Autor im Interview

Klaus Maria Brandauer: "Das Wichtigste am Rechtsstaat ist, dass es ihn gibt"

von Eric Leimann

Ein ARD-Experiment nach Ferdinand von Schirach: In zwei parallel im Ersten und den Dritten Programmen gesendeten Kriminalfilmen verkörpert Schauspiel-Gigant Klaus Maria Brandauer einen Anwalt, der zwischen Recht und Gerechtigkeit unterscheidet.

Klaus Maria Brandauer, 1943 geborener Österreicher, kann man getrost als den vielleicht beeindruckendsten deutschsprachigen Schauspieler der 80er-Jahre bezeichnen. International bekannt wurde er 1981 mit der Rolle des Hendrik Höfgen in der Verfilmung des Klaus-Mann-Buches "Mephisto" unter der Regie von István Szabó. Mit Szabó drehte er auch "Oberst Redl" (1985) und "Hanussen" (1988). Alle drei Filme wurden für den Oscar als "Bester fremdsprachiger Film" nominiert – "Mephisto" erhielt die Auszeichnung. Zum Arthaus kam der Hollywood-Ruhm – in Form des Oscar-Sammlerfilms "Jenseits von Afrika" (1985, Golden Globe und Oscar-Nominierung für Brandauer) sowie als James Bond-Gegenspieler in "Sag niemals nie" (1983). Dass Brandauer, der am berühmten Wiener Max Reinhardt-Seminar Schauspiel lehrt, auch im Alter noch bestechend gut ist, bewies er 2013 an der Seite Martina Gedecks mit dem Demenz-Film "Die Auslöschung". Nun gibt Brandauer einen erfahrenen Anwalt im Filmexperiment "Ferdinand von Schirach: Feinde" (Sonntag, 3. Januar, 20.15 Uhr). Zwei Filme, die parallel im Ersten und den Dritten Programmen laufen, erzählen den gleichen Kriminalfall aus zwei unterschiedlichen Sichtweisen.

prisma: "Feinde" ist eine Filmgeschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird. Was, glauben Sie, macht das mit dem Zuschauer?

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Klaus Maria Brandauer: Ich hoffe, sie unterhält ihn und regt zum Nachdenken an. Und ich hoffe auch, das "Setting" macht es ihm nicht zu leicht. Es geht nicht ums schnelle Aufsuchen vorgeprägter Meinungen und dann kommt ein großer Haken dahinter, sondern um ein Einlassen auf die Geschichte und ihre verschiedenen möglichen Blickwinkel – die man sich mehr oder weniger zu eigen machen könnte.

prisma: Große Teile der beiden Filme, vor allem die Dialoge im Prozess, sind ja weitgehend identisch. Glauben Sie, dass der Zuschauer trotzdem beide Filme ansieht und die Geschichte auch anders wahrnimmt?

Brandauer: Auch wenn die Handlung fast gleich ist, handelt es sich um zwei vollkommen unterschiedliche Filme. Jede Geschichte klingt ja von zwei verschiedenen Leuten erzählt auch ganz anders. Entscheidend ist die Perspektive, der menschliche Faktor. Genau um den kümmern wir uns ja im Theater und beim Film.

prisma: Wie hat man eigentlich darüber entschieden, welcher Film im Ersten und welcher in den Dritten Programmen läuft?

Brandauer: Das kann ich nicht sagen, es ist ja auch so, dass beide Filme zudem auch nacheinander laufen. Auf jeden Fall muss man sich beide Teile anschauen, damit ein Ganzes entsteht. Die Reihenfolge ist dabei aus meiner Sicht gar nicht so wichtig. Man muss bereit sein, sich auf das Thema einzulassen – und sich selbst genau beobachten, was das mit einem macht.

prisma: Welche filmischen, also künstlerischen Mittel kommen zum Einsatz, um die beiden unterschiedlichen Perspektiven zu etablieren?

Brandauer: Die beiden Filme bleiben eng an den jeweiligen Protagonisten dran, an ihren Beweggründen, ihren Stärken und Schwächen. Es geht ja nicht um ein System, sondern um die Menschen, die sich in ihm bewegen, die es tragen. Wir sind mit diesem Film nicht abstrakt, sondern sehr konkret. Das ist das Reizvolle an der Geschichte.

prisma: Bei von Schirach geht es öfter um den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Können Sie mit dieser Unterscheidung etwas anfangen, damit leben?

