Captain Picard wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Die neue "Star Trek"-Serie schießt bisweilen über das Ziel hinaus, verbindet aber alte Tugenden der Vorgängerserien mit modernen Erzählstrukturen.

Zumindest in seinen Träumen lassen ihn die unendlichen Weiten nicht los: Immer wieder spielt Jean-Luc Picard (Patrick Stewart) an Bord der USS Enterprise eine letzte Partie Poker mit Data (Brent Spiner). "Ich will nicht, dass das Spiel jemals endet", fleht er. Wenn Picard dann aber aufwacht, ist er Rentner, bewirtschaftet ein Weingut und geht mit seinem Hund spazieren. Das Tier hört auf den Namen "Nummer eins". Auf welchen auch sonst?

Natürlich ist "Picard" keine Serie über einen Senioren, der aufregenden Zeiten nachtrauert. Die zehn Episoden, bei Amazon ab 24. Januar im Wochenrhythmus immer einen Tag nach der US-Ausstrahlung verfügbar, lassen vielmehr Picards Träume Wirklichkeit werden. Sein Spiel ist in der Tat noch nicht vorbei.

Die Serie knüpft an die Ereignisse von "Nemesis" (Picards letztem Kinoauftritt) und dem Neustart der Kinoreihe "Star Trek" an: Eine Supernova hat die Heimat der Romulaner zerstört, die Überlebenden sind in der Diaspora verstreut. Damals hatte Picard eine ambitionierte Rettungsmission gestartet, um mit einer eigens gebauten Flotte hunderte Millionen Leben zu retten. Doch dann ließ eine von synthetischen Lebensformen verübte Terrorattacke den Mars explodieren, die Sternenflotte brach die Flüchtlingsmission ab und verbannte zudem jegliche Form künstlichen Lebens.

"Wir haben unsere Pflicht nicht erfüllt", dem humanistischsten aller "Star Trek"-Captains, blieb damals gar nicht anderes übrig, als den Dienst zu quittieren. Nun, 14 Jahre nach seiner nicht ganz freiwilligen Pensionierung, wird Picard von seiner Vergangenheit eingeholt. Eine mysteriöse junge Frau (Isa Briones) sucht seinen Schutz. Sie trägt ein Geheimnis in sich, dessen Entschlüsselung Picard ewige Freunde und unverbesserliche Feinde treffen lässt und ihn einmal mehr darüber philosophieren lässt, was Menschlichkeit eigentlich bedeutet.

Ein Plädoyer für das Überwinden alter Feindschaften und der Angst vor dem Neuen: Autor und Produzent Alex Kurtzman, beim produzierenden Sender CBS maßgeblich für das Franchise verantwortlich, und Pulitzer-Preisträger und Erfolgsautor Michael Chabon ("Die Geschichte von Chevalier & Clay") als Showrunner verbinden in "Picard" alte Tugenden der Vorgängerserien mit modernen Erzählstrukturen. Dass die Geschichte, die mit vielen neuen Figuren über die ganze Staffel erzählt wird, hin und wieder etwas aus dem Ruder zu laufen scheint, sei ihnen verziehen. Ein mysteriöses Labor auf einem stillgelegten Borg-Würfel, eine unmögliche Liebesgeschichte, ein von Geheimdiensten unterwandertes Flottenkommando – und nicht zuletzt eine Renegade-Mission mit einer Art Han Solo als Raumschiff-Kapitän sind dann vielleicht etwas zu viel des Guten.

Schöner, größer, beeindruckender: "Picard" wirkt visuell auf der Höhe der Zeit, ist aber unverkennbar eine Serie aus dem "Star Trek"-Universum. Nicht zuletzt, weil Captain Picard in Würde gealtert ist, er weiter Earl Grey trinken, Shakespeare zitieren und alte Bekannte treffen darf: von Data über den echten Nummer eins (Jonathan Frakes) und Counselor Troi (Marina Sirtis) bis hin zu den Romulanern und der ehemaligen Borg-Drohne Seven of Nine. Und irgendwann sagt er tatsächlich: "Energie!"

Das wird Picard mindestens noch eine zweite Staffel lang tun, die bereits in Arbeit ist. Wie sagten doch Shakespeare im 17. Jahrhundert und sein größter Fan 800 Jahre später: "Kein Vermächtnis ist so reich als Ehrbarkeit".


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH