"Neue Ausfahrt Glück"

Valerie Niehaus: "Der Film war ein besonderes Herzensprojekt"

von Elisa Eberle

Die Corona-Krise hält die Kulturbranche fest im Griff. Das merkte auch Valerie Niehaus bei den Dreharbeiten zur neuen ZDF-Reihe "Nächste Ausfahrt Glück". Warum die 46-Jährige es dennoch, gerade jetzt, für so unerlässlich hält, Menschen zu unterhalten, verrät sie im Interview.

Valerie Niehaus hat viele Gesichter: Von ihren ersten Gehversuchen in der einstigen ARD-Daily "Verbotene Liebe" über Satire-Formate wie die "heute-show" (ZDF) bis hin zu ernsthaften Fernsehfilmen hat die inzwischen 46-Jährige schon so gut wie jedes Genre bedient. In der neuen ZDF-"Herzkino"-Reihe "Nächste Ausfahrt Glück" (Sonntag, 28. Februar, und Sonntag, 7. März, 20.15 Uhr) spielt sie eine Frau, die, aus einer glücklichen Beziehung kommend, plötzlich zwischen zwei Männern steht. Es ist eine Lovestory, die jedoch hier und da von der jüngeren deutschen Geschichte durchwoben wird. Wie kann sich die aus Emsdetten, Nordrhein-Westfalen, stammende Schauspielerin an die Zeit vor und nach der Wende erinnern? Was macht den Film, verglichen mit anderen Geschichten über jene Jahre, so besonders? Und wie steht es um die Kultur, aber auch um unsere Gesellschaft in den momentanen Krisenzeiten? Diese Fragen beantwortet Valerie Niehaus im Interview.

prisma: Im Dezember haben Sie zur Unterstützung der "#SchutzSchenken-Kampagne" der UNO-Flüchtlingshilfe aufgerufen. Warum liegt Ihnen diese Organisation so sehr am Herzen?

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Valerie Niehaus: Ich habe bei der Aktion gerne mitgemacht, weil ich merke, dass wir, angesichts unserer eigenen momentanen Probleme, die Probleme in der Welt, die es auch vor Corona schon gab, ein bisschen aus den Augen verlieren. Ich denke, dass es der eigenen Empathie und Demut ganz guttut, wenn man sich daran erinnert, wie groß die Welt ist und wie groß auch ihre Probleme sind.

prisma: Empathie und der Umgang mit den eigenen Problemen ist auch in Ihrem jüngsten Film "Nächste Ausfahrt Glück" von zentraler Bedeutung. Sie verkörpern eine Frau, die offensichtlich eine Traumehe führt: Ihr Mann Georg reagiert selbst nach einem "Ausrutscher" mit Ex-Freund Juri auffällig gelassen. Im echten Leben findet man so eine Beziehung aber doch eher selten, oder?

Niehaus: Ich weiß gar nicht, ob das in diesem Moment so überraschend ist. In Wirklichkeit steckt dahinter eine sehr große Angst von Georg, er sei Katharinas zweite Wahl. Trotz seiner wundervollen Beziehung scheint ihn dieser Zweifel nie wirklich losgelassen zu haben. Allerdings fand ich es auch ungewöhnlich und habe beim ersten Lesen auch gedacht: Wow, der reagiert aber echt souverän!

prisma: Wie realistisch schätzen Sie seine Reaktion denn ein?

Niehaus: Ich persönlich würde sagen, dass es auch in einer langen Beziehung die Möglichkeit für Freiräume geben muss. Denn, dass irgendwann auch mal Dinge passieren, mit denen man sich gegenseitig verletzt, lässt sich nicht verhindern. Aber je größer der Freiraum zwischen zwei Menschen ist, desto leichter kann man so einen Vorfall dann vielleicht auch überstehen. Als wir die Szene gespielt haben, ist mir klar geworden, dass Georg vielleicht nicht unbedingt aus Souveränität so verhalten reagiert, sondern aus der tiefen Angst und dem Wissen um die Macht, die die Beziehung zwischen Juri und Katharina hat. Was Katharina angeht, so bringt die Situation mit Juri sie dazu, den Blick auf ihre Ehe und ihr eigenes Leben noch mal deutlich zu schärfen. Umso mehr sieht sie, wie schön es eigentlich ist.

prisma: Durch das Auftauchen von Juri gerät Katharinas Leben plötzlich aus den Fugen. Haben Sie schon einmal eine vergleichbare Erfahrung gemacht?

Niehaus: Also ausgelöst durch einen alten Bekannten, im Sinne eines Menschen, kenne ich dieses Gefühl nicht. Allerdings kann man auch auf alte Bekannte im Sinne seines eigenen Verhaltens treffen. Das können depressive Momente oder ungesunde Angewohnheiten sein. Was wir vermutlich alle kennen, ist, wenn das Schicksal plötzlich eine andere Melodie anschlägt, etwa wenn Menschen sterben, krank werden oder einen ein großes Glück ereilt. Doch solche Veränderungen erlebe ich nicht besonders häufig.

prisma: Angenommen Sie wären mit Katharina befreundet. Wie würden Sie ihr raten, mit der Situation umzugehen?

Niehaus (überlegt): Ich würde ihr empfehlen, die Sache passieren zu lassen, um zu sehen, worum es dabei wirklich geht: Geht es darum, dass die Ehe mit Georg nicht richtig ist? Geht es darum, dass Juri der Richtige ist? Oder geht es darum, dass sie allein sein und ein vollkommen anderes Leben führen will? Denn abgesehen von einem gesellschaftlichen Blickwinkel braucht man manchmal einfach ein bisschen mehr Zeit.

prisma: Der Film wirft auch immer wieder kleine Blicke zurück in die deutsche Geschichte, genauer gesagt auf die Monate vor dem Mauerfall. Wie erinnern Sie sich an die damalige Zeit?

Niehaus: Ich bin ja in Fulda aufgewachsen, in der Nähe der Zonengrenze. Eigentlich also genau da, wo wir den Film gedreht haben. Meine Eltern hatten viele Freundschaften in Erfurt und dem Gebiet. Deswegen habe ich Kindheitserinnerungen an die damalige DDR, aber auch Freundschaften, die bis heute überdauert haben. Somit habe ich all diese Veränderungen persönlich miterlebt. Und genau aus diesem Grund war der Film für mich auch so ein besonderes Herzensprojekt.

prisma: Was macht den Film denn so besonders?

Niehaus: Der Film thematisiert die historischen Ereignisse in einer Normalität, die ich sonst oft vermisse. Sie sind Teil der deutschen Biografie, kommen aber doch häufig mit einer ganz bestimmten Emphase rüber und werden als besonders problematisch dargestellt. Ich freue mich, dass wir hier die Geschichte von Menschen erzählen, die in dieser Biografie aufgewachsen sind und ein ganz normales, gesundes Leben führen. Das heißt, das Thema spielt zwar eine Rolle, aber nicht die Hauptrolle.

prisma: Wenn Sie sich nun an Ihre Jugend zurückerinnern: Welche der beiden Hauptfiguren können Sie besser verstehen? Juri, der auf der Suche nach Freiheit aus der DDR geflohen ist? Oder Katharina, die sich im letzten Moment umentscheidet?

Niehaus: Ich kann beide nachvollziehen, denn sie agieren beide aus tiefen Beweggründen. Katharina sagt: "Hier verstehe ich die Welt, und deswegen bleibe ich hier." Ich persönlich habe vielleicht eher die größere Welt gesucht. Das heißt aber nicht, dass man die übersichtlichere Welt nicht doch auch in seinem Leben vermisst. Es hätte mir sicherlich auch nicht geschadet, wenn ich nicht mit 17 zu Hause ausgezogen und mit 20 in die USA gegangen wäre. Das war zwar alles toll, aber heute als Erwachsene weiß ich auch, dass ich auf vieles verzichtet habe, was mit Zugehörigkeit zu tun hat. Und genau diese spielt für Katharina eine Rolle.

prisma: Der Film wurde im Sommer 2020 gedreht, also mitten in der Pandemie. Wie sahen die Bedingungen am Set aus, damit trotz allem Szenen mit enger körperlicher Nähe möglich waren?

