Film bei Netflix

"Pieces of a Woman": Vom Zerbrechen eines Lebens

von Sven Hauberg

In "Pieces of a Woman" spielt Vanessa Kirby eine Frau, die kurz nach der Geburt ihr Kind verliert. Dabei legt die Schauspielerin eine oscarreife Leistung hin. Nun ist der Film bei Netflix zu sehen.

Es waren sonderbare Filmfestspiele, die da im Sommer am Lido von Venedig abgehalten wurden. Die Stars hinter Masken, der rote Teppich hinter einer blickdichten Absperrung, und den Glamour, der sonst den Reiz der Biennale ausmacht, suchte man in diesem Pandemie-Jahr auch meist vergeblich. Mit der Engländerin Vanessa Kirby, bekannt aus der Netflix-Serie "The Crown", wehte dann doch etwas Starluft durch die Lagunenstadt. Kirby hatte zwei Filme mit an den Lido gebracht: die düstere Liebesgeschichte "The World To Come", das von der Beziehung zweier Frauen in den USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts erzählt, und das eindringliche Drama "Pieces of a Woman", das Netflix kurz nach den Filmfestspielen erworben hat und am 7. Januar in sein Programm aufnimmt.

Wer Vanessa Kirby bislang nicht kannte, wird sie nach den ersten 15 Minuten dieses Films nicht mehr vergessen. Kirby spielt Martha, eine junge Frau, die ihr erstes Kind erwartet. Ohne einen einzigen Schnitt zu setzen, zeigt "Pieces of a Woman" minutenlang die schwierige Hausgeburt; man sieht, wie Martha und ihr Mann Sean (Shia LaBeouf) zunehmend in Panik geraten, weil die Hebamme, die die Geburt begleiten sollte, nicht kommt. Schließlich steht als Ersatz Eva (Molly Parker) vor der Tür, eine Frau, die Martha nicht kennt und zu der sie kein Zutrauen hat. Doch das Baby will nicht warten, und so bringt es Martha, unter Tränen und vor Schmerzen schreiend, auf die Welt. Die Geburt aber endet tragisch, das neugeborene Kind stirbt.

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Diese erste Viertelstunde von "Pieces of a Woman" gehört zum Intensivsten, das man je bei Netflix gesehen hat. In Kirbys Gesicht spiegeln sich Hoffen und Bangen, Panik und Angst und Schmerz und schließlich Entsetzen und Trauer. Es wäre eine Überraschung, wenn die 32-Jährige für diese Leistung nicht den Oscar erhalten sollte.

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó, der mit "Pieces of a Woman" seinen ersten englischsprachigen Film inszeniert hat, bleibt immer ganz nah dran an seiner Hauptdarstellerin, leidet und fühlt mit ihr, ohne dabei voyeuristisch zu sein. Shia LaBeouf spielt Ehemann Marthas Sean als verzweifelten Außenstehenden, der seiner Frau beistehen will, aber erkennen muss, dass er kaum mehr als ein Unbeteiligter ist, ein Zuschauer, dem nichts anderes übrigbleibt, als Martha die Hand zu halten.

Nach der traumatischen Geburtsszene von Beginn des Films wandelt sich "Pieces of a Woman" zum Justizdrama. Martha kämpft fortan an zwei Fronten – mit ihrer Trauer, aber auch vor Gericht. Sie will, dass Hebamme Eva, die sie für den Tod ihres Babys verantwortlich macht, verurteilt wird. Eva wurde bereits einmal strafrechtlich belangt, weil sie fahrlässig gehandelt haben soll. Fortan stellt der Film die Frage, ob es für den Verlust eines Lebens überhaupt so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit geben kann. Wenn Hebamme Eva hinter Gitter käme, was würde sich für Martha denn ändern?

Martha stammt aus einer jüdischen Familie. Die großartige Ellen Burstyn, die 1975 für ihre Rolle als junge Witwe in Martin Scorseses "Alice lebt hier nicht mehr" einen Oscar erhielt, spielt ihre Mutter. Als Martha bei ihr für ein paar Tage unterkommt, erzählt sie ihrer Tochter, wie sie einst inmitten der Schrecken des Holocaust geboren wurde. Jetzt lebt sie in den USA, führt ein scheinbar normales Leben. Vergessen hat sie allerdings nichts. Und vergeben? Kann man das überhaupt? Das ist die Frage, die sich auch für Matha stellt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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