Warum ist Amazon gefährlich? Der britische Dokumentarfilmer David Carr-Brown zeigt, wie ein Firmengigant die Zukunft der Menschheit gestaltet.

Amazon ist auf dem Weg zur mächtigsten Firma der Welt. Der Börsenwert des Online-Händlers aus Seattle beträgt etwa eine Billion Dollar. Firmengründer Jeff Bezos gilt längst als der reichste Mann der Welt. Im 90 Minuten langen Dokumentarfilm "Der unaufhaltsame Aufstieg von Amazon" zeigt der britische Dokumentarfilmer David Carr-Brown, wie Bezos' Superkaufhaus jetzt schon die Welt verändert hat. Was passiert, wenn alle Menschen alles bei einem Anbieter kaufen? Durch extreme Service-Orientiertheit, günstige Preise und rasantes Wachstum ist Amazon auf dem Weg, sämtliche Konsumbedürfnisse aus einer Hand zu befriedigen. Der Film zeigt, welcher Apparat dahintersteckt und welchen Gefahren die Gesellschaft womöglich ausgesetzt ist, wenn der Weg des von Bezos auf Wachstum geeichten Online-Giganten ungebremst weitergeht.

Dokumentarfilmer David Carr-Brown ist kein ausgewiesener Fan der New Economy. Erst im Juli zeigte ARTE seinen ebenfalls abendfüllenden Dokumentarfilm "Silicon Valley. Wo die Zukunft gemacht wird". Wie man sich denken kann, war dieses Werk keine Jubelarie auf das nordkalifornische Hochglanz-Tal und seine milliardenschweren Unternehmen, die für sich in Anspruch nehmen, die Zukunft der Menschheit zur goldenen zu machen.

Carr-Browns neuer Film beginnt nah am Mann. Der Zuschauer sieht, wie der junge Jeff Bezos während der 90-er als Banker und Teil eines zukunftsorientierten Think Tanks durchstartet, in dessen Ursuppe auch die Idee Amazon hochkochte. Bezos, dessen Mutter ihm seine gewagte Idee ausreden wollte, gab einen gut dotierten Job in New York auf, zog an die Westküste und gründete in der sprichwörtlichen Garage einen Online-Handel mit Büchern. Bald wurden die Produktgruppen erweitert, denn Bezos ist geradezu besessen von Wachstum.

Carr-Brown erklärt, wie das System Amazon funktioniert: Mit Kampfpreisen wird jenes ständige Wachstum befördert. Alle Mitarbeiter der immer autarker und ausgefuchst werdenden Lieferlogistik leben in extremer Unsicherheit – und sie werden schlecht bezahlt. Gleichzeitig behandelt Amazon den Kunden als König. Jede Art von Ware macht der Konzern schnellstens verfügbar. Einkäufe und ihre Abwicklung laufen wie geschmiert. Auch Kritiker müssen sich anstrengen, um "privat" nicht in Versuchung zu geraten, selbst mal schnell beim Liefermogul zu bestellen. Carr-Brown suchte Dutzende von Gesprächspartnern auf – die meisten Amazon-kritisch, um Bezos' Geschichten von der schönen neuen Konsumwelt infragezustellen. Das Hauptargument lautet: Wenn alle nur noch in einem Warenhaus einkaufen, bricht die Grundidee der freien oder wahlweise sozialen Marktwirtschaft als Austausch von Waren zum Vorteil aller irgendwann zusammen.

Ist Amazon also ein "freundliches" Monopol? Da es seine Marktmacht nicht dazu nutzt, die Preise anzuheben, haben Wettbewerbshüter derzeit noch wenig Handhabe gegen den Super-Konzern. Nach etwa einem Drittel seines anfangs sehr interessanten Films verfranzt sich David Carr-Brown in anspruchsvollen Wirtschaftstheorien und einem etwas folkloristischem Klagen über den Verlust alter britischer Sozialstrukturen. Wenn über die für alle links denkenden Briten immer noch traumatischen Thatcher-Tage referiert wird, wird Carr-Browns großer Bogen dann doch ein wenig zu ausladend. Jedem ARTE-Zuschauer dürfte längst klar sein, dass die Daumenschrauben des Wirtschaftsliberalismus heute noch einmal weiter angezogen wurden. Insgesamt, so hat man den Eindruck, verschenkt der Film sein bedeutendes Thema, die detaillierte Analyse einer neuen Wirtschaftsmacht, ein wenig, weil er thematisch zu viel will. Weniger Themen hätten hier ein Mehr an Erkenntnis bedeutet.


Quelle: teleschau – der Mediendienst