Harald Juhnke

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Harald Juhnke in "Die Spesenritter"
Heinz Herbert Juhnke
Geboren: 10.06.1929 in Berlin, Deutschland
Gestorben: 01.04.2005 in Fredersdorf bei Berlin, Deutschland

Er war der berühmteste und berüchtigste Schauspieler und Entertainer Deutschlands: Harald Juhnke. Unvergessen die zahllosen Alkohol-Eskapaden des deutschen "Frank Sinatra", seine öffentlich breit gewalzten Entziehungskuren. Über 40 Jahre begeisterte er sein Publikum mit einer einmaligen Mischung aus Witz, Schnoddrigkeit und Nonchalance. Kaum ein anderer deutscher Bühnen- und Fernsehstar konnte auf eine derart erfolgreiche Laufbahn in Theater, Kino und Fernsehen zurückblicken. Die Karriere von Harald Juhnke war immer wieder auch von Rückschlägen begleitet. Sein Publikum hat ihn dennoch und vielleicht gerade deswegen stets geliebt und verehrt. Er war einer der ganz Großen. Ob allein auf der Bühne oder mit Partnern.

Bevor Harald Juhnke die Schauspielschule besuchte, absolvierte er ein Musikstudium. Nach der Ausbildung ging er ans Theater: Bühnendebüt in Neustrelitz, dann folgten Berlin, Hamburg, München. 1950 tritt Harald Juhnke in "Drei Mädchen spinnen" erstmals im Film auf. Darauf folgen zahlreiche Rollen, zum Teil auch in anspruchsvolleren Filmen wie "Die Stärkere" (1953), "Das tanzende Herz" (1953), aber auch in Militärklamotten wie "Heldentum nach Ladenschluss" (1955), Südseeschnulzen à la "Unter Palmen am blauen Meer" (1957) und "La Paloma" (1959) sowie in Krimis ("Das Testament des Dr. Mabuse"). Bis in die Siebziger spielt er in Dutzenden von Unterhaltungsfilmen.

Als Helmut Dietl ihn in "Schtonk" (1991) besetzt, entdeckt man plötzlich, dass Juhnke, der mit Fernsehsketchen wie "Harald und Eddie" (Arendt), Showsendungen sowie Boulevardstücken einen Namen als Showstar hat, ein ernsthafter Charakterdarsteller ist. Eine Reihe von Filmen wie Ralf Huettners "Der Papagei" (1992) und Tom Toelles "Der Trinker" (1995) folgen. "Der Trinker" scheint Juhnke auf den Leib geschrieben zu sein, sorgte er doch immer wieder mit ausgedehnten Trinkgelagen und anschließenden Entziehungskuren für Schlagzeilen im Blätterwald.

"O du Fröhliche" (1995) zeigt Juhnke als kleinen Warenhausverkäufer Felix Bollmann, der in der gleichen Lage ist wie viele andere Bürger auch, die nicht über große Gelder verfügen, der arm ist und jahrzehntelang bei seiner Firma zuverlässig gearbeitet hat und jetzt so plötzlich von heute auf morgen rausfliegt. 1997 sieht man Juhnke in Frank Beyers Neuverfilmung "Der Hauptmann von Köpenick" als Schuster Voigt. Harald Juhnke war bereits der Schuster Voigt in Katharina Thalbachs Inszenierung von Carl Zuckmayers satirischer Tragikomödie "Der Hauptmann von Köpenick" am Gorki-Theater in Berlin.

Zeigt die Thalbach das beliebte Volksstück "wie eine Folge von Zirkus-Nummern: alle um mich herum Karikaturen, nur ich eine arme Sau" (Originalton Juhnke), so betonen Regisseur Frank Beyer und sein Autor Wolfgang Kohlhaase das Ganovenhafte, Schlitzohrige. Juhnke schafft, was Rühmann in seiner Paraderolle nie war, der Hochstapler, der auch seinen Spaß an der Sache hat. Er ist nicht nur der kleine Mann, sondern in ihm steckt auch der Kriminelle. Frank Beyer hat bei den Dreharbeiten gehofft, dem Schuster Voigt eine neue Dimension zu geben, dem Stück eine größere Fallhöhe zu geben.

Einen schwerwiegenden Fall erlebte auch Juhnke: Nachdem er noch einmal in der Krimi-Komödie "Silberdisteln" (1998) und in "Vor Sonnenuntergang" (1999) überzeugt hatte, verbrachte der Publikumsliebling seinen Lebensabend seit Ende 2001 unheilbar geistig verwirrt in einem Pflegeheim für Demenzkranke. Er litt am Korsakow-Syndrom als Folge des Alkoholmissbrauchs.

