Jammal), erfährt, dass ausgerechnet ihre beste Freundin den geliebten Vater verklagen will, mit dem sie nach dem frühen Tod ihrer Mutter alleine aufgewachsen ist, schaltet sie in den Kampfmodus. Bald verbringt Clara mehr Zeit mit dem kompromisslosen Staranwalt Fabian Hauser (Marc Benjamin) als mit ihrem Mann. Während sich am Horizont ein für alle Beteiligten schmerzhafter Prozess ankündigt, eskalieren auch die zwischenmenschlichen Beziehungen der Protagonisten.
Selbst wenn Figurenkonstellation und Plot ein wenig reißbretthaft wirken: Was die auch in den Song- und Musikeinlagen mit viel Liebe zum Detail gemachte Serie schafft, ist, dass alle Figuren äußerst glaubwürdig, angenehm ambivalent und in ihren Bedürfnissen und Motiven sehr lebensecht sind. Ab Folge vier verwandelt sich "37 Sekunden" vom Psycho- in ein packendes Court-Drama, dessen Gerichtsszenen – vor allem jene der Befragung Leonies – zum Spannendsten und Bewegendsten zählen, was das deutsche TV seit langem zu bieten hatte.
Wenn alles normal läuft, sollte die ARD-Produktion für viele wichtige Preise des Fernsehjahres 2023 dick unterstrichen auf der Merkliste stehen. Und einen besseren, komplexeren Debattenbeitrag zum Thema "Vergewaltigung oder einvernehmlicher Sex" dürfte man auch international so schnell nicht bekommen.
37 Sekunden – Di. 15.08. – ARD: 22.50 Uhr