Final-Kommentator erinnert sich

Gerd Rubenbauer über die WM '90: "Was waren das für Erlebnisse!"

von Kai-Oliver Derks

Ein abgemagerter Kaiser, der deutsche Diego und der fluchende Maradona: Die WM 1990 in Italien lebte nicht unbedingt vom großen Fußball, aber von "unglaublichen Stories", wie sich Final-Kommentator Gerd Rubenbauer erinnert. 

Der Kontakt kam spät. Gott sei Dank nicht zu spät. Aber: Gerd Rubenbauer war eine ganze Weile unterwegs. Mit dem Boot in seiner zweiten Heimat Mallorca. Handy gibt's dann nicht. Doch dann rollt es mit aller Wucht doch durchs Telefon. Dieses einzigartige "R", das einen umgehend zurückversetzt in diese schöne, alte Zeit des Sports. "Rrrrrubenbauer." Gerne macht er mit, erinnert sich an jenen Tag, den jeder Fußballfan, der heute über 40 ist, sein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen wird. Es war vor genau 30 Jahren, der 8. Juli 1990. 20 Uhr. Rom. Finale der Italien-WM. Deutschland gegen Argentinien. Rubenbauer kommentierte für die ARD, neben ihm als Experte Karl-Heinz Rummenigge. Und links neben ihm, schweigend als "Assi" noch ein alter Bekannter, noch so eine Größe unter den Sportkommentatoren. Natürlich wird es ein Gespräch proppenvoll mit Nostalgie, mit Anekdoten, mit Erinnerungen. Die großen Themen: der Kaiser, Diego Buchwald, der Brehme-Elfer. Und dazu viele, viele kleine Momente, die diese WM für Rubenbauer zu einer besonderen machten. Schließlich steht man nicht jeden Tag, ganz und gar schuldig übrigens, vier Carabinieri mit Knarren gegenüber. "Es war die WM der unglaublichen Geschichten", erinnert sich der 72-Jährige. Und hier sind einige davon ...

prisma: Welches Bild kommt ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an den 8. Juli 1990 zurückdenken?

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Gerd Rubenbauer: Ja, das ist schon der Kaiser danach. Allein auf dem Platz. Es gab bei mir ja wirklich ja Sympathie für ihn. Schon immer.

prisma: Es heißt, 1990 sei das ein anderer Beckenbauer gewesen als noch vier Jahre zuvor in Mexiko.

Rubenbauer: Dort war ich als Radiokommentator. Wer den Franz in Mexiko vier Wochen lang erlebte, hat ihn in Italien nicht wiedererkannt. Perfektionist war er immer. Aber in Mexiko ist er mit einem Rasenmäher über alles und jeden drübergefahren. Und dann in Italien – charmant parlierend mit den Journalisten, ein Weltmann.

prisma: Wusste er, dass er danach bei seinem Gang durchs Stadion gefilmt wird?

Rubenbauer: Das wusste er wirklich nicht. So berechnend war er nie, glauben Sie mir das. Er behauptet ja heute, er wisse gar nicht mehr so genau, was ihm damals durch den Kopf ging. Aber ich bin mir sicher, es waren diese vier Jahre, zu denen ja auch die verlorene EM 1988 gehörte. Und auch Italien war eine anstrengende Zeit für ihn.

prisma: Im TV-Kommentar erwähnten Sie, dass seine Mutter sich Sorgen mache.

Rubenbauer: Ich rief sie damals kurz vorm Ende der WM an, weil ich fürs Radio noch eine Geschichte brauchte. Sie freute sich über meinen Anruf. Aber sie hat sich eben Sorgen gemacht: "Haben Sie den Franz gesehen? Seine Hosen passen ihm schon gar nicht mehr. Er hat immer beide Hände in den Taschen und zieht sie hoch. So dünn ist er geworden. Herr Rubenbauer, bitte sagen Sie's ihm: Der Bua muss essen." Stimmte ja auch, sieben Kilo hat er bei der WM abgenommen.

prisma: Was hat diese Weltmeisterschaft aus Ihrer Sicht, abgesehen vom Titel, zu einer besonderen gemacht?

