Matthias Brandt begeistert im ZDF-Drama "Wir wären andere Menschen" als traumatisierter Fahrschullehrer, der als Teenager miterlebte, wie seine Eltern von Polizisten erschossen wurden – und der Jahre später nach Rache sinnt. Ein mitreißender Film hart an der Grenze zum Erträglichen.

Die wirklich guten Stoffe im deutschen Fernsehen kann man oft schon an den Namen der Beteiligten erkennen. Matthias Brandt ist so ein Name – wobei "gut" in seinem Fall oft gleichbedeutend scheint mit "hartem Realismus". So war es zuletzt in "Wir töten Stella" und "Toulouse", so war es auch im Münchner "Polizeiruf" als Kommissar Hanns von Meuffels, der 2018 letztmals ermittelte. Zu erleben ist jener mit greifbar realistischer Tiefe spielende Brandt nun abermals im mitreißenden ZDF-Drama "Wir wären andere Menschen", das den 58-Jährigen als traumatisierten Fahrlehrer zeigt, der als Kind miterleben musste, wie seine Eltern zu Hause von Polizisten erschossen wurden. Jahre später kehrt Brandts Figur Rupert Seidlein in die Kleinstadt zurück – und begibt sich auf aufwühlende Rachetour.

Inszeniert wurde der gleichsam bedrückende wie begeisternde 90-Minüter von Regisseur Jan Bonny – noch so einem Qualitätsgaranten, der mit Brandt unter anderem sein Debüt sowie einige "Polizeiruf"-Krimis drehte. Verantwortlich zeichnete Bonny auch für das fantastische Drama "Über Barbarossaplatz", das 2016 vom Ersten aufgrund seiner Drastik von 20.15 Uhr auf einen späteren Sendeplatz verbannt wurde. Diesmal traut auch das ZDF den Primetime-Zuschauern nicht und zeigt den bisweilen hart an der Grenze zum emotional Erträglichen sich bewegenden Film "Wir wären andere Menschen" – der bereits auf einigen Filmfestivals zu sehen war – ebenfalls erst am späten Abend.

Tatsächlich spart das Drama nicht an Szenen, die so manchen verstören könnten. Und das keinesfalls, weil besonders viel Provokantes gezeigt würde. Vielmehr ist es besagter kompromisslose Realismus, der an einigen Stellen schwer auszuhalten ist. So etwa die Schlüsselszene des Dramas, angesiedelt 30 Jahre zuvor: Im Rückblick sehen wir Rupert als Jugendlichen, der mitansieht, wie die beiden patroullierenden Streifenpolizisten das Haus betreten – und eine kurze chaotische Zeit später seine Eltern sowie seinen anwesenden besten Freund Pjotr erschießen. Eine kleiner Ausschnitt voller Intensität, wie man sie im hiesigen TV selten erlebt. Jenes Erlebnis und die Tatsache, dass die beiden Polizisten aufgrund von Notwehr freigesprochen wurden, sind Grundlage für ein Kindheitstrauma, das Rupert nie bewältigt.

"Was passiert, passiert"

Dabei tut er gern so, als wäre alles überwunden. Gemeinsam mit seiner Frau Anja (Silke Bodenbender) ist er wieder in die Provinz und in sein Elternhaus gezogen, jenen Ort, wo seine Liebsten getötet wurden und beide Täter, Christoph Horn (Manfred Zapatka) und Josef Bäumler (Paul Faßnacht), noch immer leben. Als Fahrschullehrer scherzt Rupert gern mit seinen Schülerinnen, doch bisweilen animiert er sie auch dazu, schneller zu fahren, als erlaubt. Es sind diese kurzen Momente – grandios eingefangen und kontrastiert von melancholischem Chopin-Sound -, in denen Rupert kippt. Wie verzweifelt er ist, bemerkt zuerst seine Frau, die sich in den Alkohol und hysterisches Lachen flüchtet.

Die Lage könnte paradoxer nicht sein: An tristen Abenden in der örtlichen Kneipe freundet er sich mit dem pensionierten Horn an – bisweilen geht es sogar um "die Sache damals". Rupert lädt ihn zu einem Grillfest ein, allerdings nicht, ohne passiv aggressiv zu bemerken: "Wo unser Haus ist wissen Sie ja. Hätte ja sein können, dass Sie es vergessen haben." Doch dazu kommt es nicht. Horn ertrinkt im Fluss, jeder wusste, dass er nicht schwimmen konnte. Es ist eine weitere dieser fast unerträglichen Szenen, die der Film wie beiläufig einflechtet. "Was passiert, passiert", sagt Rupert, der damit jene verbreitete Geisteshaltung des Verdrängens zusammenfasst, die Bonny in seinem auf Friedrich Anis Kurzgeschichte "Rupert" basierendem Film beleuchtet.

Dass sich der innerlich zerissene Hauptcharakter auf Rachetour befinden könnte, geht Holger Wackwitz (Andreas Döhler) von der Mordkommission auf – wenngleich er nichts beweisen kann. Ebenfalls ein ambivalenter Charakter, bricht der lederbejackte Ermittler mit Cowboy-Attitüde zumindest das Dauerschweigen: "Peng peng peng peng, Herr Seidlein. Mutti tot, Vati tot, bester Freund tot, alle tot." Dass gegen ihren Mann ermittelt wird, lässt Anja endgültig durchdrehen: "Als sie deine Eltern erschossen haben, hat auch niemand weiterermittelt", sagt sie in gruselig-seliger Weinrunde. Die anderen singen lieber. Derlei, herausragend beobachtet und umgesetzt, mutet angesichts der gezeigten Wegduckerei beinahe abscheulicher an als jede Mordszene. Gemeint ist das dank Matthias Brandt und Jan Bonny im bestmöglichen Sinne – und zuzumuten wäre es eigentlich auch fast jedem Primetime-Zuschauer.

Wir wären andere Menschen – Do. 06.08. – ZDF: 23.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH