TV-Experiment nach Ferdinand von Schirach

"Feinde – Gegen die Zeit": Zwei Filme, zwei Perspektiven

von Eric Leimann

Ein Entführungsfall, zwei Perspektiven, zwei Filme: Während im Ersten ein Kommissar ermittelt, erzählen die Dritten Programme das moralische Gedankenspiel von Ferdinand von Schirach aus der Perspektive des Anwalts des Tatverdächtigen.

ARD
Ferdinand von Schirach: Feinde – Gegen die Zeit
Kriminalfilm • 03.01.2021 • 20:15 Uhr

Wer mit dem Werk Ferdinand von Schirachs vertraut ist, kennt eines der Grundmotive des Autors – den Gedanken, dass Recht nicht gleich Gerechtigkeit ist, sondern sich die beiden Begriffe lediglich in den meisten Fällen miteinander decken. Trotzdem gibt es immer wieder Verhandlungen, in denen das Recht anders entscheidet, als es der gesunde Menschenverstand mit seinem Rechtsempfinden getan hätte. Es sind Fälle, die von Schirach meist mit dem lakonischen Kommentar versieht, dass sie dennoch nach dem besten Recht entscheiden wurden, das wir haben. Und dass die wenigen Ausrutscher, in denen unser Recht falsch entscheidet, eben einer grundsätzlichen Systematik geschuldet sind, ohne die es eben auch kein Recht gäbe.

Zur Illustration dieser Erkenntnis – die natürlich weiter diskutiert werden soll – zeigen das Erste und die Dritten Programme zur prominenten ersten "Tatort"-Sendezeit des Jahres zwei Filme. Sie erzählen gleichzeitig die Geschichte aus zwei Perspektiven. In der ersten, "Ferdinand von Schirach: Feinde – Gegen die Zeit", ermittelt Bjarne Mädel als Kommissar in einem Entführungsfall. Um die Idee der beiden Filme zu verstehen, muss man ein bisschen wissen, um welches Thema sich das perspektivische Wechselspiel dreht. Wer den Krimi also erst mal mitsamt all seiner überraschenden Details auf sich wirken lassen möchte, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen.

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Die ARD macht einen Abend Programm mit Ferdinand von Schirach "dicht" – und zwar nahezu komplett. Trotzdem muss man keine Angst vor dem bisher einmaligen TV-Experiment haben, denn beide Filme lassen sich ganz normal – ohne Hin- und Herschalten – als normale Kriminalfilme schauen:

In "Ferdinand von Schirach: Feinde – Gegen die Zeit" wird die zwölfjährige Lisa von Bode (Alix Heyblom) auf dem Weg zur Schule entführt. Ihre sehr wohlhabenden Eltern (Harald Schrott und Ursina Lardi) erhalten wenig später eine Lösegeldforderung: fünf Millionen Euro in Bitcoins. Für Ermittler Peter Nadler (Bjarne Mädel) gibt es schon bald keinen Zweifel, dass der Täter aus dem Nahbereich der Familie kommen muss. Die Zeit drängt, das Mädchen muss schnell gefunden werden. Als Nadler den Sicherheitsmann Georg Kelz (Franz Hartwig) kennenlernt, sagt ihm seine Intuition: Das ist der Täter. Aufgrund des Zeitdrucks greift Nadler zu drastischen Mitteln, um herauszufinden, wo sich Lisa befindet.

In Film zwei, "Ferdinand von Schirach: Feinde – Das Geständnis" – zu sehen um 20.15 Uhr in den Dritten Programmen, bei ONE sowie um 22.30 Uhr im Ersten, wird die Geschichte aus der Perspektive des Anwalts von Frank Hartwig erzählt. Gespielt wird er von Klaus Maria Brandauer. Warum übernimmt der altersweise Starverteidiger überhaupt diesen scheinbar aussichtslosen Job? Ihm geht es um eine Ungereimtheit, die auf einen schwerwiegenden Fehler des Systems hinweist – ungeachtet der Tatsache, ob dadurch ein Kapitalverbrecher eventuell wieder auf freien Fuß kommt.

Bjarne Mädel im Ersten, Klaus Maria Brandauer "nur" im Dritten?

Im Anschluss an den auf gehobenem "Tatort"-Niveau spannenden – und auch filmisch gut aufgelösten Fall (Regie: Nils WIlbrandt) – sehen die Zuschauer die 30-minütige Dokumentation "Ferdinand von Schirach: Feinde – Recht oder Gerechtigkeit?". Sie berichtet von einem Kinoexperiment, bei dem Zuschauer beide Filme sahen und über das Ergebnis abstimmten. Wie beeinflusste der "Status" der Abstimmenden – es waren Eltern, Polizisten und Juristen – ihr Urteil? Vergleichbare prominente Fälle wie der des entführten Bankierssohns Jakob von Metzler und andere werden in der Dokumentation ebenso beleuchtet.

Aber warum läuft die Ermittlerperspektive mit Bjarne Mädel nun im Ersten und Klaus Maria Brandauers Anwaltssicht "nur" im Dritten? Ist der eine Film besser, der andere schlechter? ARD-Programmdirektor Volker Herres erklärt: "Diese Entscheidung wurde uns durch die Art der Filme praktisch abgenommen. 'Gegen die Zeit' mit der Perspektive des Ermittlers Peter Nadler alias Bjarne Mädel passt eben besser auf unseren 'Tatort'-Sendeplatz. Und die Dritten zeigen zeitgleich den nicht weniger attraktiven, vielleicht etwas nachdenklicheren Film 'Das Geständnis' mit dem Blick durch die Brille des Strafverteidigers."

Wer sich tatsächlich beide Filme anschaut – was gewünscht ist -, wird feststellen, dass der Hergang des Verbrechens sowie die Verhandlung- wenn auch aus unterschiedlichen Perspektive gefilmt – ziemlich identisch sind. Es sind nur Teile der Erzählung, die sich gravierend unterscheiden. Für den Doppel-Zuschauer bedeutet dies, dass er durch einige Passagen eben auch doppelt durch muss. Das ist ein bisschen zäh, wird auch auf Dauer keine Schule machen – aber es schickt den Film-Probanden natürlich top vorbereitet in die moralische Diskussion nach den Filmen.

Ferdinand von Schirach: Feinde – Gegen die Zeit – So. 03.01. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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