Rubenbauer: Lassen Sie es mich so sagen: Heute sitzt ja jeder Reporter beim Spiel mit einem Berg Statistiken vor sich und erzählt dir schon nach wenigen Minuten, wie viele Eckbälle ein Spieler im Turnier ohne anschließenden Torerfolg getreten hat. Und dann wird das ganze Spiel über dieser Unsinn runtergeplappert. Wir hatten diese Daten damals noch nicht, zum Glück. Die WM 1990 lebte sicher nicht von den ganz großartigen Fußballspielen. Die gab es kaum. Das muss man zugeben. Aber sie lebte von unglaublichen Storys. Nehmen Sie das Spiel Deutschland gegen Holland. Das war spielerisch sicherlich nicht top. Aber es war eben ein echtes Drama. Und es gab diese Typen, die vorher kein Schwein gekannt hat.

prisma: Zum Beispiel?

Das Eröffnungsspiel der Italiener, die ja Topfavorit waren, habe ich in einer Mailänder Kneipe gesehen. Gott, waren die dort frustriert. 75 Minuten vorbei, 0:0. Gegen Österreich! Und dann wechselt Vicini einen ein, den ein Drittel der Leute in der Kneipe, ich schwör's Ihnen, nicht mal gekannt hat. Das war Toto Schillaci. Die Leute haben die Hände vors Gesicht geschlagen. Und dann ... macht er das Tor. Und er wird noch zum Torjäger und zum besten Spieler der WM gewählt. Danach ist er wieder vollkommen von der Bildfläche verschwunden. Verrückt.

prisma: Hätten wir ein Finale gegen Italien, die ja im Halbfinale ausschieden, verloren? Mancher Spieler von damals glaubt das heute.

Rubenbauer: Ich glaube das nicht. Sie waren auf keinen Fall besser als die Deutschen. Klar, im Sturm, da hatten sie klangvolle Namen: Vialli, Roberto, Mancini, Carnevale, Aldo Serena und Roberto Baggio als hängende Spitze. Aber am Ende war alles Schillaci. Aber spielerisch kam nicht allzu viel von den Italienern. Unter dem Strich waren wir da deutlich besser. Auch dank Franz übrigens. Das war eine taktisch gereifte Mannschaft im Vergleich zu 1986.

prisma: Dann also Argentinien im Finale. Mit Maradona.

Rubenbauer: Ich habe mich wahnsinnig auf ihn gefreut. Er war mein Lieblingsspieler, trotz der "Hand" 1986. Ich erinnere mich noch genau an den UEFA Pokal 1989. Da gewann Neapel mit Maradona den Titel im Finale gegen Stuttgart. Vorher im Halbfinale schlugen sie die Bayern. Wenn Sie nur das Aufwärmprogramm von Maradona damals im Stadion gesehen haben! Der Klinsmann stand auf der Gegenseite und schaute einfach nur zu. Es war fantastisch. Und dann 1990, mit dem Eröffnungsspiel Argentinien gegen Kamerun – da wollte der Schiedsrichter der Partie anpfeifen. Dann kam Maradona, nahm sich einfach den Ball und zog noch ne Minute seine Kunststückchen ab.

prisma: Viele Freunde hatte er beim italienischen Publikum bei der WM aber nicht.

Rubenbauer: Egal, wo Argentinien spielte, wurde das Team ausgepfiffen. Wegen Maradona. Er spielte eben in Neapel, und das ging für das restliche Italien ganz und gar nicht. Übrigens: Im Finale, das fiel mir leider erst viel später auf, gab es ja diesen Vorfall bei der Hymne der Argentinier. Es wurde natürlich wieder gepfiffen. Ich konnte das damals leider nicht deuten, aber später wurde ganz eindeutig festgestellt, was Maradona gesagt hat – das hat man an seinen Lippen lesen können.

prisma: Nämlich?

Rubenbauer: Auf Spanisch: "Hurensöhne". Mei, war der gereizt.

prisma: Die Sympathien waren aber auch abgesehen von ihm klar verteilt.

Rubenbauer: Nun, gefühlt waren da 60.000 Deutsche im Stadion und die 10.000 restlichen Italiener haben für Deutschland geschrien. Es war eben außergewöhnlich, zumal es auch die erste gesamtdeutsche Fußballveranstaltung war. Ich erinnere mich gut daran, als wir runterfuhren. An jeder Tankstelle, überall nur deutsche Fans. Was waren das für Erlebnisse! Und dann kam eben hinzu, dass so viele aus Deutschland in Italien spielten und dort geschätzt wurden. Völler, Berthold, Brehme, Klinsmann, Matthäus.

prisma: Die Italiener verehrten diese Spieler sehr ...

