In ihrer neuen Undercover-Reihe "Pia – Aus nächster Nähe" geht Ex-"Team Wallraff"-Reporterin Pia Osterhaus brisante Alltagsthemen wie Fremdgehen, Alkoholismus, Körperkult und Armut an. 

Vor fünf Jahren sorgte Pia Osterhaus bundesweit für große Empörung. Der mediale Aufschrei bezog sich damals jedoch keineswegs auf die junge Reporterin selbst, sondern auf jene Missstände in einer Altenpflegeeinrichtung, die sie im Rahmen der Investigativ-Reihe "Team-Wallraff" undercover als vermeintliche Praktikantin aufdeckte. Die Offenlegung gesellschaftlicher Probleme mit dem Hilfsmittel der versteckten Kamera hat es der gebürtigen Düsseldorferin auch heute noch angetan: Mit ihrer neuen VOX-Reihe "Pia – Aus nächster Nähe" erhält die 37-Jährige ihr erstes eigenes Fernsehformat, das dort recherchiert, wo Einblicke normalerweise unmöglich oder nicht gern gesehen sind. Ab 9. Juli widmet sich Osterhaus in vier Episoden jeweils dienstags, 22.15 Uhr, polarisierenden Alltagsthemen wie Fremdgehen und Körperkult, aber auch gesellschaftlich hochbrisanten Problemen wie Alkoholsucht und Armut. Was sie an der Undercover-Arbeit reizt, erklärt die Reporterin im Interview.

prisma: Ist es für Sie etwas Besonderes, eine eigene Sendung mit dem eigenen Namen im Titel zu bekommen – vielleicht ein kleiner Traum?

Pia Osterhaus: Es freut mich natürlich sehr. Das heißt für mich aber nicht, dass ich im Mittelpunkt stehe. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die ich treffe. Es ist eine Mischung aus beidem.

prisma: Hatten Sie dadurch aber mehr Entscheidungsfreiheiten?

Osterhaus: Das ist mein großes Glück: Ich kann mich jetzt bei den Themen noch viel mehr entfalten. Zu entscheiden, wie wir alles umsetzen, wie wir die Beiträge aufbauen – das macht mir großen Spaß.

prisma: Die vier Sendungen widmen sich großen Themen unserer Gesellschaft. Wie haben Sie die Themen ausgewählt?

Osterhaus: Letztlich war das natürlich eine Teamentscheidung. Uns ging es darum, besonders relevante Themen zu finden. Die uns alle bewegen. Beispielsweise das Thema Fremdgehen: Da merkte ich schon bei der Recherche, wie das die Menschen bewegt. Da kam ich auch bei Gesprächen im privaten Umfeld nicht unter einer halben Stunde davon. Genauso beim Thema Alkohol: Jeder hat eine Meinung dazu, fast jeder kennt wen, der ein Alkoholproblem hat. Derlei Debatten gaben uns noch mal die Bestätigung, dass wir gemeinsam mit VOX die richtigen Entscheidungen getroffen hatten.

prisma: Welches der Themen bewegte Sie persönlich am meisten?

Osterhaus: Alle auf ihre eigene Art – aber besonders berührten mich die Themen Alkohol und Armut. Einfach auch, weil dahinter weitere Schicksale stecken. Gerade, wenn man die Alkoholsucht nicht im Griff hat, kann das so vieles zerstören. Wenn dann noch Kinder involviert sind, hat das noch einmal eine ganz andere Tragweite – genau wie beim Thema Armut.

prisma: Wie sind Sie das Thema Alkohol angegangen?

Osterhaus: Wir haben unter anderem eine Mutter Ende 30 getroffen, die Alkoholikerin ist und ein Kleinkind hat. Sie haben wir mehrere Monate bei ihrer Reha-Maßnahme begleitet. Auf ihrem Weg raus aus der Sucht. Außerdem haben wir zum Beispiel auch eine Mutter besucht, die während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Ihre Kinder leiden dadurch ein Leben lang an den Folgeschäden.

prisma: Wie kommt man an solche Protagonisten – vielleicht am Beispiel der alkoholkranken Mutter?

