Dokumentarfilm im Ersten

"Alkohol – Der globale Rausch": Doku vermeidet den erhobenen Zeigefinger

von Andreas Schoettl

Rund drei Millionen Menschen sterben jährlich weltweit an den Folgen ihrer Alkoholsucht. Andreas Pichler geht in seiner Doku der Frage nach, warum wir den "globalen Rausch" überhaupt zulassen.

ARD
Dokumentarfilm im Ersten: Alkohol – Der globale Rausch
Dokumentation • 04.01.2021 • 23:20 Uhr

Er macht gar nicht erst einen Hehl daraus. "Bei uns zu Hause stand am Abend immer eine Flasche Rotwein am Tisch. Und auch ich trinke gerne täglich ein Glas zum Entspannen", sagt Andreas Pichler. Auch der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentarfilmer ("Call me Babylon") ist dem Alkohol nicht abgeneigt. Eingehalten in einem bestimmten Rahmen mag das Glas Wein oder der Schluck Bier wie ein "Lebenselixier" wirken, wie manche gerne behaupten. Doch für viel zu viele Menschen haben persönlich gezogene Grenzen ohnehin kaum eine Bedeutung – vor allem nicht beim Alkohol. Und so präsentiert Pichler in seinem Film über den "globalen Rausch", der nun als "Dokumentarfilm im Ersten" läuft, zunächst erschütternde Zahlen. Es heißt: "Weltweit wird immer mehr getrunken. Die Anzahl der Menschen, die von Alkohol süchtig werden steigt. 140 Millionen sind es rund um den Globus, mit rund drei Millionen Toten jedes Jahr."

Pichler hätte sich fortan in eine weitere Betroffenheitsreportage über massiven Missbrauch von Alkohol versteigen können. Doch er wollte es genauer wissen und wählte einen anderen Ansatz. In seinem aufschlussreichen Film sucht er nach Antworten auf die Fragen, warum die Menschen überhaupt trinken, was Alkohol im Gehirn macht und wie stark die Industrie Gesellschaft und Politik beeinflussen.

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Wissenschaftler wie der Neuropsychopharmakologe David Nutt vom Imperial College in London kommen zu Wort. Der Brite zeichnet zunächst ein fast schon beruhigendes Bild. "Alkohol ist eine wunderbar clevere Droge. Er mischt überall mit. Das kleine Molekül gelangt schnell ins Gehirn und schaltet dort eine ganze Menge kleiner Bereiche ein oder aus. Es werden die Bereiche für Verantwortungsgefühl, Sorgen oder Ängste ausgeschaltet. So entspannen wir. Machen aber auch verrückte Sachen", fasst er zusammen.

Doch harmlos ist der Alkohol schon in geringerer Menge ganz bestimmt nicht. Er kann sämtliche 200 Milliarden Neuronen eines menschlichen Gehirns völlig unterschiedlich beeinflussen. Nachgewiesen ist seine psychoaktive und Zellen zerstörenden Wirkung als Droge durch zahlreiche Studien. Der Neuropsychopharmakologe Nutt warnt: "Je mehr man trinkt, werden Rausch und labiler Gemütszustand zum Problem."

Die böseren Auswirkungen sind zu sehen, wenn am Rande des Münchner Oktoberfestes eine weitere Bierleiche auf dem Hang des gefürchteten "Kotzhügels" an der Theresienwiese liegt oder die Fußballfans des FC Everton wild grölend durch Liverpool ziehen. Der weibliche Fan, Sarah Halpin, eine junge Social-Media-Redakteurin, spricht von einem Ritual. "Fußball und Alkohol gehören zusammen. Es ist, als würden sich alle zu einem Stammesritual treffen" sagt sie.

Pichlers Film über das vermeintliche Teufelszeug erhebt trotz einiger durchaus warnender Bilder und Fakten über beispielsweise aggressive Handelspraktiken einiger Hersteller nicht den Zeigefinger. Er trägt aber dazu bei, eigene Trinkgewohnheiten durchaus einmal zu überdenken. Der Autor hat dies selbst probiert. Über mehrere Monate hinweg wollte er seinen eigenen Konsum radikal einschränken. Er ist daran nach eigener Aussage gescheitert.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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