Eine Frau fängt einen Wolf, verliebt sich in ihn und lebt mit dem wilden Tier in ihrer Hochhauswohnung. Ein herausragender deutscher Arthouse-Film.

Viele Zuschauer, die sich eine Kinokarte für Leonardo DiCaprios Oscar-Ritt "The Revenant" kauften, empfanden den quälend langen Kampf mit dem Bären als beeindruckendste Szene des Films. Jener Bär – man ahnt, aber sieht es nicht – war das Produkt teurer Special Effects. Auch Nicolette Krebitz' Drama "Wild", bei dem sie als Autorin und Regisseurin fungierte, setzte auf Szenen mit Tieren – genauer gesagt: mit einem Wolf. Der Unterschied dieses verblüffenden und faszinierenden Indie-Films zum gigantischen Hollywood-Produkt: Hier wurde gedreht, was tatsächlich stattfand. Ania sieht am Waldrand neben ihrer Hochhaus-Siedlung einen Wolf in der Dämmerung. Fortan lässt sie das Tier nicht mehr los. Sie sucht und betäubt es, um mit ihm gemeinsam in ihrer Zweizimmer-Wohnung zu leben. Das Erste zeigt den ungewöhnlichen Film zu später Stunde als TV-Premiere.

Ania, grandios gespielt vom Berliner Theaterstar Lilith Stangenberg, macht in diesem Filmabenteuer eine unglaubliche Wandlung durch. Am Anfang wirkt sie verunsichert und isoliert. Ein Mauerblümchen mit fast schon soziophobischen Zügen. Während die anderen junge Leute in ihrer Modefirma Karriere machen und feiern, duckt sich die blasse Blondine hinter ihrem Computerbildschirm weg – wenn sie nicht gerade Kaffee kocht für ihren unkonventionellen Chef, verkörpert vom tollen österreichischen Schauspieler Georg Friedrich. Doch dann ändert die Begegnung mit dem wilden Tier ihr Leben.

Anfangs bringt sie dem aus der Narkose erwachten Wolf noch geschützt mit Motorradhelm und langem Mantel rohes Fleisch aus dem Supermarkt in sein Zimmer. Doch die Grenzen zwischen Mensch und Tier fallen mehr und mehr. Der zunehmend körperliche Umgang mit dem "Haustier" hinterlässt Spuren und Wunden an ihrem Körper – der immer ungepflegter, verletzter, aber auch auf seltsame Art attraktiver und wilder wirkt. Die junge Frau taucht immer seltener bei der Arbeit auf und wenn doch, erscheint sie mehr und mehr wie eine Überlegene, die durch die in ihr aufgebrochene Wildheit und Unabhängigkeit alles an kleinmütiger Zivilisation um sich herum in die Tasche steckt.

Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg ("Grießnockerlaffäre") lebte wochenlang mit einem Wolfsrudel, um von den beiden Tieren, die im Film die Rollen des Wolfs "spielen", akzeptiert zu werden. Dies war auch bitter nötig, denn die Wölfe kommen der Schauspielerin sehr nah. Schließlich geht es um eine Liebesbeziehung, die die unglaublichsten und mutigsten Szenen auf Kamera bannte, die man zwischen Mensch und Tier vielleicht je im deutschen Film erlebte. Es ist aber nicht die einzige Qualität dieses herausragenden Stücks. Anias Reise in die Wildheit verstört, erscheint dennoch logisch und lässt sich dabei nie weiter als bis zur nächsten Szene vorhersehen. Vielleicht noch wichtiger ist jedoch die versteckte Frage, die sich dem Betrachter stellt: Wie viel Mut hast du, in deinem Leben das radikal Sinnliche zu wagen?


Quelle: teleschau – der Mediendienst