Niehaus: Wir wurden ständig getestet. Schon morgens haben wir uns beim Gesundheitsbeauftragten melden müssen, der nach etwaigen Symptomen gefragt und Fieber gemessen hat. Außerdem hat das Team hinter der Kamera durchweg Maske getragen. Wir haben auch besonders darauf geachtet, jede Form von Abstand oder Lüften, die möglich waren, einzuhalten. Unsere Mittagspausen fanden draußen statt, und wir hatten kein gemeinsames Catering wie sonst. Kurz gesagt: Wir haben alles getan, was möglich war.

prisma: Wie haben Sie diese Einschränkungen wahrgenommen?

Niehaus: Die Bedingungen sind natürlich schon deutlich anders als die, unter denen wir bislang gearbeitet haben. Aber als Filmschaffende sind wir gewöhnt, aus sehr unbequemen Situationen trotzdem gute Filme zu machen. Deswegen ging es bei uns nach einer Weile, als wir alles verstanden hatten, eigentlich wie von selbst.

prisma: In der Pandemie sind auch Kinos und Theater zum zweiten Mal geschlossen. Wie groß ist Ihre Sorge, dass sich die Branche dadurch langfristig verändern wird?

Niehaus: Ich fürchte, dass viele kleinere Kinos die Krise nicht überleben werden. Das Kino lebt von Eintrittsgeldern, aber es lebt eben auch von den Menschen und der Atmosphäre und ist nicht durch online Angebote zu ersetzen. Das Kinoerlebnis und das Ins-Theater-Gehen haben etwas mit Konversation, gemeinsamen Erleben und mit Kontakt zu tun. Man kommt ins Gespräch über das, was man da sieht. Und diese Kultur, die da drinsteckt, kann – und das wäre mir das liebste – uns so fehlen, dass wir endlich und nachhaltig begreifen, wie wichtig sie für uns ist. Es geht ja nicht nur um Ablenkung, sondern auch um Persönlichkeitsbildung. Die behandelten Stoffe sind aus dem Leben gegriffen und spiegeln uns die Welt. Mit anderen Worten: Kultur leistet den Beitrag, dass wir die anderen empathisch wahrnehmen können. Ganz blöd wäre hingegen, wenn wir behaupten, wir würden das nicht brauchen. Und zwar nicht nur, weil auch mein Job da dranhängt, sondern weil ich das für einen absoluten Rückschritt in der Menschlichkeit empfinden würde.

prisma: Neben Fernsehfilmen wie "Nächste Ausfahrt Glück" sind Sie seit einigen Jahren fester Bestandteil von Comedy- und Satire-Formaten wie der "heute show" im ZDF. Wie wichtig ist eine derartige Unterhaltung gerade in Krisenzeiten?

Niehaus: Ich persönlich kann mein Leben und Krisen mit Humor wesentlich besser aushalten. Tatsächlich kann ich mich an keinen Krankenhausaufenthalt oder keine Trennungssituation erinnern, in der es mir nicht geholfen hätte, alsbald einen humorvollen Blick darauf zu finden. Im Moment ist es natürlich so, dass wir alle von der Unterhaltungsbranche berührt werden und genau das auch brauchen! Ich persönlich habe schon lange nicht mehr wirklich über etwas gelacht. Und wenn das dann mal durch einen guten Witz im Fernsehen passiert, dann ist das auch einfach erholsam. Was die Krise angeht, würde ich sagen, dass das Wichtigste ist, dass man sieht, dass man nicht alleine ist. Das gilt für die Weltkrise genauso wie für etwaige kleine persönliche Krisen. Natürlich sind Emotionen, die wir im Fernsehen sehen, enorm hilfreich. Wenn wir sehen, dass andere die gleichen Probleme haben und die gleichen Fehler machen, bringt uns das im besten Fall ein Stück näher zusammen.

prisma: Zum Abschluss noch eine Frage zu den Anfängen Ihrer Karriere: Mitte der 1990-er wurden Sie durch die ARD-Seifenoper "Verbotene Liebe" bekannt. Das Format wurde kürzlich unter dem Titel "Verbotene Liebe – Next Generation" vom RTL-Streamingdienst TVNOW neu aufgelegt. Haben Sie schon einmal reingeschaut?

Niehaus: Nein, ich habe nur die Plakate gesehen und gelesen, dass mein lieber Kollege Heinz Hönig mitspielt, mit dem ich schon viel gemeinsam gemacht habe. Und deshalb würde ich mal sagen: Wenn Heinz mitspielt, dann ist das meistens gut.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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