Osterhaus: Im Falle der Alkoholsucht handelt es sich natürlich um ein sehr schambesetztes Thema. Wir kontaktierten dafür mehrere Kliniken, die Reha-Maßnahmen anbieten. Dabei stießen wir auf die Salus-Klinik in Hürth, die eine sehr große Mutter-Kind-Einrichtung hat. Wir haben uns mehrmals mit der Klinikleitung und Therapeuten getroffen, um Vorgespräche zu führen. Im nächsten Schritt haben wir dann Patientinnen unser Projekt vorgestellt. Und eine Patientin hatte dann Interesse, mitzumachen.

prisma: Wie baut man zu so einem Menschen ein Vertrauensverhältnis auf?

Osterhaus: Bei solchen Themen geht es vor allem um Vertrauen. Es gab erst längere Treffen ohne Kamera. Und dann natürlich auch Bedenkzeit. Schließlich müssen die Beteiligten auch wissen, worauf sie sich mit so einer Öffentlichkeit einlassen.

prisma: Hat man dabei mit Blick auf so manche Sendungen im Privatfernsehen die Gefahr im Hinterkopf, dass man für eine Bloßstellung der Protagonisten kritisiert werden könnte?

Osterhaus: So eine Kritik würde mich wirklich wundern. Wir rücken an keiner Stelle irgendwen in ein komisches Licht. Im Gegenteil: Es ist ja mutig, damit mit persönlichen Themen ins Fernsehen zu gehen. Wir legen bei diesen Themen großen Wert auf eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit. Der jungen Frau, die von uns bei ihrer Reha-Maßnahme zum Thema Alkohol begleitetet wurde, haben wir zum Beispiel im Vorfeld bereits Ausschnitte aus der Sendung gezeigt.

prisma: Inwiefern hofft man, mit den eigenen Beiträgen wirklich etwas zu bewegen?

Osterhaus: Wir haben uns ja ganz bewusst zum großen Teil Tabu-Themen ausgesucht. Ich möchte gesellschaftliche Diskussionen anstoßen, zum Nachdenken anregen und auf Themen aufmerksam machen. Wenn sich bei einigen Zuschauern der Blick auf Themen wie Armut oder Alkohol verändert, ist doch schon viel erreicht.

prisma: Nach dem Aufdecken des Pflegeskandals im Format "Team Wallraff" gab es eine große mediale Aufmerksamkeit – und in Teilen auch Kritik. Wie gehen Sie damit um?

Osterhaus: In dem Fall war und bin ich ganz reinen Gewissens. Wir sind da extrem sauber und gewissenhaft vorgegangen. Und das tun die Kollegen von "Team Wallraff" noch heute. Gerade beim Arbeiten mit der versteckten Kamera ist das unsere journalistische Sorgfaltspflicht, der wir zu 100 Prozent nachkommen.

prisma: Was fanden und finden Sie eigentlich besonders reizvoll an der Arbeit als Investigativ-Reporterin?

Osterhaus: Ich fand es schon immer spannend, noch drei Schichten tiefer zu gehen. Das wird auch durch die versteckte Kamera ermöglicht. Ein wahrhaftiger Blick auf die Dinge, auf authentische Sachverhalte. Zum Beispiel beim Thema Fremdgehen: Da traf ich mich mit versteckter Kamera mit Männern, um zu verstehen und zu fühlen, wie diese Dates ablaufen. Es ging nicht darum, die Moralkeule zu schwingen. Sondern, darum das Phänomen zu begreifen, und um Fragen wie: Warum sitzen Sie hier? Was treibt Sie an?

prisma: Was fanden Sie heraus?

Osterhaus: Die meisten gehen fremd, weil ihnen zu Hause etwas fehlt. Viele vernachlässigen ihre Beziehung und versäumen es, mit ihrem Partner über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Alles versinkt im Alltag. Darunter leidet die Paarbeziehung. Viele sind nicht in der Lage, ehrlich mit dem Partner zu reden. Das betrifft Männer wie Frauen. Oft geht es nur um kleine Gesten und Aufmerksamkeiten – und diese holt man sich dann woanders.

prisma: Können Sie in solchen Momenten einfach trennen zwischen Ihnen als Journalistin und Ihren Ansichten als Privatperson?

Osterhaus: Zunächst bin ich mit Leib und Seele Journalistin. Das treibt mich an. Aber in diesem Format spielt auch meine persönliche Sicht eine Rolle. Die Journalistin steht auf Platz 1 – aber ich bin ja auch noch Frau, Mutter, Partnerin und Freundin. Das spielt mit rein, aber in einem ausgewogenen Gleichgewicht.


Quelle: teleschau – der Mediendienst