Film bei SAT.1

"Tödliche Gier": Hollywoodreife Boshaftigkeit

von Wilfried Geldner

Vier Ausbrecher wollen einen Schatz bergen, den einer von ihnen vor Jahren in einer Kirche versteckt hat. Doch der Mann stirbt bei der Flucht aus dem Gefängnis. So zwingen die anderen Gangster den örtlichen Pastor mit Gewalt, ihnen zu helfen.

ZDF
Tödliche Gier
Thriller • 24.02.2021 • 20:15 Uhr

Während aus einer Hamburger Strafanstalt vier Gangster unterschiedlicher Bauart als Sanitäter verkleidet ausbrechen, predigt irgendwo im Umland am Buß- und Bettag ein Pastor viel von Nächstenliebe und vom Glauben, der es nicht leicht habe in schwerer Zait. "Was ist denn unser Glaube wert, wenn er versagt, wenn es schwer ist und kalt?", sagt er und zitiert ausdrücklich eine Bonhoeffer-Predigt aus dem Dritten Reich. Sicher ein etwas gewagtes Opening für einen Psychothriller wie Thorsten Näters "Tödliche Gier", einen Mittwochsfilm, der vor allem auf spannende Weise unterhalten will. Doch, weil der von Harald Krassnitzer gespielte Pastor und dessen Frau (Ann-Kathrin Kramer) und Kinder alsbald von den Ausbrechern gefangen genommen werden, lässt sich der Gegensatz von frommer Nächstenliebe und mörderischer Gewalt sehr anschaulich durchdeklinieren.

Nach langer Zeit spielen hier Harald Krassnitzer und seine Frau Ann-Kathrin Kramer wieder einmal in einem Thriller zusammen. Im leichteren Unterhaltungsgenre ist das keine Seltenheit. Dabei haben sich die beiden bei den gemeinsamen Dreharbeiten zu dem SAT.1-Thriller "Hurenmord – Ein Priester schweigt" 1998 kennengelernt, bei dem Krassnitzer unter dem Regisseur Josef Rödl gleichfalls einen Priester spielte. "Wir arbeiten sehr gern zusammen und müssen dabei auch nicht künstlich zwischen Arbeit und Privatem trennen", sagt Ann-Kathrin Kramer über die Zusammenarbeit mit ihrem Mann. "Wir sprechen über die Texte, lernen sie manchmal auch zusammen und freuen uns über die intensive gemeinsame Zeit."

Im Film "Tödliche Gier" wird ausgerechnet der Tippgeber einer Ausbrecherbande beim Ausbruch aus der Hamburger Haftanstalt tödlich verletzt. Er stirbt, noch bevor er ein Juwelen-Versteck in einer Kirchenruine näher benennen kann. Die Ruine gibt es nicht mehr, die Kirche wurde inzwischen restauriert. Als sich die restlichen Ausbrecher dann im erneuerten Kirchenschiff nachts auf die Suche machen, werden sie vom Pastor überrascht. Sie zwingen den frommen Mann zur Mitsuche – er müsse doch wissen, wo der Schatz nach dem Umbau verblieben sei.

Die Gangster-Darsteller überzeugen

Um an dieser etwas fragwürdigen Geschichte zu zweifeln, bleibt beim Betrachten nicht viel Zeit. Thorsten Näter, Krimi- und Thrillerspezialist seit vierzig Jahren, überspielt die logische Lücke geschickt mit Schnitten und schenkt sofort den Attacken der Bösewichte Aufmerksamkeit, aber auch den internen Auseinandersetzungen in der behüteten Pfarersfamilie selbst. Pfarrer Manfred Bahnert (Harald Krassnitzer) und dessen Frau, von Beruf Apothekerin (Ann-Kathrin Kramer), werden mit Vorwürfen ihrer pubertierenden Kinder (Sofie Eifertinger, Johannes Geller) konfrontiert. Insbesondere kratzen sie an der professionellen Frömmigkeit des Vaters. Die Gegner sind indessen charakterlich gut durchstrukturiert: Der selbst ernannte Anführer (Thomas Sarbacher) ist umgänglich und schlau, sein brutaler Kumpel wird von Dirk Borchardt mit boshafter Süffisanz geradezu hollywoodreif gespielt.

Robert, der Jüngste der Ganoven (Leonard Carow), muss die Frau des Pastors in ihrer Apotheke bewachen. Irgendwann liest Robert dann allen aus dem von ihm gefundenen Tagebuch der halbwüchsigen Tochter vor. Sie hasse die Besserwisserei ihrer Eltern, die sie "immer nur kleiner" machten, so steht zu lesen. Aber auch, dass sich die Mutter mit dem Gedanken einer Scheidung trage. Nach und nach wird so die Tragik des Lebens jenseits allseitiger Liebe vorgeführt.

Aber auch Tote gibt es später reichlich. Vor allem beim Showdown sitzen die Schießeisen recht locker. Wirklich Neues wird man in diesem Genrefilm nicht suchen dürfen. Auch setzt Thorsten Näter nicht alles auf die Thriller-Karte. Doch er versteht es, mit psychologischer Genauigkeit den Zuschauer in eine Zeitschleife zu zwingen. Irgendwann stellt sich das Gefühl von Echtzeit und wahrem Terror ein. Nur die Auflösung fällt mit ihrem aufgesetztem Waterkant-Kolorit arg betulich aus: Der eingangs noch schroff beäugte Pastor darf bei seiner Gemeinde bleiben. Zur Primetime im Zweiten braucht halt noch jeder Thriller sein gemütliches Happyend.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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