Die Premiere des neuen Saarland-"Tatorts" am Ostermontag schickt zwei gutausehende junge Ermittler in ein altes Familiengeheimnis.
Die beste, weil verstörendste Szene des neuen "Tatort"-Krimis aus Saarbrücken steht gleich am Anfang der knapp 90 Minuten. In einem Reisebus, der gerade über eine Brücke der schick hügeligen Saar-Landschaft gleitet, faltet ein Vater mit leiser, aber zischender Stimme seinen Sohn nach allen Regeln der Kunst zusammen. Was für ein Waschlappen der vielleicht elf- oder zwölfjährige Filius wäre und es kein Wunder sei, dass er keine Freunde habe. Zwei, drei Reihen hinter dem sadistischen Vater bekommt Adam Schürk (Daniel Sträßer) den Dialog mit. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Zuschauer noch nicht, dass der groß gewachsene, blonde Beau sich bald als neuer "Tatort"-Kommissar auf der Saarbrücker Dienststelle vorstellen wird. Als das gequälte Kind im Bus kurz die Toilette aufsucht, rückt Adam Schürk in SSK-Manier zwei Busreihen vor und schickt den Fies-Vater mit einem verdeckten Faustschlag in eine kurze "Denkpause" in Bewusstlosigkeit. Der neue Saar-Kommissar, ein Rächer der Gequälten?
Gleich in der nächsten Szene geht es weiter mit Pädagogik vom Feinsten: Der steinalte Firmenpatriarch Bernhard Hofer, gespielt vom 94-jährigen Schauspieler Dieter Schaad ("Lindenstraße", "Heimat"), will endlich das Zepter abgeben und einen Nachfolger inthronisieren. Bei einer Familienfeier im schlossartigen Anwesen erhält der jüngere Enkel Erik (Gabriel Raab) den Vorzug vor Bruder Konrad (Moritz Führmann). Es kommt zum Eklat, Konrad und Erik verlassen den Saal. Nach einem handgreiflichen Streit wird Erik am nächsten Morgen tot aufgefunden.
Konrad beteuert, dass er seinen Bruder nicht umgebracht hat, aber natürlich ist er Verdächtiger Nummer eins für die beiden jungen Kommissare Adam Schürk und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov), die während ihrer Kindheit enge Freunde waren, sich zuletzt aber 15 Jahre nicht gesehen haben.
Es ist – nach vielen weiblichen Ermittlern und gemischten Doppeln – nach längerer Zeit mal wieder eine rein männliche Chefermittler-Konstellation, die man im Saarland als Nachfolger Devid Striesows und seines immer etwas blass gebliebenen Sidekicks Elisabeth Brück nun ins Rennen schickt. Zwei gut aussehende, durchtrainierte Männer Anfang 30 (beide Schauspieler sind 1987 geboren), die natürlich noch eine gemeinsame, traumatische Backstory aus der Kindheit mitbringen. Konterkariert wird ihr schwerwiegender, eigener Familienkonflikt mit einem Fall, in dem es ebenfalls um gesäten Hass zwischen den Generationen geht und was er in Menschen bewirkt.
Leider schimmert das Reißbrett immer ein wenig durch, wenn im ersten Fall der Kommissare Hölzer und Schürk zwischen gegenwärtigen Ermittlungen in den Familiengeheimnissen der Hofer-Dynastie auch immer wieder Rückblenden zu den Kinder- und Jugendjahren der beiden Jung-Polizisten im gehobenen Dienst stattfinden. Ein bisschen mehr Mut zum beiläufigen Erzählen, zum Zumuten von Leerstellen wäre Drehbuchautor Hendrik Hölzemann ("Kammerflimmern") beziehungsweise der ihn beratenden Redaktion zu wünschen gewesen. Etwas bemüht erscheinen die Parallelen zwischen heute und gestern, während die beiden Freunde von einst als durchtrainierte Dressmen, aber auch schwer beladenen mit Traumata durch die unheilvoll dräuenden Bilder von Regisseur Christian Theede ("Gonger – Das Böse vergisst nie") schreiten.
"Das fleißige Lieschen", Fall eins der neuen Saar-Kommissare Hölzer und Schürk, ist ein solider, in Sachen Plot und Umsetzung eher altmodischer, aber aufgrund seiner ambitionierten Backstory psychologisch etwas überladener Fall geworden. Die jungen Kommissare, Schürk als Typ "einsamer Wolf" und Hölzer etwas bürgerlicher mit Freundin, bekommen übrigens weibliche Unterstützung aus der "zweiten Reihe". Das neuen "Tatort"-Team wird komplettiert durch die Kommissarinnen Etsher Baumann (Brigitte Urhausen), Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) sowie Gerichtsmedizinerin Dr. Henny Wenzel (Anna Böttcher). In Folge eins haben die beiden Männer ihre sprichwörtlichen Hosen an, die Frauen taugen als Helfer oder Streitobjekte.
Dies könnte sich – laut Aussage der Schauspieler Burlakov und Sträßer – noch in Richtung eines stärkeren Teamgedankens ändern. Wie immer bei einem neu aus der Taufe gehobenen "Tatort" darf man nicht vergessen, dass die Charakter-Einführung neuer Ermittler stets eine besondere Aufgabe ist, die nicht jeder Autor, nicht jede Redaktion so wunderbar beiläufig erledigt wie beispielsweise bei den Schwarzwald-Ermittlern geschehen, über deren Ermittler der Zuschauer in den ersten Folgen nicht allzu viel erfuhr. Figuren zu entwickeln, zu etablieren und zu verändern ist eine eigene Kunst. Man wird sehen, was aus den beiden Model-Kommissaren mit schwieriger Jugenderfahrung noch werden wird.
Tatort: Das fleißige Lieschen – Mo. 13.04. – ARD: 20.15 Uhr