Er führte ein Leben in Superlativen. Und doch geht es dem Bergsteiger Hans Kammerlander nur um das würdevolle Altern. "Manaslu" heißt die filmische Doku über sein Leben.

Hans Kammerlander ist Bergsteiger, und er sieht auch wie einer aus. Das karierte Hemd, die Hände, die greifen können, das Haar ist immer noch recht wild. Um seinen Hals liegt eine Kette mit dem Stein, den er "vom Messner" geschenkt bekommen hat. Platzt vom Xi-Stein ein Stück ab, so heißt es, ist ein Unglück abgeprallt. Eine schöne Vorstellung für einen, der die höchsten Berge der Welt erklettert hat. Kammerlander war ein Draufgänger, am liebsten ist er vom Gipfel auf Skiern zurück ins Tal gefahren. Einer wie er, das sagt er selbst, passe in keine Schablone. Damit haben auch große Fehler seines Lebens zu tun wie der Verkehrsunfall, bei dem er angetrunken einen jungen Mann tötete. Dieser Teil seines Lebens gehöre mit in seine Biografie, sonst sei es "falsche Berichterstattung" – eine Formulierung, die der 62-Jährige oft verwendet.

Wenn seine Arbeit, die Interviews zu seiner Lebensgeschichte "Manaslu", getan ist, fliegt Hans Kammerlander in seine zweite Heimat Nepal, um dort ein Kinderheim einzuweihen und über Silvester eine Trekkingtour zu unternehmen. Auch wenn er dort, am Manaslu, Schlimmes erlebt hat. Doch für ihn gehört alles zusammen, und so entschleunigt man ganz unwillkürlich, wenn man mit ihm spricht. Langsam, oft leise und manchmal weise erzählt der hagere Mann, der nur eine leere Espressotasse als Requisite hat.

prisma: War es für Sie schwierig, für den Film Ihr Leben zusammenzufassen?

Hans Kammerlander: Die Jugendzeit zurückzuholen, war das Schönste am ganzen Projekt. Es war trotz viel Verzicht eine schöne Zeit. Beim Dreh zu den Todesfällen meiner Freunde am Berg war ich nicht dabei, habe es nur erzählt, ich will mich nicht plagen mit diesen Erinnerungen.

prisma: Der Film erzählt auch von Ihren persönlichen Tiefschlägen.

Kammerlander: Ich hatte viele gute Momente am Berg, dort sind keine Fehler erlaubt, sonst existierst du nicht mehr. Monatelang bist du für deine Schritte verantwortlich. Unten im Tal habe ich Fehler gemacht, weil ich in keine Schablone passe. Für ein solches Porträt ist es wichtig, Fehler freizugeben. Wenn ich die nicht verheimliche, darf ich auch die Erfolge erzählen. Es ist schrecklich, meine Freunde verloren zu haben, doch wir wussten, was wir tun. Sie fehlen mir sehr, aber ich habe nicht die Verantwortung. Leben muss ich aber damit, dass ich mit 1,4 Promille ins Auto gestiegen bin. Für diese Belastung finde ich keinen Schlüssel.

prisma: Wieso haben Sie das Gefühl, nicht in die Schablonen zu passen?

Kammerlander: Hier unten ist alles geregelt. "Vorsicht, Treppe" hier, rote Ampel dort. All diese Regeln gehen mir so auf die Socken! Alles ist verboten. Wer mit Stöckelschuhen auf dem Gehsteig stolpert, zeigt die Gemeinde an, weil die den Gehsteig gebaut hat. Es kann doch nicht das Leben sein, dass wir jegliche Eigenverantwortung ablehnen. Mir ist das zu übersteuert. Das fängt schon in der Schule an. Wenn das Kind zu Hause erzählt, die Lehrerin habe es angeschnauzt, rennen die Eltern zur Lehrerin. Sie sagen nicht: "Du musst dich schon benehmen in der Schule."

prisma: Ihr Leben ist ein Heldenepos, aber Sie scheinen im rechten Moment abgebremst zu haben und lassen heute die Vernunft mitsprechen.

Kammerlander: Sowieso. Das ist doch lächerlich, wenn man über 50 ist und noch mithalten will. Als wir die Jungen waren, haben wir alles überrollt. Heute kommen die Jungen nach, und die sind schneller. Das ist eine normale Entwicklung, wir können etwas zusammen unternehmen und ihnen unsere Erfahrungswerte mitgeben.

prisma: Gibt es konkret etwas, das Sie den Jungen gerne mitgeben wollen?

Kammerlander: Ich selbst habe eine zehnjährige Tochter, an die ich gerne die Freude an der Natur weitergeben möchte, da sie für Menschen wichtig ist. Ich glaube aber, das ist schon gut gelungen. Den jungen Kletterern möchte ich Langsamkeit ans Herz legen, erst Trittsicherheit, dann höher gehen. Wer das Klettern in der Halle lernt, ist technisch bewundernswert, solange die Routen perfekt sind. Wer dann im Gebirge auf Wege kommt, auf denen sonst die Kühe abgetrieben werden, bekommt Schwierigkeiten.

prisma: Ihre Tochter lebt in Hamburg, doch Sie leben nach wie vor in Südtirol. Wie viel haben Sie voneinander?

Kammerlander: Ich sehe meine Tochter in den Ferien. In Hamburg bin ich nicht gerne, aber wenn sie bei mir ist, ist das eine schöne Zeit, in der ich beobachte, wie müde und glücklich sie am Abend ist. Dass wir uns nicht so oft sehen, ist das Einzige, was mich derzeit nicht glücklich macht.

prisma: Können Sie dieses Gefühl beschreiben, wenn die Luft oben dünn wird?

Kammerlander: Die letzten Stunden auf den ganz hohen Bergen sind nicht schön. Jeder Schritt ist eine Plagerei. Am Gipfel anzukommen, empfinde ich ohnehin als die Hälfte vom Weg, für mich ist der richtige Gipfel erst, wenn ich wieder unten angekommen bin.

prisma: Sie sagen, früher waren Sie gipfelorientiert – was sind Sie heute?

Kammerlander: Jetzt ist es Freude. Das Umfeld, die Kultur und die Menschen nehme ich heute bei Touren viel mehr wahr. Mit Grenzalpinismus hat das natürlich nichts mehr zu tun. Aber Rasten dürfen ist etwas Schönes, sich belohnen – mit einem Espresso wie diesem. Nach wie vor bin ich kein Träumer, möchte Dinge probieren, aber heute muss ich keine Bäume mehr ausreißen. Beim Wettlauf mit der Zeit habe ich nichts anderes gesehen als die Gipfel. Was ich außerdem wertschätze: Ich habe keinerlei Knie- oder Rückenprobleme.

prisma: Sprechen wir doch einmal über den Begriff Risiko.

Kammerlander: Ganz viel kann man einschätzen: Wenn ich einen Berg betrachte, gibt es Zonen, die sind gefährlich. Da durchzugehen, ist zu viel Glücksspiel, hat nichts mit Können zu tun. Ich reduziere die Gefahr beispielsweise durch das Umgehen dieser Bereiche. Ein wenig brauche ich die Gefahr, ein Minimum im Vergleich zu anderen. Das Restrisiko von zehn Prozent nehme ich in Kauf.

prisma: Gibt es in Ihrem Leben heute etwas so Wertvolles wie Ihre ersten Skier?

Kammerlander: An die kommt nichts ran. Als ich bei diesem hart erarbeiteten Ski nach ein paar Tagen die Spitze abgebrochen habe, das war ein Desaster. Würde heute mein Haus abbrennen, wäre es nicht so schlimm, auch wenn es mich schmerzen würde, Erinnerungsstücke zu verlieren.

prisma: Führen Sie Tagebuch?

Kammerlander: Nein, damit würde ich zu viel Zeit verlieren. Ich fotografiere gern, versuche ansonsten die Dinge in Erinnerung zu behalten. Als ganz junger Bursche habe ich meine Erstbesteigungen kurz aufgeschrieben, diese Glücksmomente. Jetzt habe ich wieder die gleichen Glücksgefühle, wenn ich oben bin, da schließt sich wirklich ein Kreis. Denn als Profi hatte ich keine Glücksgefühle auf dem Achttausender.

prisma: Wie gut können Sie alleine sein, unten im Tal?

Kammerlander: Ich mag die Stunden alleine sehr gerne. Niemand lenkt dich ab, da lernst du dich kennen. Ich mag die Einsamkeit.


Quelle: teleschau – der Mediendienst