Weitere Filme mit Harald Juhnke: "Komplott auf Erlenhof" (1950), "Schlagerparade", "Die blaue Stunde" (beide 1953), "Oberarzt Dr. Solm", "Gitarren der Liebe" (beide 1954), "Wie werde ich Filmstar", "Wenn die Alpenrosen blühen", "Studentin Helene Willfüer", "Eins A in Oberbayern" (alle 1955), "Der Glockengießer von Tirol" (1956), "Mit Rosen fängt die Liebe an", "Gruß und Kuss vom Tegernsee", "Der tolle Bomberg", "Almenrausch und Edelweiß", "Unter Palmen am blauen Meer" (alle 1957), "Wenn Mädchen ins Manöver zieh'n", "U 47 - Kapitänleutnant Prien", "Skandal um Dodo", "Piefke, der Schrecken der Kompanie", "Hula-Hopp, Conny", "Die grünen Teufel von Monte Cassino", "Bühne frei für Marika" (alle 1958), "Tausend Sterne leuchten", "Mein Schatz, komm mit ans blaue Meer", "Bei der blonden Kathrein" (alle 1959), "Schön ist die Liebe am Königssee", "Schick deine Frau nicht nach Italien", "Der letzte Zeuge" (alle 1960), "So liebt und küsst man in Tirol", "Isola Bella", "Davon träumen alle Mädchen", "Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen" (alle 1961), "So toll wie anno dazumal", "Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett", "Der verkaufte Großvater" (alle 1962), "Allotria in Zell am See" (1963), "Lausbubengeschichten", "Die goldene Göttin vom Rio Beni", "Die drei Scheinheiligen" (alle 1964), "Die letzten Drei der Albatros", "Das Geheimnis der drei Dschunken" (beide 1965), "Ludwig auf Freiersfüßen", "Klein Erna auf dem Jungfernstieg", "Die Lümmel von der ersten Bank III - Pepe, der Paukerschreck", "Die Lümmel von der ersten Bank - Hurra, die Schule brennt!" (alle 1969), "Mit der Liebe spielt man nicht" (1973), "Auch ich war nur ein mittelmäßiger Schüler" (1974), "Ein Mann will nach oben" (1978), "Es bleibt in der Familie" (1981), "Sigi, der Straßenfeger" (1984), "Der Entertainer" (1989), "Die Hallo-Sisters" (1990), "Des Kaisers neue Kleider", "Der Showmaster", "Das Double", "Alles auf Anfang" (alle 1993), "Zwei alte Hasen" (1994), "Klinik unter Palmen", "Gespräch mit dem Biest" (beide 1996), "Fröhliche Chaoten" (1997), "Letzte Chance für Harry", "Klinik unter Palmen - Karibik", "Drei Gauner, ein Baby und die Liebe" (alle 1998), "Zwei Dickköpfe mit Format", "Jugendsünde", "Die Spesenritter", "Die blaue Kanone" (alle 1999), "Ein lasterhaftes Pärchen" (2000).

Foto: NDR/Studio HH

Interview zum Film "Ach du fröhliche" (1996)

Prisma: "Ach du Fröhliche" ist sicher ein guter Komödienstoff, der heute angesichts der großen Arbeitslosigkeit ganz aktuell ist. Felix Bollman fliegt ja, weil er sich weigert Kriegsspielzeug an Kinder zu verkaufen, ja der den Verkauf geradezu torpediert?
Juhnke: Ja, er ist ein friedliebender Mensch, er hat ja früher als junger Mann das alles durchgemacht, kennt noch die Nazi-Zeit, kennt noch die ganzen Folgen und dieser im Grunde fröhliche Mensch ist in seinem Leben nicht weitergekommen und sieht sich jetzt plötzlich in eine Rolle gezwängt, als Psychiater aufzutreten. Na ja gut, das wünscht sich jeder mal, denn ein Mensch, der keine psychatrischen Fähigkeiten hat, hat vielleicht die Möglichkeit, dem anderen mehr zu helfen als sich selber.

Prisma: Wieweit können Sie sich mit dieser Rolle des Felix Bollmann identifizieren?
Juhnke: Freilich, das ist ja meine Generation und meine Lebenserfahrung, die sich mit der Figur deckt, was die Zeit und das Alter anbelangt. Aber natürlich ist das mit dem Identifizieren so eine Sache, schließlich soll ja Wussow auch schon Rezepte ausstellen... Das ist eine Komödie und wir schildern das alles schon freundlich.

prisma: Herr Juhnke, Sie sind ja Schauspieler und Entertainer und die Rolle des Entertainers wird ja bei uns immer ein wenig abgewertet, er gilt mehr als Spaßmacher denn als Künstler. Das ist ja in anderen Ländern, etwa in den USA anders?
Juhnke: Das ändert sich bei uns jetzt langsam auch, das liegt natürlich daran, daß ein Entertainer sehr viel mehr Geld verdient als ein Bühnenschauspieler, das kann man ja gar nicht vergleichen. Und dann haben wir ja bei uns gar keine, da bin ich ja einer der wenigen Entertainer. Ich habe eben zwei Berufe und das ist ja auch schön, wenn man ab und zu mal eine Figur spielen kann wie den "Der Trinker" oder jetzt den "Der Hauptmann von Köpenick", der ja jetzt auch verfilmt wird, nachdem ich einen so großen Erfolg beim Theater hatte.