Rubenbauer: Was übrigens schon mit Kalle Rummenigge seinen Anfang nahm. Ich war ja viel mit Kalle damals unterwegs. Was meinen Sie, was da los war? Fehlte nur noch, dass sie den Boden geküsst hätten, auf dem er ging. Ich erinnere mich daran, dass ich mal bei einem Spiel keine Akkreditierung für den Innenraum hatte. Kalle meinte nur: "Komm mit." Er stellte mich als einen Freund vor und zack – war ich drin.

prisma: Das Finale wurde auch durch das Duell Buchwald gegen Maradona entschieden. Sie sagten dazu die wunderbaren Sätze: "Wie hieß es vorher? Der Künstler gegen den Handwerker. Ich kann nur sagen: In diesem Finale hat Guido Buchwald das Handwerk zur Kunst erhoben."

Rubenbauer: Genau so war es ja auch. Für ihn war Maradona ein Geschenk. Noch so eine wunderbare Geschichte dieser WM. Denken Sie daran: Buchwald wurde vom Franz 1986 zu Hause gelassen, weil er schon so viele Vorstopper hatte. Da waren acht Abwehrspieler im Aufgebot – das Team war unfassbar defensiv aufgestellt. Da sollte aus einer Festung heraus die WM erobert werden, was ja um ein Haar auch geklappt hätte. Aber vier Jahre später hat Guido keine Sekunde gezögert, als der Franz ihn fragte.

prisma: Buchwalds Spitznamen "Diego" haben Sie nicht erfunden, aber Sie haben ihn in die Welt gebracht.

Rubenbauer: Ich hatte im Training gehört, wie sie ihn Diego nannten. Und dann bereitet er gegen Holland das erste Tor von Klinsmann vor. Vom linken Flügel kam er, erst ein Übersteiger und dann diese Flanke! Buchwald war ja immer mal wieder aufgezogen worden, wenn er am Ball war. Das war dann vorbei. Sein Selbstbewusstsein wuchs immer mehr. Und im Finale dann Maradona. Buchwald hat ihn entzaubert. Und das mit fairen, spielerischen Mitteln.

prisma: Das entscheidende Tor fiel dann aber erst durch den Elfmeter.

Rubenbauer: Der Torwart von Argentinien! Auch eine tolle Geschichte. Sergio Goycochea. Den kannte ja keiner. Eigentlich war Pumpido Stammtorwart, aber der griff schon im ersten Spiel gegen Kamerun daneben. Als er sich dann im zweiten Spiel gegen die UdSSR verletzte, kam Goycochea und wurde zum Helden dieser WM. Gegen Jugoslawien und gegen Italien hat er insgesamt vier Elfmeter gehalten.

prisma: Aber den gegen Brehme nicht. Sie kommentierten: "Alles wie gehabt! Mit rechts flach ins linke Eck. Goycochea wusste alles – nur halten konnte er ihn nicht."

Rubenbauer: Vier Tage vor dem Finale war ich bei einer Pressekonferenz der Argentinier. Übrigens als einziger ausländischer Journalist, stellen Sie sich das vor! Goycochea beantwortete die Fragen und berichtete völlig sorglos, dass er bei allen Schützen Elfmeterstatistiken führt. Man fragte ihn sogar nach Brehme. Goycochea wusste, dass Andi beidfüßig war, erinnerte sich aber an Brehmes Tor gegen Holland von halblinks, mit rechts angeschnitten ins lange Eck. Daraus schloss er, dass Brehme einen Elfmeter auch mit rechts schießen würde, ebenso angeschnitten ins linke Eck. Und genau so war es.

prisma: Sie haben sicher auch mit Brehme mal darüber gesprochen.

Rubenbauer: Klar. Erst vor einer Weile erklärte er mir, dass die Art und Weise, wie zum Beispiel Lewandowski seine Elfmeter schießt, für ihn gar nicht infrage kam. Der wartet ja ab und schickt den Torwart dann ins andere Eck. Brehme hat sich für den Torwart nicht interessiert. Der hat sich vorher ein Eck ausgesucht und dort hingeschossen.

prisma: Lothar Matthäus als potenzieller Schütze ...

