Die aufstrebende Architektin Marie (Julia Koschitz) erfährt von ihrem Arzt, dass sie die letztlich unheilbare Krankheit Multiple Sklerose hat. Vivian Naefe und Agnes Pluch (Drehbuch) machen daraus alles andere als einen Lebenshilfe-Beitrag zum alljährlichen Multiple-Sklerose-Tag.

Marie (Julia Koschitz), aufstrebende Architektin und dabei fürsorgliche Mutter und Lebenspartnerin, sieht plötzlich nicht mehr richtig, knickt ein bei einer Präsentation und verliert zuweilen die Sprache. In der Kletterwand versagt ihr die Hand am Halteseil für den kleinen Sohn. Marie, so stellt sich bei einem Arztbesuch heraus, hat Multiple Sklerose, kurz MS. Der ruhige, mit Dur- und Molltönen spielende Film "Balanceakt" von Vivian Naefe (ZDF / ORF) begleitet Maries Schicksal eine Zeitlang, ohne dabei in eine medizinische Lektion zu verfallen.

Die Symptome – "unheilbar, es wird Schübe geben, die Zukunft ist nicht vorauszusehen!" – sind schnell erläutert. Gewissheit liefert ein donnerndes MRT. Aber dann geht es um all die Auswirkungen auf die Umgebung, den Partner, den Sohn, die Schwestern. Verbale Ausrutscher lösen Katastrophen aus. Hilfsangebote werden als Bevormundung interpretiert. Bis zum Ende wechseln sich traurige Momente der Einkehr und leichte Komik miteinander ab. Ein Wechselspiel aus Verständnis, Liebe und Streit.

Wie in Johannes Fabricks preisgekürtem Film "Der letzte schöne Tag" (2011) läuft Julia Koschitz auch hier zur Höchstform auf, scheinbar unvermittelt lösen sich Phasen des Trotzes oder gar der Wut mit der Sehnsucht nach Verständnis und Liebe ab. Geschickt wird vergehende Zeit durchschritten, das schwere Loslassen im beruflichen Alltag verständlich gemacht. Marie ist eine Kämpferin – man merkt es auch ohne ihren Hinweis, dass sie einmal eine sehr schnelle Läuferin gewesen sein muss.

Klar schummelt sie ihre Architektenpartnerin an, mit der sie gerade so erfolgreich bei ihren Plänen ist. Ein Infekt sei ihre Behinderung, nicht mehr, so gibt sie vor. Doch irgendwann brechen diese Schutzbehauptungen ein – auch innerhalb der eigenen Familie. Marie stellt sich der Krankheit, von der sie nicht weiß, wie sie in Zukunft verlaufen wird.

Es ist nicht die Pest und auch nicht Krebs oder Pocken, sagt Kerstin, die Schwester (Franziska Weisz). Marie antwortet salopp: "Quasi Glück gehabt." Ein andermal, sehr viel später, packt die Schwester, die das Leben immer viel leichter als Marie genommen hat, überraschend einen zusammengeklappten Rollstuhl aus ihrem Kofferraum. Marie lehnt dessen Gebrauch natürlich ab. Und weil sie mit dem Krückstock davonrennt, veranstalten die Schwestern ein sehr komisches Hinkebeinrennen. Noch schöner ist allerdings Maries leichthin getanzte Rumba "Perhaps, perhaps" unter Platanen. Ein Moment der Hoffnung und des Glücks, das aufkeimt in ihr.

Der Autorin Agnes Pluch gelang es, mit leichter Hand das allmähliche Fortschreiten der Krankheit und die daraus entstehenden Partner- und Familienkonflikte miteinander zu verweben, bis hin zum Melodram unterm planetarischen Sternenhimmel, den die Schwestern betrachten: "Es ist trotzdem noch alles da!" Das wäre ein sehr schönes Ende gewesen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst