Regisseur von „The Autopsy of Jane Doe“

Filmkritik zum Horror-Roadmovie „Passenger“: ein unheimlicher Trip abseits der Filmklischee-Pfade

11.06.2026, 15.34 Uhr
Nach der Enttäuschung um „Die letzte Fahrt der Demeter“ (2023) beweist Regisseur André Øvredal endlich wieder sein Händchen für verspielte Horrorinszenierungen. Die Story weist jedoch einen Makel auf.
Eine Frau in der Nahaufnahme schaut ängstlich.
„Passenger“ läuft seit dem 21. Mai in den deutschen Kinos.  Fotoquelle: picture alliance / COLLECTION CHRISTOPHEL | Paramount Pictures - 18Hz produc

„I am the passenger. And I ride and I ride“ singt Rocklegende Iggy Pop passenderweise im allseits bekannten „The Passenger“ (1977), während der Abspann anläuft. Tatsächlich ist es ein wilder Ritt, der hinter Zuschauern des Horrorfilms „Passenger“ liegt, der so manche Nerven gekostet haben dürfte. Trotz vieler bekannter Wegmarken im Drehbuch fühlt sich dieser Trip jedoch auch angenehm erfrischend an. Das ist allein schon der Prämisse geschuldet, in der das auf Social Media romantisierte Van-Leben auf waschechten Horror trifft.

Immerhin: Vom häufig unspektakulären, anstrengenden Van-Alltag mit Stellplatz finden, Toilette reinigen oder ständigen Reparaturen bleiben wir weitestgehend verschont. Der Horror entfaltet sich vielmehr im Roadmovie-Aspekt – eine Kombination, die schon für sich genommen Laune macht. Allerspätestens setzt dieser Effekt dann ein, wenn die Eröffnungsszene, die schon bei den Fantasy Filmfest Nights gezeigt worden war, so richtig an Fahrt aufnimmt.

„Passenger“: Das Unheimliche an nächtlichen Landstraßen

Gekonnt versetzt uns der Prolog in die richtige Stimmung und gibt uns ein Gefühl dafür, was die Bedrohung konkret ausmacht. Das gelingt zum einen deswegen so eindrucksvoll, weil nahezu jeder – ob als Fahrer, Beifahrer oder auf der Hinterbank – schon einmal nachts auf einer Landstraße unterwegs war; zu beiden Seiten erstreckt sich unheilvoll der düstere Wald. Es bedarf nicht mal einer besonders blühenden Fantasie, um in dieser einsamen Dunkelheit scheinbar gruselige Gestalten wahrzunehmen. Die eigenen, doch sonst so zuverlässigen Augen spielen uns in solchen Momenten gerne einen Streich, weil in unserem Gehirn bedrohliche Assoziationen geweckt werden.

Zum anderen verstehen sich Regie und Drehbuch sehr gut darauf, Spannung zu erzeugen. Weder im Prolog noch im restlichen Film jagt ein Jump-Scare den nächsten, sie werden verglichen mit vielen anderen Horrorfilmen sehr behutsam eingesetzt. Und vor allem werden sie mit Geduld und Hingabe aufgebaut. Teilweise mit so viel Geduld, dass die Spannung fast nicht mehr auszuhalten ist – ehe sie sich dann mit besagtem wohl platzierten Jump-Sacre entlädt: aufatmen, vielleicht beruhigt lachen und weiter geht´s – und zwar mit Handlung und Hauptfiguren von „Passenger“.

Authentische Liebe im Horrorfilm: Wie „Passenger“ mit seinen Hauptfiguren punktet

Maddie (Lou Llobell) und Tyler (Jacob Scipio) lassen ihr altes New Yorker Großstadtleben hinter sich und begeben sich endlich auf den Roadtrip, von dem sie so lange geträumt haben. Nach einigen Wochen auf der Straße kommt es nachts zu einem Vorfall mit einem Autofahrer, der sich merkwürdig verhält und schließlich einen Unfall baut. Von da an werden Maddie und Tyler von einem unheimlichen Wesen verfolgt, dem „Passenger“. Obendrein wird immer deutlicher, dass sich die Zukunftsvorstellungen der Beiden doch nicht unbedingt vollständig deckt. Der scheinbar geteilte Traum eines Lebens auf der Straße – er scheint einer Hälfte des Paars mehr zu gehören als der anderen.

Wer einzig und allein auf Horror aus ist, könnte sich an dem Beziehungskonflikt in der Handlung stören. „Passenger“ nutzt ihn jedoch geschickt, um die Charaktere nahbarer zu gestalten und uns emotional mit ihnen zu verbinden. Das glückt primär wegen der sehr guten Chemie zwischen den Hauptdarstellern. Lou Llobell und Jacob Scipio spielen nicht nur Furcht, sondern auch die Liebe zwischen Maddie und Tyler überaus überzeugend. Allein in den langen, intensiven Blicken, die sie sich gegenseitig schenken, liegt enorm viel Zärtlichkeit und scheinbare Zuneigung.

Als Konsequenz daraus kann man gar nicht anders als dem verliebten Paar die Daumen zu drücken und sich um sein Wohlergehen zu sorgen. Maddie und Tyler fühlen sich dadurch schlicht nicht so austauschbar an, stellen nicht die besonders für Horrorfilme oft typischen Wegwerf-Charaktere dar – obwohl sie wie gewohnt äußerst attraktiv sind. Darüber hinaus erlauben es uns die schönen, romantischen Momente zwischendurch für ein paar Minuten durchzuatmen.

„Passenger“-Finale trübt ein sonst gelungenes Horrorerlebnis

Für Horrorfans bietet „Passenger“ eine angenehme Mischung aus genretypischen Story-Entwicklungen und Erzählmustern einerseits und frischen, cleveren Ideen andererseits. So werden immer wieder altbekannte Plot Points aufgegriffen, nur um bewusst mit ihnen zu brechen. Dadurch ergeben sich genug Anknüpfungspunkte, gleichzeitig aber auch diverse Überraschungsmomente. Regelrecht jubeln lassen uns die Charaktere, wenn sie sich darauf einigen, sich eben nicht aufzuteilen – ganz entgegen dem allseits bekannten Horrorklischee. Es sind eben oft Kleinigkeiten, die Figuren authentisch und damit interessanter machen.

Auch abseits davon verhalten sich Tyler und insbesondere Maddie angenehm nachvollziehbar und logisch. Der vermutlich schwächste Part bildet leider jedoch der Showdown. Während vor allem die Inszenierung des Horrors im übrigen Film vor Kreativität nur so sprüht, kommt das Finale sehr uninspiriert und standardmäßig daher. Gedanklich verausgabt hat sich da sicherlich niemand.

Trotzdem lässt „Passenger“ sein Publikum nicht unbefriedigt zurück. Das schwache Finale mag ein Markel sein, mindert allerdings das zuvor erlebte Horrorvergnügen kaum. Im Zusammenspiel mit den schönen Bildern und dem Road-Movie-Soundtrack aus Classic Rock aber auch Indie Beats bieten die einfallsreiche, detailverliebte Inszenierung der Horrorszenen sowie die nahbaren Protagonisten großartige Unterhaltung, die sich am besten in größerer Runde in einem dunklen Kinosaal genießen lässt.

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