Berlin Alexanderplatz
09.08.2023 • 20:15 - 23:05 Uhr
Spielfilm, Drama
Lesermeinung
Mieze (Jella Haase) kümmert sich um Francis (Welket Bungué) in seiner dunkelsten Stunde.
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Francis (Welket Bungué) will ein guter Mensch werden, nur lässt das niemand zu.
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Francis' Geliebte Mieze (Jella Haase) ist eine moderne Sexarbeiterin, die ihrer Profession selbstbestimmt und selbstbewusst nachgeht.
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Originaltitel
Berlin Alexanderplatz
Produktionsland
D, NL, F, CDN
Produktionsdatum
2020
Spielfilm, Drama

Ein Pakt mit dem Teufel

Von Andreas Fischer

Ein modernes Meisterwerk: Regisseur Burhan Qurbani macht aus dem Alfred-Döblin-Klassiker "Berlin Alexanderplatz" eine erschreckend zeitgemäße und expressiv bebilderte Vision mit subversiver Botschaft. ARTE zeigt den prämierten Film nun als Free-TV-Premiere.

Am Anfang stehen die Bilder kopf, so wie die Welt kopf steht. Das Meer überschlägt sich, wütend brechen sich die Wellen, als wollten sie um jeden Preis verhindern, dass ihnen jemand entkommt. Die Nacht wird spärlich erhellt von Leuchtraketen, die Montage macht wenig später Neonreklamen daraus. Aus dem Dunkel schält sich ein Mann, ein Geflüchteter aus Afrika, der an einer europäischen Küste aus dem Mittelmeer steigt und in Berlin landet. Aus Franz Biberkopf, wie die Hauptfigur in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" aus dem Jahr 1929 hieß, wird knapp hundert Jahre später Francis (Welket Bungué): Regisseur Burhan Qurbani hat aus Figuren, Motiven und Handlungsgerüst des Literaturklassikers eine moderne und sehr leidenschaftliche Filmversion destilliert. Nun feiert das prämierte Meisterwerk bei ARTE Free-TV-Premiere.

Dem Druck, einen sprachgewaltigen Klassiker der deutschen Literatur neu zu verfilmen, der zudem von Rainer Werner Fassbinder kongenial fürs Fernsehen adaptiert wurde, hält Qurbani mit Selbst- und Stilbewusstsein stand. Er schenkt den Zuschauern drei Stunden voller Reize, drei Stunden, an denen man sich reiben kann, wie sich der von Albrecht Schuch grandios gespielte Kleinkriminelle Reinhold am stolzen Francis reibt, in der Hoffnung, er könne von dessen Kraft und Stärke profitieren. Die toxische Verbindung der beiden ungleichen Männer ist der emotionale Kern des Films, der zwar ein Berlin-Film ist, aber in dem Berlin nur exemplarisch für die Gesellschaft steht. Die Stadt ist genauso austauschbar, wie es die Menschen in ihr sind.

Francis trägt eine schwere Last mit sich. Er hat Schuld auf sich geladen und seine Würde verloren. Nun hofft er darauf, ein guter Mensch werden zu können. Das ist er seiner Freundin, die im Meer blieb, und Gott schuldig. Doch das Leben, das er "halb tot und halb lebendig" neu beginnt, hat anderes mit ihm vor, verkündet eine Frauenstimme aus dem Off unheilvoll: Mieze (Jella Haase), eine selbstbestimmte und selbstbewusste Sexarbeiterin, kommentiert Francis' Schicksal zunächst aus der Distanz, bevor sie später aktiver Teil seines Lebens wird und ihm für einen kurzen Moment Liebe und Hoffnung schenkt.

Teuflischer Pakt

Zunächst einmal verschlägt es Francis auf eine Berliner Großbaustelle. Doch ohne Papiere und Arbeitserlaubnis ist rechtschaffene Arbeit nicht lange möglich; der Willkür seines Vorarbeiters ausgesetzt, prügelt sich Francis direkt in die Arme des seelisch und körperlich verkümmerten Reinhold, der ihm einen teuflischen Pakt anbietet und ihn in der Neuköllner Hasenheide zum Drogendealer macht.

Francis kann kein guter Mensch sein, wenn ihn das Leben nicht lässt. Er müht sich redlich, er rackert sich ab, er will es schaffen. Und doch ist er zum Scheitern verdammt. Warum? Weil er sich selbst überlassen ist. Wie einst Franz lebt auch Francis am Rande der Gesellschaft, weitab von all seinen Träumen, von Sicherheit, einem guten Einkommen, der Anerkennung als Mensch. Auch für ihn geht es ums Überleben in einer feindlich gesinnten Welt, die ihn vergessen hat.

Die Geschichte ist die gleiche, nur der Kontext hat sich 100 Jahre später geändert. Burhan Qurbani interpretiert den Klassiker von Alfred Döblin neu und sehr zeitgemäß. Erschreckend zeitgemäß. Als der Film 2020 auf der Berlinale uraufgeführt (und gefeiert) wurde, stand Deutschland unter dem Schock der Anschläge von Hanau. Seine Aktualität wird das Werk angesichts regelmäßiger rassistischer Übergriffe – ob hierzulande oder in den USA – wohl auch in naher Zukunft kaum einbüßen.

Ein Film wie eine Oper

Wie etwa die "Black Lives Matter"-Bewegung in den Vereinigten Staaten erhebt auch Burhan Qurbani seine Stimme gegen den alltäglichen Rassismus, den man zwar wahrnimmt, aber nicht wahrhaben will. Bei einer Kostümparty der Berliner Boheme findet es Reinhold witzig, Francis in ein Gorillakostüm zu stecken und sich selbst als Kolonialherren zu inszenieren. Diese Szene bringt auf den Punkt, was Rassismus ist und wo er wuchert. Die Mitte der Gesellschaft macht Ressentiments und Vorurteile gegenüber Geflüchteten salonfähig.

Qurbanis Eltern sind vor 40 Jahren selbst geflüchtet, haben Afghanistan verlassen, um sich ein neues Leben aufzubauen, vor allem eines in Sicherheit. Der Regisseur weiß, wovon er spricht, wenn er den Menschen eine Stimme gibt, denen man nicht zuhört, weil man sie übersieht – ohne Sentimentalität, und auch nicht als sozialrealistisches Drama. Er erzählt seine Geschichte über das Leben, die Liebe, das Leiden, ungestüm, wild und exzessiv.

"Berlin Alexanderplatz" ist wuchtig und draufgängerisch, ein Film wie eine Oper, der sich in seinen fünf Akten nicht scheut, mit Inbrunst und Pathos Arien zu schmettern. Das ist fesselnd und entwickelt einen Sog, man kommt nicht umhin, am Schicksal derer teilzuhaben, die gemeinhin nicht wahrgenommen werden und die wie Francis keine Chance bekommen. Dass der Schluss eine gewagte Utopie ist und viel versöhnlicher als bei Döblin oder Fassbinder, das kann man durchaus als Appell verstehen.

Berlin Alexanderplatz – Mi. 09.08. – ARTE: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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