Patchwork-Probleme als ARD-Drama: In "Das Leben vor mir" wird ein Alt-68er nach 30 Jahren mit seiner früheren Ehe konfrontiert. Sein jüngerer Freund findet das nicht gut.

Beziehungen sind oft kompliziert, anstrengend und erfordern jede Menge Arbeit. Umso mehr, wenn sie in eine Filmhandlung eingebettet und der Fantasie kreativer Drehbuchautoren entsprungen sind. Der begrüßenswerte US-Trend, sich in Film und Serie auch außergewöhnlichsten Liebes- und Patchworkarrangements zu widmen, ist inzwischen auch in Deutschland angekommen. Da hierzulande nun aber weder Kalifornien noch Brooklyn ist, fallen derlei Produktionen vergleichsweise zahmer aus als "Transparent" und Co. Wie gut das dennoch oder gerade deshalb funktionieren kann, zeigt etwa das sympathische ARD-Drama "Das Leben vor mir". Ein alternder 68-er, der mit seinem viel jüngeren Freund zusammenlebt, erhält in der mit Witz inszenierten Tragikomödie plötzlich nach Jahrzehnten Besuch von seiner Exfrau.

Manche Entscheidungen begleiten einen ein Leben lang. So lautet wohl das abstrakte Kernthema des klugen Drehbuchs von Sathyan Ramesh, das Regisseurin Anna Justice unaufgeregt doch voll subtilem Witz umzusetzen vermochte. Hauptdarsteller Matthias Habich überzeugt dabei als grau gewordener Alt-68er Cornelius, der seit langem in einer Beziehung mit dem jüngeren Frank (Stephan Kampwirth) lebt.

30 Jahre zuvor hatte Cornelius festgestellt, dass er schwul ist – und seine Frau Julia daraufhin verlassen. Eine dramatische Ehe-Wende, die ihn nun wieder einholt. Denn Julia, etwas klischeehaft hippieesk gespielt von Eleonore Weisgerber, klingelt eines Tages überraschend an der Tür. Die einst erfolgreiche kritische Journalistin, die nach der Trennung nach San Francisco ging, kehrt ohne Geld und Freunde zurück nach Deutschland. "Mein Leben ist vorbei", sagt sie mysteriös – und Cornelius glaubt, sie sei wie ihre Mutter an Krebs erkrankt.

Aus Schuldgefühlen nimmt er seine Ex-Frau, mit der er die beiden schon lange erwachsenen Kinder Natascha (Maren Eggert) und Abel (Florian Panzner) hat, bei sich auf. Sehr zur Verwunderung seines Freundes Frank, der nicht einmal gefragt wurde und sich prompt in eine neue Affäre stürzt. Das alte Leben, es holt Cornelius ein: Einst war Julia mit den Kindern nach Kalifornien gegangen, schließlich hatte sie aber doch der Vater in Deutschland großgezogen. Dass sie nun kaum Kontakt mehr wollen, sogar auf die schiefe Bahn geraten, kreidet er sich ebenfalls an.

Die Dynamik einer Familie, die keine mehr ist, wird in "Das Leben vor mir" einfühlsam, doch mit dem nötigen ironischen Unterton gut getroffen. Dialogwitz und verdichtete Charaktere sorgen für einen distanzierten Blick auf Patchwork-Situationen und die alltägliche Herausforderung, mit den Konsequenzen des eigenen Handelns zu leben.


Quelle: teleschau – der Mediendienst