Kinder des Kalifats
24.06.2020 • 22:45 - 00:20 Uhr
Info, Gesellschaft + Soziales
Lesermeinung
Die Kinder beim Koranunterricht im Ausbildungscamp der Al-Nusra-Brigaden
Vergrößern
Das Familienoberhaupt Abu Osama im Kreise seiner Söhne
Vergrößern
Verabschiedung vor der Abreise ins Al-Nusra-Ausbildungscamp: Osama (li.) umarmt seinen Bruder Ayman (re.).
Vergrößern
Abu Osama beim Spielen mit einem seiner Söhne.
Vergrößern
Originaltitel
Of Fathers and Sons
Produktionsland
D, USA, SYR, LIBN, NL, KAT
Produktionsdatum
2017
Altersfreigabe
12+
Info, Gesellschaft + Soziales

Zum Töten erzogen

Von Andreas Schoettl

Es ist eine erschreckende Dokumentation. Zweieinhalb Jahre lang begleitete der syrische Filmemacher Talal Derki den Alltag eines islamistischen Milizionärs im Norden des umkämpften Bürgerkriegslandes. Er richtete seinen Blick vor allem auf die Kinder des Kämpfers. Im Rahmen von "Dokumentarfilm im Ersten" ist Derkis Streifen nun erneut zu sehen.

Wie so viele andere sitzt auch dieser Mann nicht einfach nur am Steuer seines Wagens. Er wippt mit zum Song aus dem Radio. Er kennt den Text auswendig. Doch der bärtige Mann trällert nicht etwa einen weiteren belanglosen Chartshit. Es geht in dem Song um die Stärke Gottes. Im Text heißt es: "Gottes Anhänger werden euch zerquetschen. Ganz gleich, wie lang es dauert." Der im Berliner Exil lebende Talal Derki ("Homs – Ein zerstörter Traum") sitzt mit im Auto. Dem in Damaskus geborenen Filmemacher ist Unfassbares gelungen. Über die Dauer von mehr als zwei Jahren konnte er Abu Osama, den Mann am Steuer, und dessen Familie durch ihren Alltag begleiten. Derki musste sich dafür als Kriegsfotograf und Sympathisant von Dschihadisten ausgeben. Seine seltene wie erschreckende filmische Zusammenfassung lief unter dem Titel "Of Fathers and Sons" bereits bei ARTE, sie ist nun im Rahmen von "Dokumentarfilm im Ersten" zu sehen.

Wie gefährlich Derkis Aufenthalt an der syrisch-türkischen Grenze in der Provinz Idlib wohl gewesen sein mag, deutet die Vita Abu Osamas an. Der 45-jährige bärtige Mann ist ein Mitbegründer der al-Nusra, dem syrischen Ableger von al-Qaida. Er hat wohl tatsächlich schon andere "zerquetscht". So bestätigen es zwei seiner insgesamt acht Kinder. Die Söhne Ayman und Osama, benannt nach Osama bin Laden und dessen Stellvertreter, Ayman Al Zawahiri, halten einen Vogel in ihren kleinen Händen. Das Tier ist tot. Osama, kaum zwölf Jahre alt, sagt zu seinem Vater: "Ich habe den Vogel geschlachtet. Wir haben seinen Kopf runtergedrückt und abgetrennt, wie du es mit dem Mann gemacht hast."

"Sie werden diesen Tag nicht überlebt haben"

Derkis Film nimmt eine sehr ungewöhnliche Perspektive ein. Direkte Grausamkeiten zeigt er nicht. Die Brutalität des Krieges lässt sich jedoch erahnen, wenn Abu Osama aus seinem Versteck heraus schießt und schnell nach einem anderem Gewehr ruft, um den Mann auf dem Motorrad endgültig zu erledigen. Oder Dutzende Gefangene der syrischen Regierungsarmee in geduckter Haltung in einen Hinterhof geführt werden. Die Kamera fasst Tränen in jungen verängstigten Gesichtern ein. Erschaudern lässt der Kommentar dazu: "Ich weiß nicht, was mit diesen jungen Männern geschehen ist. Ich fürchte, die meisten von ihnen werden diesen Tag nicht überlebt haben."

Neben Abu Osama, der im weiteren Verlauf durch eine Mine seinen linken Fuß verliert, werden dessen Söhne Ayman und Osama zu Protagonisten. In der Fokussierung der Beziehung des Vaters zu den Söhnen entwickelt der Film seine eigene eindringliche Stärke. Der Dschihadisten-Führer, der tötet, geht mit seinen Kindern mitunter sehr herzlich um. "Liebst du mich?", fragt er einen seiner Kleinsten. Die Älteren wie den eher störrische Osama entsendet er hingegen ins Terror-Ausbildungscamp. Auch sie sollen sehr bald kämpfen. Für das Kalifat.

Kugeln zwischen die Köpfe

Die Kamera Derkis ist auch bei zunächst unbeholfen wirkenden Gymnastikübungen junger Buben in Tarnanzügen dabei. Als sie sich im Trainingscamp laut Kommando in Position bringen sollen, verwechselt einer der Jungen zunächst die Seite. Doch Drill und mitunter körperliche Übergriffe der "Ausbilder" verfehlen ihre Wirkung nicht. Einige Zeit später liegt der größer gewordene Osama neben vielen anderen auf dem Rücken im Staub Syriens. Einer der "erwachsenen" Soldaten schreitet die Formation zu seinen Füßen ab. Mit durchgeladenem Maschinengewehr und scharfer Munition schießt er zwischen ihre Köpfe oder die Beine in den Sand. Beim Einschlag der Kugeln in den Boden rührt sich keiner der im Staub liegenden jungen Menschen auch nur einen Millimeter. Auch Osama nicht. Mit seinen erst 13 Jahren scheint er bereit für den Kampf für das Kalifat. Er zieht in den Krieg. So wie es schon sein Vater gemacht hat.

Die "Kinder des Kalifats", das unter seinem Originaltitel "Of Fathers and Sons" zahlreich ausgezeichnet und unter anderem für einen Oscar nominiert wurde, ist über die Dauer von mehr als 90 Minuten sehr schwere Kost, die einen permanenten Schauer über den Rücken laufen lässt. Und man kommt ins Grübeln – etwa darüber, wie eine Region auch nur ansatzweise zu einem Frieden kommen soll, wenn bereits folgende Generationen für den Krieg herangezüchtet werden.

Dokumentarfilm im Ersten: Kinder des Kalifats – Mi. 24.06. – ARD: 22.45 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Das beste aus dem magazin

Mathias Liebing mit verschränkten Armen.
HALLO!

Mathias Liebing: „Der Fußball gehört im Osten wieder zur regionalen Kultur“

Mathias Liebing hat nach seiner Biografie über Norbert Nachtweih nun das Buch „Plattgemacht“ über die Entwicklung des Fußballs in Ost-Deutschland nach der Wende geschrieben. Im Gespräch mit prisma gibt er interessante Einblicke in die ostdeutsche Fußballseele.
Eine Grafik zum Weltgesundheitstag.
Gesundheit

Die Gesundheit im Blick

Der Weltgesundheitstag wird jährlich am 7. April gefeiert und erinnert an die Gründung der WHO 1948. Das diesjährige Thema lautet: "Gemeinsam für die Gesundheit. An der Seite der Wissenschaft". Deutschland begeht diesen Tag seit 1954 mit angepassten Schwerpunkten.
Dr. med. Ramtin Knuschke in einem weißen Kittel.
Gesundheit

Bluthochdruck: Was hilft, wenn Tabletten nicht mehr reichen?

Bluthochdruck bleibt oft trotz Medikamenten ein Problem. Die Nierennervenablation kann neuen Halt bieten, indem sie gezielt Nervenfasern in der Nierenarterie verödet.
Alexander Scheer vor einem roten Hintergrund.
HALLO!

Alexander Scheer: "Bowie hatte 35 verschiedene Leben"

Lola-Gewinner Alexander Scheer („Gundermann“, „Sonnenallee“) feiert als David Bowie im Stück „Heroes“ seit März 2025 große Erfolge in Berlin. Nun geht der Schauspieler und Sänger mit der Show, die am Berliner Ensemble regelmäßig ausverkauft ist, auf Tour. Im Interview spricht er über Bowies Musik und dessen Liebe zur Literatur.
Professor Dr. Sven Ostermeier ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sportmedizin und Chirotherapie. Der Schulter- und Knieexperte arbeitet als leitender Orthopäde der Gelenk Klinik Gundelfingen. Außerdem ist er Instruktor der Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie.
Gesundheit

Knie-Arthrose: Nur keinen Schongang einlegen

Knie-Arthrose muss nicht das Ende der Beweglichkeit bedeuten. Mit gezielten Übungen kann der Knorpel gestärkt und Schmerzen gelindert werden. Entdecken Sie einfache Bewegungsformen, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.
Getty Images
Reise

Mit KI zum perfekten Urlaub 

Künstliche Intelligenz (KI) kann die Reiseplanung vereinfachen. Viele Fluggesellschaften und Anbieter setzen bereits auf sie. Auch KI-basierte Apps erweisen sich als hilfreiche Assistenten.