Brandauer: Ich sehe da keinen Unterschied, eher ein Nebeneinanderexistieren. Gerechtigkeit ist ein Gefühl in einem jeden von uns, welches von universellen Werten gespeist wird. Vom Naturrecht, von Grundrechten, von den Menschenrechten. Und auf der anderen Seite gibt es den Rechtsstaat, der regelt, wie wir miteinander umgehen wollen. Das eine hat natürlich mit dem anderen zu tun, und an dieser Stelle setzt Ferdinand von Schirach an. Auf ziemlich überzeugende Weise, wie ich finde.

prisma: Sind solche Geschichten ein "Vorwurf" an unser Rechtssystem, dass es nicht perfekt ist, oder wird es dadurch eher gewürdigt?

Brandauer: Das Wichtigste am Rechtsstaat ist, dass es ihn gibt. Das heißt ja nicht, dass es nichts zu verbessern gäbe. Ich kann mir keine bessere Wertschätzung vorstellen, als konstruktive Kritik. Das Tolle an unserem Projekt ist es ja, dass wir die Karten dem Zuschauer zuspielen, er muss selbst Stellung beziehen!

prisma: Kann es sein, dass – entgegen der von Schirach-Geschichten – unsere Gesellschaft in letzter Zeit immer emotionaler an wichtige Debatten herangeht und weniger mit den Mitteln der Rationalität und Logik, auf die wir lange stolz waren? Leben wir in einem neuen Zeitalter der Irrationalität?

Brandauer: Wir leben zumindest in einer Zeit, in der hochkomplexe Fragen nur noch in kurzen, grellen Schnipseln dargestellt werden können – oder gar nicht mehr vorkommen. Es geht um Schlagworte, Deutungshoheiten, nicht um das bessere Konzept, um welches mit Argumenten gerungen wird. Wir entzünden ein Strohfeuer nach dem anderen und frieren trotzdem weiter. Es wäre zu einfach, die Schuld dafür der Politik oder den Medien zu geben. Wir haben alle unseren Anteil daran, weil wir immer gern demjenigen glauben, der zuletzt oder am lautesten gesprochen hat.

prisma: Sie haben kurz vor dem ersten Corona-Lockdown "Abschlussbericht", einen neuen Film mit Ihrem alten Weggefährten István Szabó vorgestellt. Mit ihm haben sie einige ihrer berühmtesten Filme der frühen Jahre gemacht. Haben Sie das Bedürfnis, im Alter zu den berühmten "Wurzeln" zurückzukehren?

Brandauer: Es war wunderbar, nach so langer Zeit wieder mit Istvan Szabo zusammenzukommen und zu arbeiten, das war wie ein nach Hause kommen. Es waren auch noch ein paar weitere Kolleginnen und Kollegen von damals mit dabei. Ich bin sehr froh, dass wir diese Möglichkeit hatten. Es hat sich ein Kreis geschlossen. Die drei Filme, die ich in den 80-ern mit Istvan gedreht habe, sind das Wichtigste, was ich gemacht habe. Das bleibt die Essenz meines künstlerischen Lebens.

prisma: Hatten Sie davor ein paar Jahre Pause gemacht – in Sachen Film? Welche Projekte interessieren Sie heute noch?

Brandauer: Vielleicht sah es von draußen wie eine Pause aus, aber ich habe eigentlich durchweg gut zu tun gehabt. Am Theater in Wien und Berlin, ich war mit Lesungen und musikalischen Projekten unterwegs und ich habe auch gedreht. Ich bin grundsätzlich ein sehr offener Mensch und freue mich, wenn interessante Dinge auf mich zukommen. Aber beweisen muss ich inzwischen niemandem mehr etwas – auch mir selber nicht.

prisma: Was bedeutet Ihnen Schauspiel – ein Beruf, den Sie so lange ausgeübt und gelehrt haben – heute? Sind es andere Gedanken und Gefühle, die Sie mit Ihrer Arbeit verbinden, als vor 20, 30 oder 40 Jahren?

Brandauer: Gute Frage, ich sehe das immer weniger als einen Beruf an, eher als eine Aufgabe, ein Tätigsein. Ich bin dankbar, dass alles so gekommen ist. Es war ja eine große Portion Glück dabei. Viele haben es gut mit mir gemeint, und ich bin immer noch ich selbst. Und das Gefühl, dass ich beim Aufwachen habe, wenn am Abend Vorstellung ist, das ist immer noch das gleiche: gespannte Erwartung – weil ich einfach gut sein möchte.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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