Claude Autant-Lara

Claude Autant-Lara
Geboren: 05.08.1903 in Luzarches, Frankreich
Sternzeichen: Löwe
Gestorben: 05.02.2000 in Antibes, Frankreich

Zur Filmgeschichte gehört er ohne Zweifel - wie Veit Harlan oder Leni Riefenstahl. Claude Autant-Lara war Assistent und Mitarbeiter der ganz Großen des damaligen französischen Films: Marcel L'Herbier, René Clair und Jean Renoir. Noch während des Krieges (1943) drehte er "Douce", im besetzten Frankreich ein Achtungserfolg. Nach der literarischen Vorlage "Le diable au corps" des viel-versprechenden Dichters und Schriftstellers Raymond Radiguet, der 1923 im Alter von nur 20 Jahren an Typhus starb, folgt 1947 Autant-Laras erstes Meisterwerk: "Teufel im Leib" mit Gérard Philipe und Micheline Presle in den Hauptrollen.

1956 feierte Autant-Lara mit der antifaschistischen Komödie "Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris" ("La Traversée de Paris") nicht nur einen künstlerischen, sondern auch einen Kassenerfolg. In den Hauptrollen agieren Jean Gabin und Louis de Funès. Nur drei Jahre später hat er wieder ein glückliches Händchen, zum einen wegen der Romanvorlage "Die grüne Stute" ("La jument verte") von Marcel Aymé, zum andern wegen eines schauspielerischen Jungtalents: Komiker-As André Bourvil in seiner ersten großen Rolle, die derbe Bauernklamotte bedeutete für Autant-Lara den internationalen Durchbruch. Mit dem dreistündigen Filmepos "Der Graf von Monte Christo" nach Alexandre-Dumas' Bestseller gelang ihm ein weiterer großer Wurf, doch dann wurde es - trotz der erneuten Millionenerfolge still um ihn, sein Ruhm verblasste, man vergaß ihn, er wurde zu einer Spalte in (Film-)Handbüchern.

Autant-Lara reagierte darauf mit zunehmender Verbitterung. Im hohen Alter ließ er für Le Pen's rechtsradikale Front National ins Europaparlament wählen und vergraulte selbst hartnäckigste Bewunderer, als der 88-jährige Alterspräsident eine mit rassistischen Äußerungen gespickte Antrittsrede hielt, ja sich nicht scheute, Parlamentarier der eigenen Nation, die unter den Nazis verfolgt worden waren, zu schmähen, zu beleidigen: ein unverständliches Auftreten, das zahlreiche Parlamentarier, beileibe nicht nur Franzosen, das Plenum verlassen ließ.

Zurück zum Filmregisseur: Im Kino sah man lange Zeit außer dem "Graf von Monte Christo" allenfalls in Studio-Häusern die böse, antiklerikale Mordkomödie "Die rote Herberge". Claude Autant-Lara, der unbequeme alte Herr, der sich selbst einmal einen bürgerlichen Anarchisten nannte und mit seinen Filmen die Zensoren der Fünften Republik schreckte, ist im hohen Alter vom kämpferischen Pazifisten zum Wortführer der Rechtsradikalen mutiert. Der Mann, dessen wichtigste Filme jedem engagierten Kino zur Ehre gereichen, hat sich mit seinen antisemitischen Äußerungen allenthalben diskreditiert. Für seine Bewunderer eine unverständliche Wandlung: Als Claude Autant-Lara 1946 seinen ersten bedeutenden großen Kinofilm "Teufel im Leib" gedreht hatte, erntete er Proteste. Nach der Premiere in Bordeaux wetterte die entrüstete Presse gegen Zynismus und Exaltiertheit und forderte, dass dieser Film von der Leinwand verschwinde.

Autant-Lara erzählt in seinem Film die Geschichte einer hoffnungslosen Liebe zwischen einem Gymnasiasten und der Frau eines Frontsoldaten inmitten der Wirren des Ersten Weltkriegs. Selten sah man die Situation der Jugend so kraß und vorbehaltlos wiedergegeben wie in Autant-Laras Drama. Fünfzehn Jahre später eckte Autant-Lara noch einmal bei den staatlichen Zensurbehörden an: Sein Film "L'objecteur" (Der Kriegsverweigerer) schildert einen Tag in einem französischen Militärgericht im Sommer 1948. Ein deutscher Priester, der auf Befehl einen französischen Widerstandskämpfer erschossen hatte, wird freigesprochen, anschließend verurteilt dasselbe Gericht einen Kriegsdienstverweigerer zu einem Jahr Gefängnis. Der Film - von Autant-Lara selbst mit eigenen Mitteln finanziert - wurde zwar 1961 in Venedig gezeigt, doch wegen der Intervention der französischen Regierung vom Wettbewerb ausgeschlossen. Die Regierungen in Italien, der Bundesrepublik und den USA fügten sich dem Zensurverbot. Es dauerte zwei Jahre, bis der Film in Frankreich seine Premiere erlebte - mit insgesamt dreizehn Zensur-Schnitten.

Autant-Lara, ein Diktator im Atelier, der 1956 den französischen Schauspieler Jean Gabin bei den Dreharbeiten geohrfeigt hatte, ist bei seinem Stab gefürchtet und geachtet. Gérard Philipe, der bei ihm dreimal, in "Teufel im Leib", "Rot und schwarz" und "Das Spiel war sein Fluch", gespielt hatte, verehrte den Regisseur, der Filmemacher wie Jean-Luc Godard und François Truffaut öffentlich abkanzelte, weil sie mit der 'Tradition der französischen Filmkunst' brachen. Seine Filmkarriere hat Claude Autant-Lara als 16-jähriger im technischen Stab als Dekorateur und Kostümbildner begonnen. Er gehörte zu den Mitbegründern der Avantgardetruppe "Art et Action", in der er in den Jahren 1920/22 tätig war. Als er in Frankreich keine Arbeit fand, ging er für ein paar Jahre nach Hollywood, wo er französische Filme synchronisierte und untertitelte. Nach einer Zeit mit Kurzfilmen und einer Regieassistenz bei René Clair drehte er 1932 seinen ersten Spielfilm "Ciboulette". Doch die bedeutenden Filme entstanden erst nach 1945, meist in Zusammenarbeit mit den Drehbuchautoren Jean Aurenche und Pierre Bost.

Als 1956 "Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris" entstand, entdeckte Autant-Lara einen großen Künstler, der bereits seit über zehn Jahren in kleinen Rollen zu sehen war: André Bourvil. Der spielte neben Jean Gabin einen kleinen Schwarzmarkthändler, der mit seinem Freund eine Schwein von einem Ende von Paris zum anderen transportiert. Mit scheinbarer Dreistigkeit und einer dahinter verborgenen panischen Angst prägte Bourvil nicht nur für Frankreich einen neuen Typ, die Inkarnation des kleinen Mannes, der sich groß dünkt, aber um ein Haar von der großen Welt zermalmt wird. Auch das war Autant-Lara: ein Entdecker großer Schauspielertalente. Er hat Bourvil wieder eingesetzt in seinem wohl erfolgreichsten Lustspiel, der derbdeftigen Bauernsaga im dörflichen Milieu "Die grüne Stute", einem frivolen und ursprünglichen Lichtspiel. Heute ist es um Autant-Lara ein zweites Mal still geworden. Der verbitterte alte Mann ist verstummt, in der Filmgeschichte hat er dennoch seinen verdienten Platz.


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