Prisma: Ist das eigentlich ein Kino- oder Fernsehfilm?
Juhnke: Nee, das wird fürs Fernsehen gemacht, das inszeniert der ehemalige DEFA-Regisseur Frank Beyer.

Prisma: Da wird das ja sicher etwas anders aussehen als im Theater...
Juhnke: Ja, die Katharina Thalbach hat das ja so wie eine Folge von Zirkus-Nummern aufgezogen, was mir ja sehr zugute kam: alle um mich herum waren Karikaturen, nur der Wilhelm Vogt ist eine arme Sau und da sagten ja viele, das wäre besser rausgekommen als bei Rühmann, der das gut gespielt hat, aber nie betroffen machte. Hier sind so ein paar Szenen drin, wo die Leute Tränen in den Augen haben. Und die Aufführung läuft ja immer noch und immer wieder gut.

Prisma: Wie war das beim "Hauptmann", war das eine Idee von der Katharina Thalbach?
Juhnke: Das war so, dass die Thalbach und ich schon lange mal etwas machen wollten. Wir haben einen Film zusammengemacht, der ja leider nichts geworden ist, "Alles auf Anfang". Der hatte zwar eine gute Presse, aber nicht mal die Aushangfotos eingespielt. Und die Kathi wollte eigentlich mit mir am Schiller-Theater, wo ich zuletzt "Alpenglühen" von Peter Turrini gemacht habe, den "Richard III." machen. Das hatten wir vor und dann wurde das Theater geschlossen. Und dann kam der Willms, der Direktor des Maxim Gorki Theaters und rief mich an. Wir sprachen über Projekte und er meinte, es sei der Wunsch am Haus, den "Hauptmann von Köpenick" zu machen. Ob ich das machen würde und ich sagte sofort zu. Das ist ja heute noch aktuell: Hast'e keine Meldung, kriegst'e keine Arbeit. Und das Obrigkeitsdenken, die Uniformen, da braucht man ja nur auf den Presseball zu gehen. Und ich fragte, wer soll das machen, da sagte er, er hatte ein Gespräch mit dem Frank Beyer und der Katharina Thalbach und beide haben - unabhängig voneinander gesagt: Nur mit Juhnke. Er entschied sich für die Thalbach und das war mir auch lieber, weil ich Beyer nicht kannte. Dann haben wir es gemacht, es war ein großer Erfolg und dann kam aber erst raus, daß Willms dem Beyer nicht abgesagt hatte. Das überschnitt sich dann aber mit der Firma Polyphon in Hamburg, die den "Hauptmann" mit mir fürs Fernsehen machen wollte. Und jetzt wird Frank Beyer den Film machen, das Buch schrieb Wolfgang Kohlhaase und das hat mit dem Käutners Vorlage nichts mehr zu tun. Beyer wollte ja einen Kinofilm machen, aber da hat man ja nicht mehr als 2 Millionen Zuschauer und ich hatte 7 Millionen mit dem "Trinker". Der "Köpenick" soll nächstes Jahr laufen, da haben wir bestimmt 10 Millionen Zuschauer.

Prisma: Herr Juhnke, Sie sind als ernsthafter Schauspieler wieder ins Bewußtsein gekommen durch die Rolle in "Schtonk".
Juhnke: Ja "Schtonk" und dann kam "Der Papagei" und "Der Trinker", nun beim Fernsehen hat es eine Weile gedauert, bis die das begriffen haben. Im Theater war das ja schon viel eher der Fall als ich ans Renaissance-Theater gegangen bin und den "Entertainer" von Osborne gespielt habe und dann die beiden Moliére-Stoffe, den "Geizigen" und "Tartuffe" und schließlich Eugen O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht". Und das hat ja schon regional in Berlin Friedrich Luft hochgelobt, daß ich diesen Gang antrete und nicht nur Boulevard-Theater mache. Aber natürlich mache ich nebenbei weiter Entertainment. Aber ganz sicher werde ich im Fernsehen nicht mehr sowas wie "Harald und Eddie" machen.

Zur Filmografie von Heinz Herbert Juhnke
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