Serie bei Disney+

Steve Carrell in "The Patient": "The Office" war gestern

27.11.2022, 19.21 Uhr
von Julian Weinberger

Ein Patient entführt seinen Therapeuten: Domhnall Gleeson und Steve Carell liefern sich in "The Patient" bei Disney+ ab 30. November in dialoglastiges Psychoduell. Lesen Sie hier die Serienkritik.

Spektakel, aufsehenerregende Effekte, actiongeladene Szenen – wer all das erwartet, sollte sich die FX-Serie "The Patient" nicht ansehen. Das Kammerspiel des US-Senders, hierzulande ab 30. November bei Disney+ zu sehen, spielt hauptsächlich in einem Raum. Ein Tisch, zwei Stühle, dazu ein Bett und ein Nachttopf: Mehr umfasst die neue Realität von Psychotherapeut Alan (Steve Carell) nicht. Einer seiner Patienten, Sam (Domhnall Gleeson), hat ihn entführt. Körperliches Leid will er Alan nicht zufügen. Stattdessen zwingt er ihn durch eine Radikalmaßnahme, ihn von seinen mörderischen Trieben zu befreien.

Denn, so klärt die zehnteilige Mini-Serie langsam aber sicher auf, Sam hat schon mehrere Menschen auf dem Gewissen. Und ein neues Opfer beobachtet Sam seit Monaten. "Ich weiß, ich bin am Arsch", bekennt sich der Killer. "Ich will aufhören." Doch wie soll das gehen, wenn der Safe Space einer Therapie auf einmal nur noch für eine Partei gilt und der Therapeut mit einer schweren Fußfessel an den Boden fixiert ist?

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In "The Patient" passiert wenig bis gar nichts, zumindest vordergründig. Die wahre Dramatik liegt in den Dialogen, auch in der Frage, ob man für den zunächst reflektiert auftretenden und höflichen Mehrfachmörder Sam Sympathien hegen darf. Zu Beginn nimmt man ihn nicht als gewaltsamen Unterdrücker wahr, vielmehr kümmert er sich um das Wohl seines Therapeuten. Erst mit fortlaufender Dauer der Gesprächssitzungen entblättert Sam sein wahres Wesen, gegen das er aber gewillt ist, anzukämpfen – so schwer das auch sein mag.

So bedrückend und deprimierend sich die Enge des Settings von "The Patient" auf das Publikum überträgt, so heilsam erscheint die Ausnahmesituation paradoxerweise auf Alan zu wirken. Wie man in Rückblenden erfährt, betrauerte er kürzlich den Tod seiner geliebten Frau Beth (Laura Niemi). Und das Verhältnis zu seinem streng gläubigen Sohn Ezra (Andrew Leeds) ist gelinde gesagt angeknackst. All jene Emotionen treten bei dem Gefangenen sukzessive hervor – ein Therapeut in zwanghaft auferlegter Selbsttherapie, wenn man so will.

Auch wenn die Folgen von "The Patient" teils nur knapp 25 Minuten dauern, erfordert das sehr dialoglastige Skript der Serienschöpfer Joel Fields und Joe Weisberg ("The Americans") Geduld. Wer dran bleibt, wird aber mit einer sich zuspitzenden Handlung und der glänzenden Leistung der Hauptdarsteller belohnt. In den USA, wo "The Patient" schon im August anlief, erntete die FX-Produktion glänzende Kritiken. Allen voran Comedy-Experte und "The Office"-Star Steve Carell, der stets zwischen selbst auferlegter Professionalität und zunehmender Verzweiflung mäandert, erntete Lobeshymnen und gilt als Aspirant auf einen Emmy.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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