Stralsund - Kein Weg zurück
20.06.2020 • 20:15 - 21:45 Uhr
Serie, Krimireihe
Lesermeinung
Die junge Supermarkt-Angestellte Monika Lüders (Sylta Fee Wegmann) nachdenklich und in sich gekehrt. Sie scheint die Schlüsselfigur bei dem schrecklichen Überfall auf den Supermarkt zu sein.
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Kommissarin Nina Petersen (Katharina Wackernagel) versucht die einzelnen Puzzlestücke des Falls zusammensetzen.
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Kommissarin Nina Petersen (Katharina Wackernagel) am Telefon im Büro.
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Kommissarin Nina Petersen (Katharina Wackernagel) versucht die einzelnen Puzzlestücke des Falls zusammensetzen.
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Originaltitel
Stralsund
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2017
Altersfreigabe
12+
Serie, Krimireihe

Selbstjustiz im wilden Osten

Von Rupert Sommer

Eine Supermarktkassiererin wird bei einem Raubüberfall erschossen. Alle Spuren deuten auf einen Ausländer als Täter hin. Kommissarin Nina Petersen muss im Krimi "Stralsund – Kein Weg zurück" schneller ermitteln als eine gewaltbereite "Bürgerpolizei".

Es ging eigentlich um wenig: Es waren nur etwas mehr als 2.000 Euro, die ein bewaffneter Räuber bei dem Überfall auf eine Supermarktfiliale nach Ladenschluss erbeuten konnte. Und doch fiel ein Schuss – und eine der beiden Kassiererinnen, die in einem Umkleideraum hinter dem Geschäft bedroht wurden, musste sterben. Es ist ein sehr düsterer, bedrückender elfter Fall, mit dem sich Kriminalkommissarin Nina Petersen (Katharina Wackernagel) im Krimi "Stralsund – Kein Weg zurück" (2017) auseinandersetzen muss. Das Zweite wiederholt die Episode nun am Samstagabend.

Martin Eigler und Sven Poser, die Erfinder der ZDF-Reihe mit den Fällen aus der Hansestadt, bewegen sich nah am Puls der Zeit. Für diesen Krimi gilt das auch drei Jahre nach der Erstausstrahlung noch; Die Drehbuchautoren woben ein dichtes Netz aus fieser ausländerfeindlicher Stammtischhetze, selbstherrlicher Privatjustiz und mitleidsloser Härte. Kein Schauvergnügen, aber ein starker und brisanter Krimi.

Es ist ein Fall, bei dem vor allem die Außenstehenden immer schnell Antworten wissen und diese auch lauthals herausbrüllen. Nur die ermittelnden Kriminaler tun sich schwer damit, Hassparolen und vorschnelle Schuldzuweisungen vom echten Tathergang zu trennen. Schon allein die Befragung der Hauptzeugin, der Supermarkt-Kassiererin Monika Lüders (Sylta Fee Wegmann), fällt Petersen denkbar schwer.

Und die Umstände, in der die offensichtlich schwer traumatisierte Frau aufgefunden wird, werfen Fragen auf: Lüders, die den tödlichen Schuss auf ihre Kollegin beobachtet haben muss, entfernte sich nach dem Überfall vom Tatort und ging nicht zur Polizei, sondern direkt in ihre heruntergekommene Stammkneipe. An den Hergang des brutalen Überfalls kann sie sich angeblich kaum erinnern, wichtige Details zum Ablauf – etwa die Tat-Dauer, von der eine Überwachungskamera ganz andere Fakten weiß – bleiben in ihrer Darstellung seltsam vage.

"Besorgte Bürger" in Aktion

Zumindest für die von sogenannten "besorgten Bürgern", die sich nicht nur wehrhaft, sondern auch aggressiv und obrigkeitsfeindlich zeigen, scheint der Fall schnell klar: Alles deutet auf einen ausländischen Gewaltverbrecher hin. Brisant wird dies, als auch die Kommissare auf Videoauswertungen einen blauen Lieferwagen erkennen können, der von dem gebürtigen Araber Yussuf Obbadi (Yasin el Harrouk) gefahren wurde. Der in Stralsund lebende Flüchtling hatte Arbeit in einem Gärtnereibetrieb gefunden. Dort findet Nina Petersens Kollege Karl Hidde (Alexander Held, fleißigen ZDF-Krimischauern auch in einer anderen Rolle als "München Mord"-Ermittler bestens bekannt) jedoch nur Spuren eines Kampfes an. Auch in Obbadis Wohnung gibt es Blutspuren.

Offenbar war die militante Bürgerwehr Stralsunds, Mitglieder einer selbstorganisierten "Nachbarschaftsstreife", schneller als die staatlichen Gesetzeshüter. Wenig später kursiert ein ekelhaftes Video auf den braun-dunklen Seiten des Internets. Und auch die Kommissare werden fündig: Von einer Brücke baumelt Yussuf Obbadi an einem Hinrichtungsstrick. Seine Leiche weist Folterspuren auf. Und um seinen Hals hat man ihn ein Warnplakat mit der bedrohlichen Botschaft gehängt: "Wenn Ihr uns nicht schützt, dann schützen wir uns selbst."

Unter dem etwas nichtssagend Reihen-Untertitel "Kein Weg zurück" haben der erfahrene TV-Regisseur Florian Froschmayer ("Der letzte Bulle", "Küstenwache") sowie das Autorengespann Eigler/Poser einen Selbstjustiz-Fall in Szene gesetzt, der viele Fragen rund um die Aufwiegler und Scharfmacher aufwirft, die in den letzten Jahren den gesellschaftlichen Diskurs zu vergiften versuchen.

Unter der Wucht der vielen gesellschaftlich-politischen Implikationen leidet in der Rolle nicht nur die zwischenzeitlich stark unter Druck geratende Kommissarin Petersen. Ihr kommt diesmal die undankbare Rolle zu, das Team Stralsund "kommissarisch" zu führen. Auch der Film, der fast ausschließlich in Schwarz- und Grautönen gehalten ist, ächzt gelegentlich etwas unter der Beklemmung durch seine wenig erfreulichen Themen. Aber das Ringen um Wahrheit ist eben eine aufreibende Kraftanstrengung.

Stralsund – Kein Weg zurück – Sa. 20.06. – ZDF: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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