Rubenbauer: Ach, die Geschichte. Wir kennen ja alle die offizielle Version. Er wechselte in der Halbzeit die Schuhe und habe sich dann nicht sicher gefühlt. Aber ich habe es oft zu ihm gesagt: "Lothar, das war deine WM. Du warst Kapitän, bester deutscher Spieler, hast ja auch schon Elfmeter bei der WM verwandelt. Den hättest du schon für die Geschichtsbücher nehmen müssen!" Aber das will er dann immer nicht hören ...

prisma: Man sieht es am Anfang der Übertragung. Neben Ihnen saß außer Ihrem Co-Kommentator Karl-Heinz Rummenigge auch Fritz von Thurn und Taxis.

Rubenbauer: Ja, er war mein Assi bei der WM, was ich großartig fand. Wir kannten uns ja gut vom Wintersport. Ich war ja immer ein bisschen überschäumend, und Fritz brachte mich auf den Teppich zurück. Aber ich erinnere mich, dass wir beide beinahe mal richtig in Probleme geraten wären.

prisma: Erzählen Sie ...

Rubenbauer: Wir waren zusammen bei einem Spiel in Genua und mussten nachts noch nach Rom zurück. Fritz war ein bisschen erschöpft. Er schlief, und ich hab richtig Gas gegeben. Schilder waren egal, könnten schon so 180 gewesen sein. Und plötzlich: Blaulicht und Sirene! Zu viert haben sie mich angehalten, mit Knarre in der Hand. Ich sagte zum Fritz, er soll weiterschlafen und bin ausgestiegen.

prisma: Wie haben Sie's versucht?

Rubenbauer: Erst mal stellte ich mich blöd. War die falsche Methode! Dann versuchte ich, Italienisch zu reden, ein bisschen was kann ich ja. Was schon mal besser ankam. Die Italiener schätzen das, wenn man versucht, ihre Sprache zu sprechen. Jedenfalls erklärte ich ihnen, wer wir sind und was wir machten. Und dann sagte ich, dass ich mir Deutschland gegen Italien als Finale wünsche. Wir kamen ganz wunderbar ins Plaudern, weil ich natürlich viel über die deutschen Spieler wusste. Und dann hatte ich ganz zufällig noch einen Satz Autogrammkarten dabei. Naja ...

prisma: Sie durften weiterfahren.

Rubenbauer: Sie wünschten uns eine gute Fahrt. Und einer zeichnete uns noch genau auf, wo sich in etwa fünf Kilometern eine Radarfalle befindet. Da sollten wir doch etwas langsam machen. Habe ich dann auch. War ne tolle Geschichte, der Fritz hat sie leider verschlafen.

prisma: Wie verbrachten Sie eigentlich die Nacht nach dem WM-Triumph? In Deutschland war ja jeder auf der Straße.

Rubenbauer: Wir auch. Aber mit dem Auto. Wir fuhren nach München zurück. Ich hatte mit dem Uli Köhler ja den WM-Rückblick vorzubereiten. "Italia novanta", "Italien 90" – wurde ein wunderbarer Film. Den kann man sich heute noch gut anschauen.

prisma: Alles in allem also ein Höhepunkt Ihrer Karriere?

Rubenbauer: Sicherlich. Aber natürlich liebte ich auch den Wintersport. Ski Alpin, die Olympischen Winterspiele. Ehrlich, ich frage mich heute oft, wie lange es das so noch geben wird. Ich habe Glück gehabt, diesen Beruf genau zur richtigen Zeit ausüben zu dürfen. Seizinger, Wasmeier – das waren wunderbare Zeiten.

prisma: Was tun Sie heute?

Rubenbauer: Ich coache unsere Jugendreporter, bin auch dabei bei Schulungen für die Sprecher von "Heute im Stadion". Zuletzt bereitete ich Felix Neureuther auf seine Rolle als Experte bei der ARD vor. Ansonsten teile ich mein Leben zwischen Bayern und Mallorca auf. Gerade ist es Mallorca. Ich war viel auf dem Boot. Es war ja Stillstand während der Corona-Zeit. Und ich schaue mir immer noch leidenschaftlich Sportübertragungen an. Nicht nur meine eigenen Sportarten, die ich kommentiert habe. Auch andere. Wissen Sie, Sport habe ich nicht nur gemacht, um Geld zu verdienen. Er war immer eine Herzenssache. Und er ist es bis heute.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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