Die ARD hat eine neue Krimireihe: Ein erblindeter Ermittler muss lernen, seine übrigen Sinne zu schärfen.

Chefinspektor Alexander Haller (Philipp Hochmair) verlor bei einem Sprengstoffattentat auf seinen Wagen nicht nur das Augenlicht, sondern auch seine Freundin Kara. Über deren Tod, an dem er sich die Schuld gibt, kommt der Wiener Ermittler nicht hinweg. Deshalb will er sich das Leben nehmen. Der Suizid des stillen Fahrgastes wird ausgerechnet von einem Taxifahrer mit Berliner Schnauze (Andreas Guenther) verhindert, der Haller eben noch zum Ort seines Vorhabens chauffierte. Fortan werden die beiden Partner – die Krimilogik will es so. Ein blinder, lakonischer Spitzenermittler, dem nebenbei ein Luxushotel gehört, und sein dauerquasselnder Alltagsorganisator, das ergibt: "Blind ermittelt". In "Die toten Mädchen von Wien", dem ersten Fall einer geplanten Reihe, ist das Duo einer Mordserie an osteuropäischen Mädchen auf der Spur.

Für neuen Sinn im Leben des ehemaligen Sunnyboys Haller sorgt ausgerechnet der für die Ermordung von dessen Freundin verurteilte Udo Strasser (Stipe Erceg). Der sinistre Gangster, mindestens ebenso elegant wie der Ermittler, ist ausgebrochen, um seine Unschuld zu beweisen. Dass der Ex-Kommissar ohne Augenlicht selbst wieder ermittelt, missfällt seiner früheren Partnerin und Nachfolgerin Laura Janda (Jaschka Lämmert). Auch Hallers Ex-Chef Pohl (Johannes Silberschneider) macht sich Sorgen. Auf der Suche nach Aufklärung seines eigenen Falls stoßen Haller und sein Sidekick Nikolai Falk (Guenther) auf einen brutalen Mädchenhändlerring.

Wenn Österreicher und Deutsche gemeinsam eine Reihe oder Serie entwickeln, muss man die unterschiedlichen Vorlieben der Zuschauer im Blick haben. Der Österreicher liebt es düster, versponnen und gerne ein bisschen "drüber". In Deutschland mag es das vor dem linearen TV-Bildschirm verbliebene, ältere TV-Publikum zurückhaltender und berechenbarer. Aufgrund der Diskrepanz erreichen gefeierte Ösi-Serien hierzulande oft nicht das ganz große Publikum. "Vorstadtweiber" – da spielt Theaterstar Philipp Hochmair übrigens einen schwulen Politiker – ist in Österreich ein Straßenfeger. Hier wanderte die Serie mit ihrer jüngsten Staffel ins Spätprogramm der ARD. Andere, noch ambitioniertere Serien wie "Braunschlag" oder "Altes Geld" sind dem deutschen Mainstream schon kaum noch vermittelbar.

Was also tun, wenn man aus dem samstäglichen Krimi-Testballon, wie man hört, am liebsten einen neuen "Wien-Krimi" für den Donnerstag stricken will? Die Drehbuchautoren Ralph Werner ("SOKO Kitzbühel") und Don Schubert ("Kebab extra scharf!") fanden einen Kompromiss zwischen den Regeln deutscher Krimi-Mediokrität und vorsichtiger Exaltiertheit. Die Figur des Alexander Haller hat etwas von den Krimi-Dandys der Marke "Sherlock" oder Martin Suters "Allmen". Auch die krasse, wenn auch etwas überkandidelte Auflösung des Auftaktfalles ist nicht typisch deutsch.

Mit Werner und Schubert schrieben zwei Autoren das Drehbuch, die sich aufs Leichte verstehen, aber auch wissen, wie man einem großen Publikum Stoffe vermittelt. Regie führte Newcomer Jano Ben Chaabane. Der 32-Jährige arbeitete bislang gemeinsam mit Joko Winterscheidt und Klass Heufer-Umlauf an deren irren Showprogrammen. Irgendwo muss das bisschen Innovation im deutschen Mainstream-Krimi ja herkommen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst