Für die einen ist Globalisierung ein Nullsummenspiel: Jedes Auto, das in China vom Band läuft, ist ein Auto, das nicht in den USA gebaut wird. Donald Trump denkt so. Für die anderen ist die Globalisierung ein System, das vor allem Gewinner kennt: Geht es dem einen gut, profitiert auch der andere. Der Arbeitslose Mike Liebknecht (Misel Maticevic) sieht das im tollen Schweizer "Tatort: Friss oder stirb" ein bisschen so wie Trump. Und der Zuschauer, nach 90 hoch spannenden Minuten, wahrscheinlich auch.

Liebknecht fährt den ganzen Weg von Bremerhaven bis an den Vierwaldstättersee, wo der vermögende Swisscoal-CEO Anton Seematter (Roland Koch – er spielte im eingestellten Bodensee-"Tatort" den Schweizer Kommissar Matteo Lüthi) zusammen mit Frau und Tochter in einem Traum aus Sichtbeton residiert. Unten liegt die Stadt, in der Ferne glitzern die schneebedeckten Berge. Liebknecht aber kommt nicht wegen der Aussicht. Er will Geld. Genau 567.840 Euro, das hat er sich so ausgerechnet. So viel hätte er in den 20 Jahren bis zur Rente noch verdient, wenn er nicht seinen Job verloren hätte. Also verschafft er sich Zugang zu Seematters Anwesen, nimmt seine Frau Sofia (Katharina von Bock) und seine Tochter Leonie (Cecilia Steiner) als Geiseln – und wartet auf den Swisscoal-Chef. Ein wenig angespannt ist er, aber doch gefasst. Zwischendrin schiebt er sich eine Tiefkühlpizza in den Ofen.

Als Seematter dann kommt, richtet Liebknecht auch auf ihn die Waffe. Seematters Unternehmen, sagt er, habe seinen kleinen Betrieb in Bremerhaven dicht gemacht, weil Swisscoal ein kleines Gewinde jetzt in Asien produzieren lässt. Wegen 13 Cent Ersparnis pro Stück! Seematter schüttelt den Kopf: Sie verstehen das falsch, sagt er, Sie müssen das Gesamtbild sehen. In Bremerhaven seien zwar Arbeitsplätze verschwunden, insgesamt aber seien 800 neue Stellen geschaffen worden. Eine Argumentation, so kalt wie das Haus, in dem Seematter lebt. Und ziemlich oft gehört. Ob er denn bei seiner Forderung die Inflationsrate eingerechnet habe, will Seematter dann noch von Liebknecht wissen. Hat er nicht, gibt Liebknecht zu. Tochter Leonie ist derweil ganz der Vater. "Es kann nicht jeder mit Privilegien geboren werden. Sonst wären's ja keine mehr", philosophiert sie und postet die Geiselnahme bei Instagram.

Irgendwann stehen schließlich die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) vor der Tür, die in "Friss oder stirb" kaum mehr sind als Statisten. Jeder "Tatort" beginnt mit einem Mord, auch dieser hier. Ganz zu Beginn wurde eine Leiche entdeckt, eine Spur führt zu Seematter. Als sie den CEO dazu befragen sollen, geraten die Polizisten in die Geiselnahme, werden schließlich von Liebknecht überwältigt und gefesselt. Und der verliert langsam die Geduld.

Der Mordfall, er spielt am Ende des kammerspielartigen Films noch eine Rolle. Zunächst aber ist er lediglich ein Vehikel, um aus einem gewöhnlichen "Tatort" einen spannenden Geiselnahmethriller zu machen. Ritschard und Flückiger, die beiden Luzerner Kommissare, die sich Ende 2019 vom Bildschirm verabschieden werden, bleiben zwar auch in diesem Film farblos wie eigentlich fast immer. Nur stört das diesmal kaum. "Friss oder stirb" (Regie: Andreas Senn, Buch: Jan Cronauer und Matthias Tuchmann) ist vielmehr das Duell zwischen einem, der nicht mehr viel zu verlieren hat, und einem, der kaum mehr haben könnte. Misel Maticevic als Mike Liebknecht ist dabei wie immer eine Wucht. Er ist ein Irrer, klar, wie er da mit seiner Waffe herumfuchtelt und Geld verlangt, das ihm streng genommen nicht zusteht. Aber man versteht ihn. Denn manchmal kennt die Globalisierung eben nur Verlierer.


Quelle: teleschau – der Mediendienst